
Guter Streit
Auf ein Wort
Suche guten Streit
Von Burkhard Budde

Auf ein Wort
Suche guten Streit
Manchmal – unerwartet und unheimlich, überall, auch in den besten Kreisen – taucht das Gespenst des Streites auf. Selbst unter den Anhängern Jesu, dem „Friedefürst“, der von Feindesliebe und Versöhnung sprach, stritten sich die „Friedensstifter“, wer von ihnen wohl „der Größte“ im Himmelreich sei (siehe Mt. 18,1-4) – vielleicht auch wer der Tüchtigste, der Einflussreichste, der Mächtigste sei, wer in der ersten Reihe der Gesellschaft sitzen oder einen Ehrenplatz auf der öffentlichen Bühne beanspruchen darf. Und auf jeden Fall wer besonders beachtet und geachtet, mit Namen und Funktion genannt und mit Applaus bedacht werden sollte.
Heute gibt es darüber hinaus die verstörende Erfahrung, dass Streitsüchtige nervig und stressig sind, da sie ständig das Haar in der Suppe suchen und Probleme finden, die sie groteskerweise selbst (mit-) verursacht haben oder die es in Wahrheit gar nicht gibt.
Und auch Harmoniesüchtige – das andere Extrem – können wie lästige Fliegen anstrengend sein, da sie ständig die Sahne in der Suppe suchen, das Süße, Schöne und Glättende und dabei ihre Augen vor existierenden Problemen verschließen.
Beim Streit um jeden Preis, der durch geringes und ängstliches Selbstwertgefühl sowie selbstsüchtiges und selbstgerechtes Denken angefeuert wird, können vertrauensvolle Beziehungen zerstört, attraktive Gemeinschaften vergiftet werden und in die selbst gewählte Einsamkeit führen. Denn wer will schon mit einem Streithammel seine Lebenszeit vergeuden?!
Bei der Harmoniesucht, die auch konstruktive Kritik scheut wie der Teufel das Weihwasser, alles Unterschiedliche und Gegensätzliche unter den Teppich zu kehren versucht, schwelen jedoch Konflikte unter dem Teppich weiter, bis sie sich aggressiv und unkontrolliert bemerkbar machen. Denn was nicht ausgetragen wird, wird nachgetragen und alte Kamellen werden später in einem ganz anderen Zusammenhang aufs Butterbrot geschmiert, sind ungenießbar und machen sprachlos.
Aber wie reagiert Jesus auf den Streit seiner Freunde? Steckt er den Kopf in den Sand oder schlägt er mit der Faust auf den Tisch? Belehrt oder moralisiert er? Nimmt er Partei für den Besten?
Jesus mischt sich zwar in der überlieferten Geschichte ein, aber ganz anders, als viele es wohl erwartet haben. Er wechselt die Perspektive und lädt ein, den Streit aus der Sicht eines Kindes zu sehen:
Das Himmelreich erlebt nur der, der klein wie ein Kind wird – nicht kindisch, sondern vertrauens- und erwartungsvoll; sich nicht zum Kind zurückentwickelt, sondern sich wie ein Kind neugierig und wissbegierig weiterentwickelt; sich spontan und fröhlich auf Neues einlässt und sich nicht in Vorurteile, Feindbilder oder Machtkämpfe verrennt.
Dann wird die Frage nach dem Größten im Himmelreich überflüssig.
Dann stellen sich vielmehr kritische Fragen: Ist die Lebenszeit nicht ein Geschenk – zu kurz, zu kostbar, zu wertvoll als streitsüchtig und harmoniesüchtig, verbittert und ohne Gesicht, ohne eigene (selbst-)kritische Meinung durchs Leben zu laufen, ohne Sinn und Verstand, ohne Liebe und Vernunft? Aber auch ohne Staunen und Dankbarkeit? Ohne Umkehr und Perspektivenwechsel, Verstehen und Verständnis, um Verständigung vorzubereiten?
Wer bedenkt, dass Gott alle seine Geschöpfe mit liebenden Augen betrachtet und die Sonne über alle scheinen lässt, öffnet Türen, um in Würde und auf Augenhöhe streiten zu lernen, nicht mit dem Holzhammer, aber auch nicht mit Samthandschuhen, vielmehrt mit dem Florett liebender Vernunft nach gemeinsam verabredeten Regeln. Ein dienendes Instrument, das klärt, erklärt und aufklärt, wer am besten für eine „große Aufgabe“ geeignet ist, das differenziert und sachlich sowie fair und ehrlich bleibt, stets die Würde und Freiheit aller achtet, um Wahrheiten und Lösungen zu finden, die wie tragfähige Brücken begehbar sind und eine gute Zukunft für alle im guten Streit verheißt.
Burkhard Budde