Rückbesinnung erforderlich

Rückbesinnung erforderlich

Moment mal

Rückbesinnung erforderlich

Von Burkhard Budde

Rückbesinnung erforderlich

F.A.Z. Leserbrief über staatliche Bürokratie 

Nur wer von seiner Aufgabe überzeugt ist, kann andere Menschen überzeugen. Und nur wer –worauf Reinhard Müller überzeugend hinweist – das eigene Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt nicht als „Fremdkörper“ betrachtet, sondern als zu schützende und zu verteidigende Werte und Aufgaben, kann die Akzeptanz vieler Bürger (zurück-) gewinnen. 

Der liberale Staat mit seinen demokratischen Institutionen braucht das stabile Vertrauen seiner Bürger, das er sich durch sachliche Lösungskompetenz und transparente Überzeugungsarbeit sowie durch eine leidenschaftliche Politik der weitsichtigen Vernunft täglich erarbeiten muss. 

Staatliche Bürokratie sollte als Bündnispartner verantwortlicher Politik kein Selbstzweck sein, kein goldenes Instrument der Bevormundung souveräner Bürger und freier Unternehmen, auch kein Erfüllungsgehilfin von Gruppen-, Lobby- und Partikularinteressen, sondern ein weltanschaulich neutraler sowie kompetenter Dienst für den Bürger und für das Gemeinwesen als Ausdruck des Gemeinwohls. Zur „öffentlichen Sache“ gehört die ständige Aufgabenkritik, aber auch die Stärkung von Freiräumen im berechenbaren Rahmen einer fairen Wettbewerbs- und gerechten Sozialordnung. 

Die Rückbesinnung auf das gute alte, vor allem bewährte Subsidiaritätsprinzips, das freie Eigenverantwortung, schöpferischen Pioniergeist sowie aktivierende Hilfen zur Selbsthilfe und gezielte Solidarität ermöglicht, würde ein staatliches Subventionsfeuerwerk nach dem Gießkannenprinzip und ein Leben auf Pump zu Lasten der nächsten Generationen verhindern oder wenigstens reduzieren. 

Das Ansehen des Staates und seiner Institutionen hängt nicht vom Geldsegen ab, sondern vor allem vom  begründeten Vertrauen in die Gestaltungsfähigkeit und Führungskompetenz der politischen Macht auf Zeit – bis zur nächsten (Neu-)Wahl. 

Statt Erosion mit extremen Fliehkräften würde der Wille des Bürgers ernst- und wahrgenommen. Sichtbar und erlebbar würden Zusammengehörigkeit und Zusammenhalt sowie gelebte Werte wie Nachhaltigkeit und Verhältnismäßigkeit sowie Generationengerechtigkeit im Auftrag und als Ausdruck eines souveränen Volkes, das dem Staat, der Politik und der Demokratie sehendes Vertrauen schenkt. 

Burkhard Budde 

Leserbrief zum Kommentar „Erosion der öffentlichen Sache“ von Reinhard Müller

(F.A.Z. 16.8.2023); erschienen am 26.8.2023

 

Geburtstag

Geburtstag

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Mit Botschaft gratulieren

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Mit Botschaft gratulieren

Berechtigtes Anliegen? Das Telefon klingelte. Ein Mann fragte vorwurfsvoll: „Wie können sie nur ihren Geburtstag feiern?“ Hoppla! Sprach da eine Spaßbremse, die Spaßvögeln das Feiern madig machen will? Oder hatte der Anrufer berechtige Sorgen – zum Beispiel wegen der Gesundheit des Jubilars, geringer finanzieller Mittel oder sozialer Konflikte?

Doch beim Anrufer spielten andere Motive eine Rolle: Bei einer Geburtstagsparty ginge es ums Essen und Trinken sowie um das Ich. Ein Christ sollte jedoch die Heilige Schrift zum Maßstab seines Handelns machen. Und die kenne keine Geburtstagsfeiern von Christen. Der Angerufene konterte: „Was nicht in der Bibel steht, kann ich als Christ dennoch verantworten – zum Beispiel die Existenz des Telefons,  mit dem sie mich anrufen und meine Zeit stehlen.“ Das war zu viel für den Anrufer. Er legte einfach auf.

Was beide nicht wussten war, dass das Thema „Geburtstagsfeier“ eine Geschichte hat.

Die Griechen feierten diesen Tag nicht jährlich, sondern einmal im Monat mit Freunden, die am selben Tag des Monats das Licht der Welt erblickt hatten. Es war wohl ein Trinkgelage – allerdings nicht zu Ehren der „Geburtstagskinder“, sondern vor allem zu Ehren des Daimon, der als schützender Lebensbegleiter zugleich eine moralische Instanz darstellte und zwischen den Göttern und Menschen vermittelte.

Auch die Römer kannten ausufernde Feiern mit Freunden, häufig auch öffentlich. Dabei hatte das konkrete Geburtsdatum wenig Bedeutung, da man die Jahre nicht zählte. Vor allem wurde nicht die Geburt eines Menschen, sondern die Geburt des Schutzgottes Genius gefeiert, dem zum Beispiel Weihrauchharz geopfert wurde. Götter waren den Kindern der antiken Zeit wichtig – vor allem Anlass auch zu regelmäßigen Geburtstagsfeiern.

Die ersten Christen hatten da ihre Schwierigkeiten. War die Sünde nicht mit der Geburt eines Menschen in die Welt gekommen? Feierten nicht Sünder wie der Pharao ihren Geburtstag? Und hatte Hiob nicht während einer Geburtstagsfeier seine Söhne verloren? Wieso soll ein Geburtstag wichtiger als ein Todestag sein, wenn die unsterbliche Seele, die aus der Ewigkeit kommend in die Ewigkeit zurückkehrt, keine Zeit kennt?

Es dauerte viele Jahre, bis Geburtstagsfeiern üblich wurden. Vor der Aufklärung, die um 1700 begann, waren Geburtstagsfeiern in Adelskreisen häufig eine Inszenierung der eigenen Macht und des Ichs; nach der Aufklärung wurden sie auch in anderen Gesellschaftskreisen sowie bei Christen beliebter, die seit dem späten 4. Jahrhundert die Geburtstagsfeier Jesu – das Weihnachtsfest – kannten. Denn die Seele vieler, die in der Reformationszeit käuflich, aber dadurch auch zum Rechtssubjekt geworden war – „wenn du zahlst, werden dir deine Sünden erlassen“ – , hatte in der Aufklärungszeit ein selbstbewusstes und mutiges Ich entwickelt, sich selbst zu feiern.

Heute liegt es in der Hand des aufgeklärten Ichs, ob es dankbar an das Geschenk seiner Geburt, an Menschen oder an seinen Schöpfer denkt, ob er fröhlich feiert, im kleinen oder großen Rahmen – vielleicht nicht mit Genius oder Dämon, wohl aber mit einem sichtbar unsichtbaren Engel, der mit Wertschätzung sowie der Botschaft der Liebe gratuliert.

Burkhard Budde

Veröffentlicht am 3.9.2023 in der Kolumne „Auf ein Wort“ im Wolfenbütteler Schaufenster in der Region Wolfenbüttel

Schätze wachgeküsst

Schätze wachgeküsst

Moment mal

Schätze wachgeküsst

Von Burkhard Budde

Steinerne Schätze durch Artikel wachgeküsst 

Zur GZ-Serie „Mauern und Türme erzählen Geschichte(n)“ von Jörg Kleine 

Die Harzregion war etwa 300 Jahre lang ein machtpolitischer Schauplatz des Heiligen Römischen Reiches. Am Beginn stand der Ottone Heinrich I, der ab 912 Herzog von Sachsen und von 919 bis 936 König des Ostfrankenreiches war; am Ende der Welfe Otto IV von Braunschweig, der 1218 als Kaiser auf der Harzburg starb. 

Es ist dem GZ-Chefredakteur und seiner Serie zu verdanken, dass am Beispiel der Mauern und Türme der Kaiserstadt Goslar steinerne Zeugnisse einer vergangenen Zeit erneut wahrgenommen werden und ihre ehemalige und gegenwärtige Bedeutung verstehbar wird, dass sie vor allem durch die Erinnerungen an Personen und Geschehnisse anfangen zu faszinieren und zu sprechen. 

Die ganze Harzregion ist voller Schätze, die entdeckt und gehoben werden können, manchmal auch aus ihrem Dornröschenschlaf durch solche Artikel „wachgeküsst“ werden müssen. Und die Vermittlung und Aktualisierung historischen Wissens stärkt zudem das Wir-Gefühl und den Zusammenhalt der Menschen in Region. 

Die Harzgeschichte hat eine bleibende Botschaft: Macht, Reichtum und Ruhm sind vergänglich und Stückwerk, manchmal auch eitel und vergeblich. Und als (Willkür-) Herrschaft ohne Aufklärung und Menschenrechte für die heutige Zeit und aus heutiger Sicht nicht vorbildlich. 

Aber stets stehen die Lebenden – gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst – auf den Schultern der längst Verstorbenen, damit sie selbst weitsichtiger sehen lernen und (Unterscheidungs-) Kraft zur neuen Verantwortung für die Vor-, Mit- und Nachwelt entwickeln können. 

Burkhard Budde 

Leserbrief in der Goslarschen Zeitung vom 23. 8.2023

Übertreibung

Übertreibung

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Wer übertreibt, treibt

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Wer übertreibt, treibt 

Man kann alles übertreiben. Bei manchen Dingen schwingt das Pendel von einem Extrem ins andere. Das gilt zum Beispiel für Schwärmer, die zunächst alles durch die rosarote Brille sehen und Sternchen in ihren Augen haben, sich aber eines Tages Scheuklappen aufsetzen, weil sie enttäuscht oder verführt worden sind, alles nur noch negativ betrachten und zu Dauernörglern werden.

Oder für Erbsenzähler, die aus einer kleinen Ungenauigkeit einen großen Wirbel machen und zu Pauschalurteilen neigen.

Übertreiber baden im Wechselbad ihrer Gefühle und werden von ihnen getrieben. Das Pendel wird mal laut, mal leise, mal verdeckt, mal sichtbar, mal schnell(er), mal langsam(er) hin- und hergeschwungen. Die Stimmung kann zwischen Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt schwanken, zwischen höchstem Glücksempfinden und tiefster Trauererfahrung.

Die Einseitigkeit und Parteilichkeit, die Borniertheit und das Schwarz-Weiß-Denken können auch seltsame politische Kapriolen erzeugen, vor allem auf der negativen Seite: Detail- und Kontrollvernarrt wird das Haar in der Suppe gesucht. Dabei wird vergessen, dass durch übertriebenes Kopfschütteln und selbstgerechte Besserwisserei eigene Haare in die Suppe gefallen sind und sie ungenießbar gemacht haben.

Wer es mit Verboten und Regulierungen übertreibt, von oben herab erwachsene Menschen erziehen und eine gesellschaftliche Entwicklung zugunsten von Gruppeninteressen erzwingen will, behindert Kreativität und Eigenverantwortung, verhindert Pioniergeist und Engagement, vertreibt kluge Köpfe und den Fortschritt, der eigentlich allen zu Gute kommen sollte.

Oder wer seinen Mitmenschen ständig Etiketten auf die Stirn klebt, nur weil sie eine andere Meinung als sie selbst vertreten, sie auszugrenzen versucht und zum Schweigen bringen will, um das eigene Süppchen ungestört kochen zu können, zerstört in der Demokratie den freien und offenen Meinungsbildungsprozess im Blick auf tragfähige und nachhaltige Lösungen für alle.

Das schwingende Pendel lässt sich nicht einfach anhalten; auch helfen keine unrealistischen Ziele, wenn ihre Folgen, die Möglichkeiten und Bedingungen nicht mitbedacht werden. Wohl aber können Kompromisse als Lebenselixier der Demokratie gesucht werden. Maßstäbe wie die Wahrung der Verhältnismäßigkeit, Menschen- und Sachgerechtigkeit, Klima- und Umweltverträglichkeit, Wirtschaftliches und Soziales sowie Verantwortung für zukünftige Generationen sind zugleich positive Antriebsfedern, um einen fairen Ausgleich unterschiedlicher Interessen und Überzeugungen zu erzielen.

Eine unsichtbare Feder der liebenden Vernunft kennt bei allen wechselnden Schwingungen und komplexen Verflechtungen ein hörendes Herz, das die Lebensfülle weitsichtig und zugleich konkret gestaltet, indem es mit den richtigen Mitteln die richtige Mitte im Möglichen entdecken hilft.

Wer diese Mitte sucht, wird eine gemeinsame Zukunft selbst in Zeiten wachsender Polarisierungen und Fragmentierungen finden – in Würde und Freiheit, in Sicherheit und Gerechtigkeit.

Und der Mensch mit seiner persönlichen Lernfähigkeit und Verantwortung, aus der er Zuversicht schöpfen kann, bleibt bei allen extremen Pendelschlägen stets Dreh- und Angelpunkt dieser dynamischen Mitte.

Burkhard Budde

Veröffentlicht am 27.8.2023 in der Kolumne „Auf ein Wort“ im Wolfenbütteler Schaufenster in der Region Wolfenbüttel

Höflichkeit

Höflichkeit

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Höflich bleiben?!

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Immer höflich sein? 

Höflich bleiben?

Das fällt nicht immer leicht:

Während einer Zugfahrt legt ein Mitreisender seine schmutzigen Schuhe auf den Sitz; ein anderer führt ein lautes Telefongespräch, als säße er ganz allein im Abteil.

Im Supermarkt an der Kasse gähnt eine Person mit weit geöffnetem Mund, als wolle er die Kassiererin auffressen; eine andere Person, die mit offenem Mund Kaugummi kaut, beschwert sich im rüden Ton über die Warteschlange.

Auf einer Bank einer Strandpromenade bohrt ein Urlauber unbekümmert in seiner Nase, beleidigt nicht nur die Augen der vorbeischlendernden Passanten, sondern riskiert auch eigenes Nasenbluten. In einer Gaststätte schlürft und schmatzt ein Gast und lobt mit vollem Mund das Essen; ein anderer reinigt vor versammelter Mannschaft seine Zähne.

Beim Betreten eines Aufzuges grüßt ein Mann freundlich die Anwesenden, erntet jedoch nur einen schalen Blick, der Bände spricht; keiner erwidert den Gruß.

Die Liste der „fehlenden Kinderstube“ oder der „schlechten Gewohnheiten“ ließe sich beliebig verlängern.

Manche Menschen jedoch, die keine Höflichkeit zeigen, kennen nur den selbstverliebten Egotrip und ihre selbstgerechten Ansprüche:

Wenn sie zum Beispiel durch die Missachtung eines Dresscodes provozieren: Bei einer Beerdigung ein buntes Pop-Kleid oder bei einer Hochzeit schmuddelige Jeans tragen.

Oder nur an sich und ihre eigenen kulturellen Prägungen denken und die rechtlichen Spielregeln der Allgemeinheit ignorieren, indem sie in einem Freibad Frauen oder Minderheiten verbal attackieren oder sogar anspucken und tyrannisieren.

Probleme aggressiver Unhöflichkeit lassen sich dann nicht weglächeln, sondern müssen benannt, besprochen und konsequent im Rahmen von Recht und Gesetz bewältigt werden, damit ein friedliches und sicheres Miteinander gelingt.

Es gibt eine falsche Höflichkeit einem ungehobeltem Rüpel oder einem politischen Tyrannen gegenüber, indem der Kopf ängstlich eingezogen oder in den Sand gesteckt wird, was nur zur weiteren Rücksichtslosigkeit oder zur vermehrten Brutalität einlädt. Manchmal helfen nur klare Benimmregeln im Kleinen und das vereinbarte Völkerrecht im Großen, Durchsetzungskraft und Wehrhaftigkeit, eine ruhige und souveräne Haltung, die von Gelassenheit und Besonnenheit getragen wird, um nicht selbst kopflos zu werden.

Zur wahren Höflichkeit im normalen Alltagsleben gehört der lohnende Versuch, Absprachen im Blick auf Termine und Aufgaben einzuhalten, die richtige Anrede zu wählen oder unnötige Abkürzungen zu vermeiden. Höflichkeit, die gepaart ist mit ehrlicher Freundlichkeit und positivem Humor, emphatischer Umgänglichkeit und wertschätzendem Wohlwollen, ist ein wichtiger Schlüssel zu einem gelingenden Leben: Selbst im Stress und Streit, können die Sachebene von der Beziehungsebene leichter unterschieden, Lösungen in der Sache gefunden oder unterschiedliche Auffassungen ausgehalten werden.

Ohne affektierte Maske oder kumpelhaftes Verhalten kann eine höfliche Person, die sich auf dem Parkett des Lebens sicher bewegt, die Form einhalten und dadurch Format zeigen.

Burkhard Budde

Veröffentlicht am 20.8.2023 in der Kolumne „Auf ein Wort“ des Wolfenbütteler Schaufensters

Wer regiert?

Wer regiert?

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Wer regiert?

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Wer regiert? 

Wer hat das Sagen, wer das letzte Wort?

Einer schmunzelt: „Meine Mutter ist meine Regierung.“ Ein anderer verrät ein offenes Geheimnis: „Mein Chef sagt, wo es lang geht.“ Ein weiterer Teilnehmer der Diskussionsrunde meint, dass Zahlenmenschen die Welt regieren. Manche nicken, weil sie selbst schon kleinkarierte Erbsenzähler erlebt haben, die haargenau abrechnen und im Streit pedantisch aufrechnen. Ein anderer widerspricht. Er kennt Machtmenschen, die kaum Interesse an Zahlen haben, wohl aber ihren Einfluss „ohne Rücksicht auf Verluste“ vergrößern und ihre Vorteile „ohne Fingerspitzengefühl“ vermehren. Ein weiterer Diskutant erinnert sich an Geldmenschen, die er mal als gierig und gewinnsüchtig, mal als verschwenderisch und verantwortungslos, mal als geizig und gedankenlos, aber auch als sparsam, enthaltsam und weitsichtig beschreibt. „Übertreibt mal nicht“, ruft einer in die Runde, „es gibt auch Showmenschen ohne Tiefgang, die ihre Fans beherrschen.“ Und „Weltverbesserer, Sittenwächter und Moralapostel, die mit dem eigenen Kopf durch die Wand wollen und dabei sich selbst und anderen Schaden zufügen.“ Da fällt einem ein Beispiel ein: „Schwester Rabiata“ habe es mit ihm zwar gut gemeint, ihn aber nie zu Wort kommen lassen. Schließlich werden Geschichten über Politiker erzählt, die mit Netzwerken und Seilschaften oder Gruppenzugehörigkeit an die Macht gekommen seien, aber aufgrund fehlender Qualifikation und Erfahrung „einen schlechten Job“ machten. Manche seien auch auf der Welle des Zeitgeistes, der durch Minderheiten geprägt sei, in die Schaltzentralen der Macht getragen worden.

Sind solche oder ähnliche Typen die alleinigen Macher der Macht, weil sie etwas machen, herrschen und beherrschen (wollen)?

Weil sie vielleicht alle von der Angst getrieben sind, zu kurz zu kommen, das Gesicht zu verlieren oder nicht als Erster im Wettlauf um Wertschätzung, Anerkennung, Einfluss oder Geld über die Ziellinie zu kommen?

Gibt es jedoch nicht auch die notwendige Kraft des sehenden Vertrauens, weil keiner sein Leben im Alleingang meistern kann, dass das Ich das Du braucht und beide das Wir? Dass Werte wie Anstand und Respekt, Fairness und Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit die frische Luft zum Atmen in einer Gemeinschaft sind? Dass alle die Quelle gemeinsamen Rechts und gemeinsamer Spielregeln brauchen, damit Zusammenhalt und Zusammenarbeit, eine gemeinsame Zukunft in Würde, Freiheit und Sicherheit möglich werden? Müssen wirklich Neid – die lähmende Bremse des Fortschritts durch ständiges Vergleichen -, Hass – die eiskalte Keule, die alles Menschliche vergiftet und zerstört – , Heuchelei – die schöne Maske, hinter der sich häufig Minderwertigkeitsgefühle verbergen – oder Denkfaulheit – die eigenen vier Wände der Gewissheiten, die zwar Ruhe versprechen, aber Risse und Löcher haben – immer das letzte Wort behalten?

Es gibt noch eine Kraft im Machtgerangel der Gefühle und des Denkens, aber auch im Machtkampf der Interessen und Weltanschauungen: Die Kraft der Liebe, die zwar als Schwärmerei und Naivität oder als Moral und Bevormundung missverstanden werden kann. Aber im Geiste der biblischen Botschaft vor allem die persönliche Verantwortung vor Gott meint, der den Menschen von destruktiven Kräften befreien will, damit seine Vernunft beweglich, vernünftig und menschlich bleibt. Dieser Gott wirkt mitten in der Welt mit seinem Wort, in dem der schöpferische Geist wohnt. Gott lässt seinem Geschöpf und Ebenbild die Freiheit, seine Ohren und seinen Mund zu verschließen. Der Mensch kann aber auch seine Ohren, seinen Mund und seine Hände in aller Vorläufigkeit öffnen, weil sich Gott das letzte Wort vorbehalten hat.

Burkhard Budde

Veröffentlicht im Wolfenbütteler Schaufenster in der Kolumne „Auf ein Wort“ am 13.8.2023