Kämpfen

Kämpfen

Moment mal

Kämpfen

Von Burkhard Budde

Viele Menschen kämpfen leidenschaftlich und leidensfähig

Moment mal

Leidenschaftlich kämpfen

Es wird gekämpft – leidenschaftlich, willensstark und zielstrebig. Mal mit dem Holzhammer, mal mit dem Florett. Mal mit Maske, mal mit offenem Visier. Mal mit Parolen, mal mit Argumenten. Mal mit Ängsten, mal mit Hoffnungen.

Kämpfer wollen erfolgreich sein und nicht verlieren: Am Arbeitsplatz oder im Stadion. Hinter den Kulissen oder auf offener Bühne. Im Leiden oder in einer gestörten Beziehung.

Erfolg und Niederlage können jedoch dicht beieinander liegen, auch im politischen Raum:

Verständlich, wenn ein Sieger Freudentränen vergießt. Und gerne seine Fehler unter den Teppich kehrt, vielleicht auch vergisst, dass er die Früchte anderer erntet oder von den Schwächen anderer profitiert.

Verständlich auch, wenn ein Verlierer enttäuscht ist. Und nach Erklärungen seiner Niederlage sucht: Gab es zu wenig Rückenwind, zu viel Gegenwind, zu wenig Fairness, zu viel Täuschung?

Gewinner und Verlierer sind eben keine Roboter ohne Lust und Frust, auch ohne Überlegenheits- oder Vergeltungsgefühle. Die Bewährungsprobe ihrer menschlichen Haltung ist der Umgang miteinander: Wird der Gewinner den Verlierer mit der autoritären Abrissbirne endgültig zerstören? Oder wird er dessen Argumente respektieren, abwägen und vielleicht sogar Kompromisse suchen? Wird der Verlierer den gehässigen Knüppel aus dem politischen Kasten holen und den Gewinner heimlich oder offen verteufeln? Oder wird er seinen Erfolg anerkennen, selbstkritisch sein sowie seine Zusammenarbeit anbieten?

Beide sitzen in einem Boot: Beide – nicht nur siegreiche Kapitäne – werden für das Boot gebraucht. Beide tragen Gesamt- bzw. Teilverantwortung für den Kurs des ganzen Bootes. Und der Gewinner von heute kann der Verlierer von morgen sein. Vor allem jedoch brauchen beide auf dem politischen Meer ein Leben jenseits des Bootes, wo es Sinn-, Kraft- und Trostquellen gibt.

Zum Beispiel die biblische Botschaft „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!“ (1.Tim 6,12). Im begrenzten Lebenskampf kann der Glaube an das unbegrenzte Leben Trost spenden: Die Gnade Gottes – die lebensspendende Kraft der Urquelle – gilt erfolgreichen, aber auch erfolglosen Menschen. Sie ermöglicht vor allem neue Perspektiven: Ich bleibe stets geliebt, einmalig, kostbar und wertvoll – unabhängig von meiner Leistung oder meinem Erfolg. Und was wie ein Verlust aussieht, kann in Wahrheit ein Gewinn sein – wegen der Reifungs- und Wachstumsprozesse.

In diesem Glaubenskampf geht es weder um Größenwahn noch um Unterwürfigkeit, wohl aber um die Waffen der leidensfähigen Liebe – des Vertrauens, der Verantwortung, der Vernunft und der Barmherzigkeit.

Burkhard Budde

Streiten

Streiten

Moment mal

Streiten

Von Burkhard Budde

Nec aspera terrent.

Auch Rauheiten schrecken nicht.

Inschrift auf dem Spruchband des braunschweigischen Landeswappen

Moment mal

Mit Kopf und Herz streiten 

Kann ein Knoten im Seil gelöst werden?

Zwei Streithähne, die gestresst und frustriert sind, ziehen verbissen an beiden Enden des Seils. Der Knoten – kleinliche Zänkereien, verlogene Tricksereien und scheinheilige Spielereien – wird immer fester, die soziale Atmosphäre immer vergifteter, der gehässige Wortknüppel immer bedrohlicher.

Ein fester Knoten – heftiger Streit im Blick auf unterschiedliche Meinungen, Interessen und Wahrnehmungen oder im Blick auf Macht- und Beziehungsfragen – wird auch nicht von feigen Hasen gelöst, die aus Angst vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung einfach weglaufen oder in den Garten der Harmonie flüchten. Denn was nicht ausgetragen wird, wird nachgetragen und bei nächster Gelegenheit in einem anderen Zusammenhang aufs Butterbrot geschmiert.

Kann ein mächtiger und autoritärer Löwe einen Knoten lösen, indem er ihn einfach durchschlägt, lautstark brüllt, andere in Angst und Schrecken versetzt, um sie einzuschüchtern und gefügig zu machen? Mit eifernder Kraftmacherei und überheblicher Besserwisserei werden sprechende Tatsachen überhört, positive Taten kleingeredet, negative Taten aufgebauscht und neue gemeinsame Taten verhindert. Vor allem werden neue Knoten im Seil – in einer Beziehung, Gemeinschaft oder Gesellschaft – geschaffen.

Im Idealfall werden Streithähne, Angsthasen und Löwen einsichtig, befürchten nicht mehr, zu wenig oder neuen Streit, sondern gehen mit langem Atem und in gegenseitiger Wertschätzung aufeinander zu, um Knoten zu benennen, fair und sachlich, differenziert und konstruktiv zu besprechen, vielleicht auch produktiv zu lösen. Sie versuchen die Form einzuhalten, um Format zu entwickeln, zuzuhören, zu verstehen, Verständnis zu zeigen und Verständigung zu erzielen.

Aber manchmal geraten gute Vorsätze auch in Konflikt mit der Wirklichkeit, wenn zum Beispiel nur eine Seite den Knoten lösen will oder einen Kompromiss anstrebt. Manchmal muss man lernen, mit Knoten im Seil zu leben, bis Personen oder Verhältnisse sich ändern. Manchmal – so der Rat Jesu (siehe Matthäus 10,16) – muss man so klug sein wie Schlangen und ohne Falsch wie Tauben, um Bosheiten, Heucheleien und Überheblichkeiten widerstehen zu können – mit Vernunft und Gottvertrauen. Und um zu entdecken, dass die eigentliche Stärke des versöhnenden Evangeliums nicht in konkreten Handlungsanweisungen, wohl aber in der Befähigung zur Selbstkorrektur besteht.

Burkhard Budde

Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe

am 18.9.2021 in der Kolumne „Moment mal“

Küssen?

Küssen?

Moment mal

Küssen?

Von Burkhard Budde

Alles hat seine Zeit – auch das Küssen

Liegt die romantische Seele auf Eis? Ist in der Corona-Zeit die leidenschaftliche Zweisamkeit aus der Öffentlichkeit verbannt worden? Ein Leser dieser Kolumne, der die Sehnsüchte vieler Menschen kennt, schickte mir den Songtext „Eins und eins, das macht zwei“ von Hildegard Knef (1925 bis 2002) zu. Hat das Lied aus dem Jahr 1963 noch eine aktuelle Bedeutung?

Der Weltstar Knef, die Grand Dame des Chansons, hat sich mit dem Titel „Für mich soll`s Rosen regnen“ (1968) unvergessen gemacht, aber wohl auch mit „Eins und eins, das macht zwei“. In diesem Lied wechseln sich melancholische und optimistische Impulse ab. Die Tonhöhe verändert sich wellenartig, wenn sie zwei Töne miteinander verbindet. Und ausgefallende Marschtöne, die überraschend folgen, erzeugen eine fröhliche Stimmung.

Worum geht es? Die erste Strophe plädiert für ein Küssen ohne „Offenbarung“, „denn denken schadet der Illusion“. Wer die Bedürfnisse nach körperlicher Nähe ständig durch die Mühle kritischer Reflexion dreht, verliert die Möglichkeit, den Augenblick unmittelbar und unwiederholbar zu erleben, ja zu genießen. Aber können und sollen Bedürfnisse den Kopf ganz aus dem Herzen vertreiben? Muss nicht freies und verantwortungsvolles Denken auch und gerade bei Herzensangelegenheiten ein Vetorecht behalten, um nicht schmerzhaft auf die Nase zu fallen?

In der zweiten Strophe wird geraten, gemeinsam ein kleines Stück vom Glück „mit ein paar Küssen“ zu suchen, um Einsamkeit zu überwinden. Ob der erotische Kuss wie ein geteiltes Stück Schokolade ist, das Glücksgefühle erzeugen und beschleunigen kann? Und zwei Seelen lustvoller verschmelzen lässt?

Dass es bei der Glückssuche des Herzens kein Erfolgsrezept und auch keine Erklärungen gibt, entweder „bleibt`s für`s Leben“ oder „nur Liebelei“, besingt die dritte Strophe. Die vierte Strophe spricht vom Scham und der Moral. Der „Mensch an sich“ sei feige, obwohl der „liebe Gott“ alles sehe und menschliche Gefühle längst entdeckt habe. Die letzte Strophe bringt die Spannungen des Küssens zwischen Lächeln und Heulen, Genuss und Vergessen auf den Punkt: „Erst kommt der erste Kuss, dann kommt der letzte Kuss, dann der Schluss“.

Doch zur wahren Lebenslust gehört wohl mehr als ein flüchtiges Glück, sondern auch heitere Besonnenheit und zeitweise Nähe durch Abstand: Denn kann es Neugierde auf das geben, was man bereits kennt? Muss das Verlangen nicht erst verhüllt sein, um später enthüllt zu werden? Und können sich nicht auch zwei Menschen ohne Mund-zu-Mund-Kontakt „küssen“, weil sie die Erfahrung des Psalm 85,11 teilen: Gottes Hilfe ist nahe, dass Friede und Gerechtigkeit einander küssen. Und einen zarten Hauch ewiger Liebe erleben, die die menschliche Vernunft küsst, weckt und weise macht. Da alles seine Zeit hat.

Burkhard Budde

Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe

in der Kolumne „Moment  mal“ am 11.9.2021

„Petzen“

„Petzen“

Moment mal

„Petzen“

Von Burkhard Budde

Die WELT berichtet kritisch über die „Deutsche Lust am Petzen“

„Deutsche Lust am Petzen“

„Weichen stellen“ 

Im Kommentar „Deutsche Lust am Petzen“ hat Anna Schneider, Chefreporterin Freiheit WELT | WELT AM SONNTAG, in der Ausgabe der WELT am 2. September 2021 sich kritisch über die „urdeutsche Lust am Denunzieren“ geäußert.

Sie schreibt u.a. „Der grüne Finanzminister in Baden-Württemberg hat ein Online-Portal gestartet, auf dem man andere anonym des Steuerbetrugs bezichtigen kann. So appelliert der Staat an das Schlechteste im Menschen: Neid und Hass. Es überrascht wenig, dass die Idee von den Grünen kommt.“ 

Dazu der folgende Leserbrief „Weichen stellen“ (WELT vom 4. September 2021):

„Der Kommentar von Anna Schneider öffnet hoffentlich vielen Wählern die Augen:

Wer das „Petzen“ beim Finanzamt – getarnt als Steuergerechtigkeit – salonfähig zu machen versucht, zu Aufrufen bei Corona-Verstößen – getarnt als Bürgerbeteiligung – ermutigt, offenbart sein Zerrbild vom Menschen und seine fehlende Integrations- und Führungskraft. 

Statt eine demokratische Kultur des Vertrauens und der Verantwortung sowie des offenen und argumentativen Dialoges zu fördern, wird eine autoritär bürokratische Kultur des Misstrauens und der Angst sowie der Bevormundung und Entmündigung gestärkt, die die Gesellschaft vergiftet und spaltet. 

Am 26. September werden wichtige Weichen gestellt: Entweder gilt der Kompass eines christlichen und humanen Menschenbildes mit Freiheit, Eigenverantwortung, Subsidiarität und Solidarität als Grundlage einer liberalen und pluralen Gesellschaft. Oder aber ein erzieherisches Programm, dass im Namen einer selbstgerechten und missionierenden Übermoral freie Menschen mit Geboten und Verboten zu fesseln versucht. Und ihnen sagt, wo es lang geht, wie man zu leben, zu reden, zu sprechen und zu schreiben hat.

Wer jedoch seine Augen öffnet, kann die Unterschiede nicht verschweigen.“ 

Burkhard Budde

 

Zugeknüpft?

Zugeknüpft?

Moment mal

Zugeknüpft?

Von Burkhard Budde

Muscheln – Ort für Sandkorn und für Perle

Kostbare Perle  

Muscheln liegen auf dem Meeresboden. Ihre Gehäuse, die ihre Weichkörper schützen und aus zwei Klappen bestehen, sind häufig fest verschlossen.

Eine Muschel begründet ihre Verschlossenheit: Sie wolle sich vor fremden Gefahren in Acht nehmen. Vor allem habe sie kein Interesse an Themen, die sich außerhalb ihrer Welt befänden. Und warum sollte sie neugierig auf Unbekanntes sein, wenn sie nichts vermisse? Sie bleibe lieber alleiniger Autor und Regisseur ihres überschaubaren Lebens.

Warum verzichtet die zugeknöpfte Muschel freiwillig auf neue Erfahrungen, die sie in Frage stellen, aber auch klüger machen können? Oder ist ihre vorauseilende Denksperre bequemer als kritisches Nachdenken? Und einfacher, wenn Ebbe und Flut ihr eigene Entscheidungen abnehmen?

Eine andere Muschel hat ihr Gehäuse einen Spalt geöffnet. Ein Sandkorn dringt zufällig in ihr Innerstes. Entsetzt fordert die Muschel den Eindringling auf zu verschwinden. „Du richtest nur Unruhe und Unheil an!“ Aber der ungebetene Gast bleibt, wo er ist, trotzig und hartnäckig. Alle Versuche der Muschel, ihn zu vertreiben, scheitern.

Die Muschel hadert mit dem Meer: Ihr Leben sei total aus dem Ruder geraten. In ihrem Inneren herrsche jetzt Angst, mit dem Sandkorn teilen zu müssen, Neid, im Vergleich mit ihm den Kürzeren zu ziehen, Gier, den eigenen Hals nicht voll genug zu kriegen. Zudem seien ihre Erwartungen tief enttäuscht worden. „Aber“, fügt sie an die Adresse des Meeres noch hinzu, „dir wird es nicht gelingen, mich zu zerstören. Ich werde dir dennoch vertrauen, trotzdem auf Sinn hoffen. Denn durch dich bin ich, was ich bin und was ich sein werde.“

Eines Tages holt ein Taucher die beiden Muscheln vom Meeresboden und öffnet sie. Die eine ist leer, die andere beherbergt eine kostbare Perle, die das Leben verändert. Neues Vertrauen in die Hilfe und Führung des Schöpfers in schwierigen Zeiten kann wachsen. Denn seine Gedanken sind tiefer als das Meer, höher als der Himmel, weiter als der Horizont. In Gott ist nicht Torheit, sondern letzte Weisheit, nicht Chaos, sondern letzter Sinn. Und neue Entdeckungen sind durch Offenheit und Geduld sowie durch Annahme des ganzen Lebens erfahrbar.

Burkhard Budde

Veröffentlicht im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe

in der Kolumne „Moment mal“ am 4.9.2021