Nachruf Gerd Winner

Nachruf Gerd Winner

Nachruf auf Gerd Winner

Begegnungen mit einem Ausnahmekünstler

Von Burkhard Budde

Gerd Winner im Park vor seinem Schloss mit der Schlosskirche St. Mariä Verkündigung im Jahr 2020

Nachruf auf Gerd Winner

Erinnerungen an einen Ausnahmekünstler 

Gerd Winner, international anerkannter Maler und Grafiker aus Liebenburg, ist am 8 April 2026 im Alter von 89 Jahren gestorben.

Schon zu Lebzeiten schrieb er Kunstgeschichte. Der in Braunschweig geborene Künstler sowie Professor für Malerei und Grafik an der Kunstakademie in München hat an vielen Orten künstlerisch gewirkt und sichtbare Spuren hinterlassen:

Zum Beispiel in Wolfenbüttel („Turm der Technik“), in Braunschweig in der Dominikanerkirche St. Albertus Magnus („Altarbild“, „Kreuzweg“) und an der Stirnseite des Altenpflegeheimes Bethanien („Christuskopf), in Salzgitter-Bad („Jakobsleiter“ und „Schwerter zu Pflugscharen“), im Konzentrationslager Bergen-Belsen („Haus der Stille“), im Altarraum der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt in Bad Gandersheim („Madonna-Darstellung“). Er suchte die künstlerische Auseinandersetzung mit der Stadtkultur und urbanen Strukturen in seinen umfangreichen Grafikzyklen „London Transport“, „London Docks“, „Roadmarks“, „New York Times Square“. Im Park seiner Wirkstätte Schloss Liebenburg, das er 1974 erworben hatte, um eine Siebdruckwerkstatt sowie ein Atelier aufzubauen, sind seit 2009 Stahlskulpturen von ihm zu sehen.

Beispielsweise eine kreisförmige Bodenskulptur, die ein vierteiliges Labyrinth darstellt, kann wie Gerd Winner dem Verfasser dieses Nachrufes im Jahr 2020 erläutert, auf die vier Lebensphasen sowie auf die vier Evangelien hinweisen – auf einen „existentiellen Weg zu Gott“ (Gerd Winner).

Oder die stählerne „Himmelsscheibe“ am Hang des Parks, die der aufgehenden Sonne entgegengerichtet ist. In ihr durchdringen sich in abstrakter Form Alpha und Omega, die Zeichen von Anfang und Ende und damit die Hoffnung auf Neuanfang ohne Ende – durch den Schöpfer des Himmels und der Erde – durch ihn und zu ihm hin.

Überhaupt stehen die Skulpturen im Zusammenhang mit der internationalen Straße des Friedens von Paris nach Moskau und haben damit auch eine überregionale Bedeutung, jedenfalls im Blick auf den Kalten Krieg etwa 1947 bis 1991. Dennoch bleibt die – recht verstandene und gelebte – Religion als „permanente Urkraft“ des Friedens und der Freiheit. Im Leben und künstlerischen Wirken von Gerd Winner spielte diese Kraft stets eine existentielle und spirituelle Rolle. In vielen Gesprächen mit ihm über den „Christuskopf“ im Jahre 2002 wurde mir das deutlich. Seine verstorbene Frau Ingemar Reuter hatte einen Entwurf des Christuskopfes – ein Ausschnitt aus dem Altarkreuz des italienischen Malers Giottos aus dem 14. Jahrhundert in Rimini – angefertigt. Und Gerd Winner vollendete ihn „posthum“ technisch, aber auch als „geistliches Programm“. Das vier Mal vier Meter große Kunstwerk aus gelasertem Chromnickelstahl bildet sich erst durch den Abstand vor der Wandfläche von Bethanien heraus. Vor allem möchte der Schmerzensmann, dessen Kopf sich dem Betrachter zuneigt, in aller Öffentlichkeit neues Vertrauen und Hoffnung schenken. Das Göttliche, das im Menschlichen – auch im leidenden Menschen – wohnt, kann nicht relativiert oder zerstört werden. In der Ohnmacht und Zerbrechlichkeit, in jeder Lebenslage, leuchtet das Unendliche und Ewige, das Unbegreifliche und Unfassbare auf. Und kann mit Hilfe der Kunst entschlüsselt werden – ohne pädagogischen Zeigefinder eines Künstlers, wohl aber mit einem spirituellen Fingerzeig, der zum bleibenden Werk Gerd Winners gehört.

Ich bin dankbar, Gerd Winner kennengelernt zu haben, und denke im Gebet an seine Frau Martina und den Sohn Marian Maximilian. Und wünsche ihnen, dass sie aus der künstlerischen Quelle des Verstorbenen, die zugänglich bleibt, spirituelle Zuversicht und Kraft zum Leben und zur Liebe schöpfen können.

Burkhard Budde

Gerd Winner mit dem Verfasser des Nachrufes vor dem Entwurf des Christuskopfes

Ecce Homo 

Siehe…

Nur ein Mensch?

Auch ein Mensch?

Dennoch ein Mensch?

Vor allem ein Mensch?

Der Mensch?

 

Ein Mensch im Licht und Schatten:

Im Rampenlicht und Zwielicht.

In Eindeutigkeit und Mehrdeutigkeit.

In Offenheit und im Rätsel.

 

Im Zeichen des Kreuzes:

Mit Würde und souveräner Freiheit.

Im Vertrauen auf versteckten Sinn.

In Gewissheit auf unvergängliche Liebe.

 

…ich glaube

…zu verstehen.

 

Burkhard Budde

Krankenhaus

Krankenhaus

Auf ein Wort

Erlebnisse in einem Krankenhaus

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Erlebnisse in einem Krankenhaus

Rolf hat in seiner Not keine strenge Schwester „Rabiata“, die wenig Geduld hat, schnell laut wird und immer Recht hat, kennengelernt. Auch ist ihm kein unnahbarer „Halbgott in Weiß“, der fast allwissend und unfehlbar wirkt oder wirken will, begegnet.

Wohl aber erlebt Rolf, der wie aus heiterem Himmel in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, qualifizierte, kompetente und engagierte Ärzte sowie Pflegekräfte, die es jedoch (fast) alle häufig eilig haben, ruhelos von Zimmer zu Zimmer hasten und Stress verbreiten.

Doch Rolf, der kraftlos ist, Hilfe braucht, seine persönliche Krise, die sein Selbstwertgefühl in Frage stellt, nicht ausgesucht oder sich gewünscht hat, schweigt lieber und fügt sich der „Organisation“, indem er ihr einen Vorschuss an Vertrauen schenkt. Denn er versucht, das Beste aus seinem „Mist“ zu machen, um perspektivisch wieder gesund zu werden.

Überhaupt ist er – im Bett liegend und die unbekannte Welt gleichsam von unten betrachtend – äußerst empfindsam, sogar empfindlich (geworden), jedenfalls mehr als im normalen Alltag. Und er hört schon mal autoritäre Flöhe husten, nimmt persönliche Verletzungen und Ungerechtigkeiten wahr, obgleich sein Kopf ihm sagt, dass er sich irren kann, er nicht der einzige Patient im Krankenhaus ist und eine funktionierende und effektive Organisation „für alle“ ihren Preis hat.

Doch Rolf, der seinen Kopf nicht bei der Krankenhausaufnahme abgegeben hat, lernt im Laufe der Zeit dazu: Zum Beispiel schreibt er sich seine Fragen auf, um im hektischen Stress keine Frage zu vergessen, und er versucht, trotz allem irgendwie auf Augenhöhe zu kommunizieren, obwohl er als Leidender (lat. Patient) von den Helfenden abhängig, ja ihnen ausgeliefert ist, da es stets ein spürbares Gefälle zwischen Helfer und Hilfesuchenden gibt.

Das verdeutlicht ihm auch das Verhalten einer jungen an sich charmanten Krankenschwester, die einem älteren Mitpatienten auf seinem Zimmer, der viele Jahre Arzt gewesen ist und an seinem Verband „arbeitet“: „Lassen sie das. Hier sind sie Patient wie alle anderen auch; kein Herr Doktor!“, rüffelt sie ihn unmissverständlich und zeigt mit ihrem Finger auf den verunsicherten „Leidenden“, der sprachlos geworden ist. Und schmunzelt.

Rolf und sein Mitpatient jedenfalls bleiben dankbar, dass es für sie eine „passende“ humane Zufluchtsstätte mit Spitzenmedizin, Technik und Pflege, vor allem mit Perspektiven auf Genesung gibt:

Einen Ort mit Mitarbeitern, die menschlich bleiben, wie die Krankenschwester, die ihnen ein Lächeln sowie ein gutes Wort schenkt und mit Fingerspitzengefühl ihren Dienst nach bestem Wissen und Gewissen, vor allem mit Herz, leistet.

Einen Ort mit Ärzten, in deren Hände sie sich trotz Zeit-, Kosten-, Arbeits- und Organisationsdruck vertrauensvoll begeben können, weil sie offensichtlich nicht nur ihre Expertise und ihr Handwerk beherrschen, sondern auch Empathie haben, den einzelnen Patienten zu verstehen versuchen und als Wegbegleiter mit ihm ein Stück des Weges durch das Tal des Leidens gehen. Und ihm auch dann noch zur Seite stehen, wenn die Meinungen zwischen Profis und Laien auseinandergehen.

Ein Ort, an dem medizinische und pflegerische Hände sowie fleißige Servicekräfte und Ehrenamtliche ihr Ohr einem Patienten mit seinen Fragen und Zweifeln, Ängsten und Hoffnungen leihen – so wie sie es selbst erwarten würden, wenn sie auf umfassende Hilfe im Krankenhaus angewiesen wären.

Burkhard Budde                                                                              

Lob auf das Lob

Lob auf das Lob

Auf ein Wort

Lob auf das Lob

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Ein Lob auf das Lob 

Wann habe ich das letzte Mal einen Mitmenschen gelobt? Und wann bin ich das letzte Mal gelobt worden? Viele Menschen sehnen sich nach einem Lob, das beide erfreut, sowohl den Geber als auch den Empfänger.

Vor allem beflügelt und aktiviert ein Lob: Zum Beispiel das Kind, dessen Bild von den Eltern aufrichtig gewürdigt wird. Der Schüler, dessen Leistung vom Lehrer durch eine gerechte Note anerkannt wird. Der Mitarbeiter, dessen Arbeit vom Chef geschätzt und der gezielt gefördert wird. Oder der Partner, der in einer Beziehung ein uneigennütziges Kompliment erhält.

Ein solches Lob ist wünschenswerter, als ständig gerüffelt zu werden oder selbst zu nörgeln. Auch besser, als zu versuchen, das aufmüpfige Kind wie ein wildes Tier zu zähmen.

Auch besser, als einem kritischen Schüler oder Mitarbeiter autoritär klar zu machen, wer das Sagen in der Schule bzw. im Betrieb hat.

Auch besser, als schwierige Mitmenschen in Watte zu packen oder sie links liegen zu lassen.

Ohne Lob jedenfalls entsteht ein Vakuum, in dem sich Gleichgültigkeit, Lustlosigkeit, Stillstand, Entfremdung und auch Angst einnisten können.

Aber wollen wir Menschen ohne gute Gefühle leben, nur funktionieren, uns optimieren oder perfektionieren?

Zugegeben, es gibt ein faules, vergiftetes oder maskiertes Lob: Wenn beispielsweise ein Koch in einem Restaurant über den Klee gelobt wird, obwohl das Gericht nach nichts geschmeckt hat, aber die lobenden Gäste den Kellner „bei Laune“ halten wollen. Wenn ein Geschäftsführer einen Mitarbeiter weglobt und in ein anderes Unternehmen hineinlobt, um seine Seilschaften und Macht zu erhalten oder auszubauen. Wenn Politiker oder Führungskräfte sich dauernd selbst loben, weil sie einerseits unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden, andererseits ruhmsüchtig und größenwahnsinnig geworden sind. Wenn Menschen sich mit Lobhudelei in die Seele anderer einzuschmeicheln versuchen, indem sie die Eitelkeiten ihres Gegenübers streicheln. Oder wenn einer einen anderen Menschen lobt, um selbst gelobt zu werden und einen anderen klein zu machen.

In allen Bereichen des Lebens erscheint jedoch eine begründete und wahrhaftige Lobkultur zur rechten Zeit am rechten Ort wichtig: Ein Lob wirkt nämlich wie eine frische Sauerstoffzufuhr in müder, stickiger und muffiger Umgebung. Das Selbstwertgefühl, das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit werden gestärkt. Lebensgeister und Lebenskräfte werden geweckt; neues Zutrauen zur Eigen- und Mitverantwortung wächst; Freude über ein Lob vermittelt sogar neue Sinnerfahrungen.

Ein echtes Lob kostet nichts, taucht in keiner Kosten-Nutzen-Rechnung auf, ist auch nicht einklagbar. Aber es kann ohne Relativierungen und Vergleiche angenommen werden, begeistern und bewegen, Zukunft eröffnen – selbst wenn die Tür nur für einen Spalt geöffnet wird.

Manche loben auch den Schöpfer allen Lebens, weil sie dankbar sind, hier und heute gesund und glücklich zu leben.

Weil ihnen dieser Schöpfer vor allem eine Würde verliehen hat, die sie auch dann nicht verlieren, wenn sie noch nicht gelobt worden sind oder ihren Mitmenschen noch nicht gelobt haben.

Burkhard Budde

Frohe Ostern

Frohe Ostern

Auf ein Wort

Österlicher Herzschlag

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Österlicher Herzschlag

Wird die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt? Ist die Osterbotschaft nur heiße Luft, nur eine leere Nuss oder gar eine Zumutung für einen aufgeklärten Kopf mit scharfem Verstand? Die Botschaft von der leibhaftigen Auferstehung Jesu höre ich wohl, aber ich finde keinen Zugang zu ihr.

Machen wir uns zunächst auf eine historische Spurensuche: Am Anfang war die Botschaft selbst für die Jünger Jesu nicht nachvollziehbar, ja ein „Geschwätz“ von Frauen. Diese hatten nach dem Bericht des Evangelisten Matthäus am leeren Grab Jesu eine Engelsbotschaft gehört, dass Jesus von Gott auferweckt worden sei. Und haben dann „mit großer Furcht und Freude“ davon berichtet.

Offenbar musste Jesus seinen Jüngern selbst die Augen öffnen, damit sie seine Worte verstanden und sein Leben mit Sinn deuten konnten. Die Zugeknöpften, Ängstlichen, Zweifelnden und Suchenden – wie die zwei Jünger auf dem Weg nach Galiläa – erlebten erst in der unmittelbaren Begegnung mit dem Auferstandenen, wie ihnen die Wirklichkeit der Auferstehung „wie Schuppen von den Augen“ fiel. Und der Apostel Paulus schreibt in einem seiner Briefe, dass der Auferstandene dem Petrus, dem ganzen Jüngerkreis, 500 Brüdern, Jakobus, allen Aposteln und ihm selbst erschienen sei. Keiner hatte die Auferweckung Jesu selbst miterlebt. Sie war ja Gottes alleinige Tat. Aber schließlich konnten alle durch die Selbstoffenbarungen des Auferstandenen bezeugen: „Der Herr ist wirklich auferstanden.“ (Lukas 24,34) Und eine bekennende sowie mutige Bewegung bewegter Zeugen verursachen.

Und heute? Ein wichtiger Schlüssel, sich der Osterbotschaft zu nähern, liegt im Verständnis von Wirklichkeit. „Wirklich“ ist nicht nur das, was in einem historischen Protokoll, in einer wissenschaftlichen Expertise oder in einer KI-Analyse steht. Und „unwirklich“ muss nicht sein, was nicht in diesen Quellen zu finden ist. Es gibt auch Beziehungswirklichkeiten, die keinen Betrug oder keine Täuschung sein müssen. Zum Beispiel wird die „wahre Liebe“ erst im Vollzug – bei allem Risiko des Scheiterns – mitten in den erklärbaren Realitäten wirklich und erlebbar und kann diese verändern. Auch die Auferweckung Jesu ist eine solche Beziehungswirklichkeit: Sie wird zwar nicht in lückenlosen Beweisketten, in historischen oder theologischen Überlieferungen, in rationalen Erklärungen oder in erbaulichen Wunschprojektionen wirklich wahr. Wohl aber ereignet sich diese Beziehungswahrheit in der Realität im Zutrauen, dass Gott selbst mit seinem schöpferischen Geist der Liebe die ewige Frucht neuen Lebens schenkt. Denn könnte Gott nicht wie ein Sämann gehandelt haben, der ein Weizenkorn in die Erde legt und sterben lässt, damit neues Leben, ein Halm mit Ähren und Frucht entsteht?! Diese Beziehungswahrheit – die Gewissheit der Auferstehung Jesu – kann in allen Realitäten die eigene Gewissheit des ewigen Lebens schenken. Und der Mensch, der an den auferstandenen Gekreuzigten glaubt, würde auch angesichts von Leiden und Tod wieder gewiss, zuversichtlich und froh – ohne Selbstbetrug, Lug und Trug, ohne die Wirklichkeit auf den Kopf stellen, ignorieren, verklären oder instrumentalisieren zu müssen. Und nicht der Tod, sondern das Leben hat dann das letzte Wort – nicht beweisbar, aber erfahrbar.

Burkhard Budde

 

Zuversicht

Zuversicht

Auf ein Wort

Zuversicht im Leiden

Von Burkhard Budde

Dieses Kunstwerk aus dem Jahr 2000 – der Christuskopf von Gerd Winner aus Liebenburg – hängt über meinem Schreibtisch und inspiriert und tröstet mich immer wieder neu. Der Entwurf stammt von Gerd Winners Ingemar Reuter, die 1989 tödlich verunglückt ist; als Vorlage diente ihr das Altarkreuz des italienischen Malers Giotto aus Rimini, der 1373 in Florenz starb.

Zu meinem 50. Geburstag schenkte mir Gerd Winner dieses Kunstwerk.

 

Auf ein Wort

Zuversicht im Leiden 

Gibt es Gefängnisse ohne sichtbare Mauern? Auch ohne sichtbare Türen, die sich nicht oder nur schwer öffnen lassen? „Ich fühle mich wie eingesperrt. Eine unsichtbare Mauer versperrt mir den Weg zu hoffen“, klagt eine Frau, die plötzlich schwer erkrankte. „Ich weiß nicht“, seufzt sie, „wie es weitergeht.“ Und sie sehne sich doch so sehr danach, wieder gesund zu werden.

Ratschläge wie „Kopf hoch, es wird schon werden“ wirken auf viele schwer erkrankte Menschen wie gut gemeinte Schläge, die die Seele verletzen. Fromme Sprüche wie „Gott kennt den Sinn“, die auch gut gemeint sind, scheinen persönliches Leiden nicht so richtig wahr- und ernst zu nehmen, ja sogar eine kranke Person zu verletzen.

Wer sich als schwer kranker Mensch wie ein unfreier Gefangener seines Leidens fühlt, belastet, bedroht, bedrängt sowie erschöpft und kraftlos ist, braucht wohl die Erfahrung menschlicher Annahme, ein verständnisvolles Mitgefühl und eine unterstützende Gemeinschaft sowie helfende Begleitung – von empathischen, kompetenten und engagierten Fachleuten, aber auch von Angehörigen, Freunden und Ehrenamtlichen.

Die Frau, die wieder gesund wurde, berichtet später, dass sie in ihrem engen Gefängnis der Angst und Sorgen erst zaghaft, dann immer heftiger gegen die innere Zellenwand geklopft habe: „Hört mir denn keiner richtig zur?! Versteht mich denn wirklich keiner?! Hilft mir denn keiner in meinem Gefängnis?!“ Selbst der Ruf nach Gott sei ihr wichtig geworden: „Wo bist du?!“ „Schläfst du?!“ „Bist du machtlos und herzlos?!“ Erst als sie aufgehört hatte, laut gegen die Wand zu klopfen, habe sie angefangen, die Hilfe anderen Menschen anzunehmen und zu würdigen sowie über die Gottesfrage neu nachzudenken.

Sie ist zu erstaunlichen Überlegungen gekommen: Die Zellenwand eines Gefängnisses, die Menschen, aber auch Gott und Menschen voneinander trennt, verbindet zugleich. Und sollte der barmherzige Gott Un-Sinn verzapfen, sein hilfloses Geschöpf in ein Gefängnis werfen und zugleich befreien?

Schließlich: Sollte nicht der Schöpfer, der die Tür zum Diesseits öffnet, nicht auch die Tür zum Jenseits öffnen können? So dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern die unsichtbare Gemeinschaft mit Gott, die im Glauben im Gefängnis beginnt und im Tod bleibt, weil Gott der Türöffner neuen, gemeinsamen Lebens ist?!

Die Frau – wie sie weiter berichtet – hört von außen ein leises Klopfen an der Wand ihres Herzens, als sie sich mit der Leidensgeschichte Jesu beschäftigt. Der verachtete, verspottete, gefolterte Jesus betete vor seinem Sterben „Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist.“ Blutüberströmt und schmerzverzerrt hatte er sein Leiden nicht zur Schau gestellt, allerdings auch nicht in sich hineingefressen. Er erhielt auf seine „Warum-Fragen“ keine Antworten oder Erklärungen. Aber er versuchte, das nicht zu ändernde Leid – sein Gefängnis des Leidens – vertrauensvoll anzunehmen. Und er gewann die Gewissheit, im Sterben nicht allein zu sein, auf Sinn in der Sinnlosigkeit zu hoffen, trotz Ohnmachtserfahrung auf die schöpferische und befreiende Macht Gottes – seines Vaters – dennoch und trotz allem zu vertrauen.

Die Frau sucht in der Stille den Schlüssel, um im Gefängnis ihrer Ängste und Sorgen eine Tür ins Freie, in den Horizont der Gelassenheit und Besonnenheit, zu finden. Und entdeckt den Schlüssel zu dieser Tür im Glauben an Jesus Christis, im begründeten Gottvertrauen, in dem Kraft und Zuversicht in ihr selbst wachsen. Und in ihrem Fall auch Genesung – ein kostbares Geschenk erneuerten und befreiten Lebens.

Burkhard Budde