Ja, Dankbarkeit!

Ja, Dankbarkeit!

Artikel in DIE WELT

Ja, Dankbarkeit!

Von Burkhard Budde

Glaskreuz in Kirchenkuppel, Balkenunterseite lila

Dankbarkeit ist eine kostbare Mangelware, die leider häufig in Nischen der Kommunikation versteckt wird.

Sie ist kein kostenloser Luxus, der einfach ins Schaufenster einer Begegnung gestellt wird. Sie sollte nicht als kostspielige Gegenleistung in einer Beziehung angesehen werden, berechnend oder kalkulierend sein.

Als Echo des Herzens erinnert sie vielmehr an persönlich Wichtiges und sozial Bedeutsames und vergisst nicht das wahrhaft Gute und Richtige, das Nötige und Mögliche, das alle immer wieder im Leben als Gabe und Aufgabe empfangen.

Im Schlaraffenland gibt es Zauberwörter, aber keine Ernte. Im Land der fleißigen und tüchtigen Menschen wird gearbeitet, gesät sowie geerntet. Doch Wachstum und Gedeihen, das Überraschende und Nochkommende in der einmaligen Lebenszeit – viele Früchte des Lebens – sind nicht einfach machbar und vermehrbar, sondern nur als Geschenk dankbar annehmbar.

In Dankbarkeit der Autorin gegenüber, aber auch dem Geber aller guten Gaben – dem Schöpfer allen Lebens, der das Herz beschenkt und den Kopf sowie Hände bewegt.

Burkhard Budde

(Leserbrief, gekürzt erschienen in DIE WELT am 9.10. 2010 bezogen auf den Kommentar „Dankbarkeit ist ein großes Gefühl“ von Andrea Seibel am 5. 10. 2010)

Überraschender Neuanfang I

Überraschender Neuanfang I

Moment mal

Überraschender Neuanfang I

Rote Kerze mit Flamme

Soll man (etwa) Dummheiten oder Ungerechtig­keiten vergeben? Größen­wahn oder Minder­wertigkeits­gefühle (einfach) verzeihen?

Eine neue Spur zeigt das Ver­halten eines Vaters auf, der seinen beiden Söhnen, die glück­lich sein wollen, ver­traut und ihnen ohne Wenn und Aber die Freiheit über ihr eigenes Leben schenkt. Der jüngere Sohn sucht sein Glück durch einen maß­losen Ego­trip in der Ferne, der ältere durch einen ängst­lichen Anpassungs­trip in der Nähe des Vaters.

Die Rede ist von der Geschichte vom „Guten Vater und seinen beiden Söhnen“, die Jesus erzählt hat und die im Lukas­evangelium überliefert ist.

Der jüngere Sohn, der in der Ferne offenbar „Mist“ gebaut hat, erinnert sich an seinen „guten Vater“ und kehrt „reu­mütig“ zu ihm zurück. Als ihn sein Vater aus der Ferne sieht, läuft er ihm – in der damaligen Zeit eigent­lich „unter der Würde“ eines Vaters – entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. Dann – nachdem sein Sohn sein Anliegen vorge­tragen hat, nämlich nur ein normaler Mit­arbeiter seines Vaters sein zu wollen – lässt der Vater ein Fest feiern. Und der Sohn erhält noch ein Fest­gewand („Ehrengast“!), einen Ring („Vollmacht“!) und Schuhe („Freier Mann“!). Denn, so begründet der Vater sein Verhalten, sein „verlorener Sohn“ sei tot gewesen, wieder­gefunden und wieder lebendig geworden.

Was für eine Überraschung! Der Vater verstößt seinen Sohn nicht, rechnet nicht mit ihm ab, hält ihm keine Stand­pauke. Und stellt ihm auch keine Bedingungen. Er würdigt vielmehr seine frei­willige Rückkehr – weil er sich an ihn erinnert hat, ihm vertraut und zu ihm zurück­gekehrt ist.

Die bedingungs­lose Annahme des Vaters ist das Ende der Flucht des Sohnes vor der Gemein­schaft mit dem Vater. Und der Anfang der Frucht, sich von den Fesseln der Bindungs­unfähigkeit zu befreien, seine neu gewonnene Freiheit in Verant­wortung vor dem Vater wahrzu­nehmen, der ihm einen Neu­anfang schenkt.

Ob dieses Beispiel ver­feindeten, ver­letzten oder von­einander ent­fremdeten Menschen hilft, einander zu vergeben oder zu verzeihen?

Vielleicht warten wir zunächst die Reaktion des älteren Sohnes ab, über die das nächste „Moment mal“ berichtet.

Burkhard Budde

(Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt am 03.10.2020 in Ostwestfalen und Lippe.)

Wait a minute

Surprising new beginning I

Gelbe Kerze mit Flamme

Should one (perhaps) forgive stupidities or injustices? Forgive megalomania or feelings of inferiority (simply)?

A new trace shows the behavior of a father who trusts his two sons, who want to be happy, and gives them freedom over their own lives without any ifs and buts. The younger son seeks his happiness through an excessive ego trip in the distance, the older one through an anxious adaptation trip near the father.

We are talking about the story of the „Good Father and his two sons“, which Jesus told and which is handed down in the Gospel of Luke.

The younger son, who has obviously „messed up“ in the distance, remembers his „good father“ and returns to him „repentant“. When his father sees him from a distance, he runs toward him – in those days actually „beneath the dignity“ of a father – falls around his neck and kisses him. Then – after his son has expressed his wish to be just a normal employee of his father – the father has a party celebrated. And the son receives a festive garment („guest of honor“!), a ring („power of attorney“!), and shoes („free man“!). For, so the father justifies his behavior, his „prodigal son“ had been dead, found again and come back to life.

What a surprise! The father does not repudiate his son, does not settle accounts with him, does not give him a lecture. Nor does he impose any conditions on him. He rather appreciates his voluntary return – because he remembered him, trusted him and returned to him.

The unconditional acceptance of the father is the end of the son’s flight from communion with the father. And the beginning of the fruit of freeing himself from the fetters of bondage, of exercising his newly won freedom in responsibility before the Father, who gives him a new beginning.

Will this example help people who are enemies, injured or alienated from one another to forgive or forgive each other?

Perhaps we will first wait for the reaction of the older son, which the next „Moment mal“ will report about.

Burkhard Budde

(Published also in the Westfalen-Blatt on 03.10.2020 in East Westphalia and Lippe.)

Glück beglückt

Glück beglückt

Tag der Deutschen Einheit

Glück beglückt

Von Burkhard Budde

Auf dem Brocken-Gipfel

Auf dem Brocken-Gipfel in 1142 Metern Höhe.

Der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2020 macht Menschen glücklich, die unglücklich waren: Wer unter der DDR-Diktatur mit ihrer Willkür­herrschaft, der Unfreiheit, dem Stachel­draht und Schieß­befehl sowie sozialistischer Um­erzie­hung gelitten hat, ist heute besonders dankbar für ein Leben in Würde, für gelebte Demokratie, echte Rechts­staatlich­keit und unabhängige Medien. Und an einem Tag wie diesem besonders glücklich.

Eine autoritäre Welt mit ideolo­gischen Scheu­klappen, totalitärem Denken, einer Angst- und Bespitzelungs­kultur gehört der Vergangen­heit an, die aber besonders im Blick auf die Opfer der Verletzung der Menschen­rechte noch perspektivisch aufge­arbeitet werden muss. Denn wenn das Benennen von Unrecht unter den Teppich gekehrt oder politisch verharmlost wird, schafft man den Nähr­boden für neues Unrecht.

Weiter Blick vom Brocken

Vom Brocken bietet sich ein weiter Blick über das Land.

Es gibt nach der Wieder­vereinigung keine heile Welt, aber eine heilbarere – als Dauer­aufgabe aller Demokraten, die die Gemeinsam­keiten mehr betonen als die Unter­schiede, um das Unvoll­kommene und Unvoll­endete besser über­winden zu können – nicht um alles gleich zu machen, aber um das gleich­wertig Unter­schiedliche produktiv für das Ganze fruchtbar zu machen, um die Einheit in Vielfalt auf dem Fundament eines offenen Patrio­tismus im Geiste des Grund­gesetzes anzu­streben.

Der Brocken, der höchste Berg Nord­deut­schlands, der 28 Jahre militä­risches Sperr­gebiet war, ist immer noch Symbol dieser Sehn­sucht – nach Frei­heit und Weite, Begeg­nung und gemein­samer Zukunft.

Auch Prof. Dr. Reza Asghari (r.) freute sich über die vielen fröh­lichen Menschen auf dem „Vater Brocken“, die gemein­sam an die geglückte Wieder­vereinigung dachten.

Burkhard Budde
Dr. Burkhard Budde und Prof. Dr. Reza Asghari

Dr. Burkhard Budde und Prof. Dr. Reza Asghari

Königslutter – Brunnen der Geschichte

Königslutter – Brunnen der Geschichte

Land und Leute

Königslutter – Brunnen der Geschichte

Von Burkhard Budde

Königslutter am Nordrand des Elms

Die Kleinstadt Königslutter am Nordrand des Elms ist das Tor zum Naturpark Elm-Lappwald.

Gesteinssammlung im Geopark-Informationszentrum in Königslutter
Gesteinssammlung im Geopark-Informations­zentrum in Königslutter

Ein Blick lohnt sich: Kein flüchtiger, auf keinen Fall ein böser, auch kein gleich­gültiger oder über­heblicher. Aber ein neu­gieriger und kritischer Blick in wunder­bare Brunnen span­nender Geschichte und Geschichten ermöglicht immer wieder neue Ent­deckungen in der Tiefe des Lebens, die man nicht so schnell vergisst.

Die Kleinstadt Königslutter, die am Nordrand des Elms liegt und das Tor zum Naturpark „Elm-Lappwald“ ist, bietet solche Brunnen­erlebnisse.

Da ist zum Beispiel der Brunnen der Erd- und Natur­geschichte:

Ingrid Ehrlichmann, ehrenamtliche Munseumsmitarbeiterin

Ingrid Ehrlichmann, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Museums im Geopark-Infozentrum

Im Geopark-Informationszentrum An der Stadtkirche 1 in Königslutter befindet sich eine Gesteins­sammlung, die „stein­reich“ ist. Der Kauf­mann Otto Klages, gestorben 1982, hat sie – über zwei­tausend „erzäh­lende Steine“ – 1972 seiner Vater­stadt Königs­lutter über­geben. Aus tiefer Ehr­furcht vor dem Leben, das Jahr­millionen im Kern der ver­steinerten Kruste einge­schlossen war, sammelte Klages leiden­schaftlich Fossilien, Steine und Mineralien.

Vor allem in der Landschaft zwischen dem Harz und dem Flechtinger Höhen­zug wurde er fündig. Aus der Tiefe dieses „Brunnens“ konnte so die Vielfalt des Lebens vergan­gener Zeiten – 290 Millionen Jahre Erd­geschichte – das Licht der Gegen­wart erblicken.

Ingrid Ehrlichmann, seit 10 Jahren ehren­amtliche Mitarbei­te­rin dieses Museums, das gleich­zeitig das Eingangs­portal zum UNESCO Geopark Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen ist, weiß, dass es kaum ein vergleich­bares Gebiet in Europa gibt.

„Die Gegend ist einmalig. Die gesamte Erd­geschichte liegt vor den Füßen. Wir leben in dieser Region auf einem Schatz“, sagt die Natur­lieb­haberin mit leuch­tenden Augen. Durch Salz­aufstieg im Unter­grund sowie durch Meeres­vorstöße sei eine einzig­artige Land­schaft ent­standen. Und ihr Lieblings­berg? Frau Ehrlich­mann muss nicht lange nach­denken: „Das Natur­schutz­gebiet Heese­berg bei Jerxheim im Land­kreis Helmstedt mit den Stein­brüchen, den Adonis­röschen und der Hünenburg bei Watenstedt.“

Und bei diesem Lebens­raum kann man sich vorstellen, dass Homo erectus und Homo sapiens – über­haupt die Vor­fahren der Menschen aus der Steinzeit – ihre Spuren hinter­lassen haben, etwa bei Salzgitter-Lebenstedt (50 000 Jahre altes Jäger­lager der Neandertaler) oder bei Schöningen / Paläon 1 (Speere aus der Zeit vor 300 000 Jahren).

Ein weiteres Beispiel ist der Brunnen der Kultur- und Musik­geschichte:

Britta Edelmann, Leiterin im Museum Mechanischer Musikinstrumente

Britta Edelmann – Museumsleiterin im Museum Mechanischer Musikinstrumente

Britta Edelmann (vorn) und Anna Dziatzka

Museumsleiterin Britta Edelmann (vorn) und die studentische Aushilfe Anna Dziatzka

Im Museum Mechanischer Musik­instrumente (MMM) Vor dem Kaiserdom 3-5 arbeitet seit 2004 Britta Edelmann als Museums­leiterin.

Die Sammlung von internatio­nalem Rang informiert über 250 Jahre Geschichte mechanischer Musik­instrumente bzw. über ihre kultur­geschicht­liche und technische Entwicklung.

Stolz berichtet Frau Edelmann, dass alle etwa 235 Instru­mente – darunter eine Spiel­uhr, die die Größe eines 1 Cent-Stückes hat und eine Karussell­orgel mit einer Größe von 3 x 4 Metern – „funktio­nieren und mit dem Klang vergan­gener Jahr­hunderte die Ohren des Besuchers zum Besuch in eine fremde Musik­welt einladen.“

Im ausgehenden 18. Jahrhundert ließen Adel und vermö­gendes Bürger­tum sich vor allem durch Flöten­uhren unter­halten.

In bürgerliche Wohnzimmer kamen kleine Walzen­spiel­dosen, Tisch­dreh­orgeln sowie erste elektri­sche Klaviere zum Einsatz.

In privaten Salons und Vergnügungs­etablisse­ments waren Orchestrien beliebt, die ein ganzes Orchester zu imitieren versuchten. Und auf Jahr­märkten im 19. Jahr­hundert hörte man Leier­kästen bzw. Dreh­orgeln.

Auch die studentische Aushilfe im Museum, Anna Dziatzka (27), ist begeistert von der musealen Präsentation: „Große und kleine Ohren lernen, neu zu hören, die alte Zeit ohne Musik­knopf im Ohr besser zu verstehen und die Gegen­wart bewusster zu erleben“.

Der Regionalhistoriker Manfred Gruner aus Bad Harzburg erinnert an den Braun­schweiger Kaufmann Jens Carlson, dem das Museum die einma­lige Samm­lung zu verdanken hat. Der hatte zunächst Kauf­ange­bote aus Japan und den USA sowie aus Braun­schweig, akzeptierte jedoch schließlich das Ange­bot aus Königs­lutter, um die ehemalige Wasser­mühle neben dem Kaiser­dom zur neuen Heimat der Expo­nate zu machen.

Ein weiteres unver­wechsel­bares Beispiel ist der Brunnen der Stadt- und Kirchen­geschichte:

Der Kaiserdom in Königslutter

Der Kaiserdom – eigentlich die Stiftskirche St. Peter und Paul – in Königslutter

Kaiser Lothar III auf einem Wandbild im Kaiserdom

Kaiser Lothar III auf einem Wandbild im Kaiserdom in Königslutter

Der Kaiserdom – eigentlich die Stifts­kirche St. Peter und Paul – gehört zu den bedeu­tendsten Bauwerken der Romanik in Deutschland.

1135 stiftete Lothar von Süpplingen­burg – Herzog von Sachsen, 1125 König, 1133 Kaiser – ein Bene­diktiner­kloster mit der Kloster­kirche St. Peter und Paul als Grablege für sich und seine Familie sowie als Zeichen seiner Macht im Quell­gebiet der Lutter. Als Lothar III zwei Jahre später starb, wurde er in einer unvoll­endeten Kirche beigesetzt.

Erst um 1170 wurde der Bau unter seinem Enkel Heinrich dem Löwen fertig­gestellt. Vor allem der nördliche Teil der klassischen roma­nischen bzw. kreuz­förmigen Pfeiler­basilika mit seinen zehn Säulen, die ganz unter­schiedlich gestaltet sind, gehört zu den Besonder­heiten in Nord­deutschland.

Und welche Überraschungen kann der Besucher beim Blick in diesen „Brunnen“ noch erleben?

Im Rahmen dieses Artikels können nur einzelne Entdeckungen geschildert werden:

Das Löwenportal - Hauptzugang in den Kaiserdom

Das Löwenportal ist der Hauptzugang in den Kaiserdom.

Beim Blick auf das „Löwenportal“, dem Hauptzugang in die Kirche, fallen die reich verzierten Säulen auf, aber auch zwei Löwen; der linke mit einem menschlichen Opfer, das er fest in seinen Pranken hält; der rechte mit einem Widder, den er scheinbar schützt oder „nur“ festhält. Der König der Tiere – hier ein Symbol für brutale Macht oder für empathische Fürsorge?

Beim Blick auf den „Jagdfries“, eine 1135 von Steinmetzen aus Oberitalien aus der Schule des Baumeisters Nikolaus von Verona gestaltete Bildfolge an der Außenseite des Kaiserdoms, die den Kampf der Jäger mit den Hasen zeigt, fällt besonders die Szene in der Mitte der Apsis auf:

Zwei Hasen, die grimmig blicken, fesseln den Jäger, der eben noch den erlegten Hasen am Stock davon trug.

Verdrehte Rollen? Wird der Jäger zum Gejagten, der Gejagte zum Jäger? Kann die Jagd nach Macht, Geld und Ruhm im Spannungsfeld von Himmel, Erde und Unterwelt überhaupt vom „gefesselten“ Menschen gewonnen werden? Gibt es Scheinsiege der starken Schwachen oder der schwachen Starken? Siegt am Ende der „Teufel“ in den Hasen oder der „Löwe von Juda“, Christus?

Es bleibt eine rätselhafte Symbolik, die jedoch die Phantasie beflügelt.

Der Jagdfries - Bildfolge an der Außenseite des Kaiserdoms

Der Jagdfries – Bildfolge an der Außenseite des Kaiserdoms

Zwei Hasen fesseln den Jäger

Zwei Hasen fesseln den Jäger – Szene in der Mitte der Apsis

Liegefiguren der Kaiserlichen Grablege im Kauserdom Königslutter

Liegefiguren der Kaiserlichen Grablege im Kaiserdom Königslutter

Beim Blick auf die „Kaiserliche Grablege“, die mit ihrer barocken Grab­platte aus dem Jahr 1708 bzw. mit ihren Liege­figuren an Kaiser Lothar III (gest. 1137), an seinen Schwieger­sohn Herzog Heinrich den Stolzen (gest. 1139) und an die Kaiser­gemahlin Richenza (gest. 1141) erinnert, fallen die Herr­schafts­zeichen wie Reichs­apfel, Zepter und Krone auf.

Und erinnern damit auch an die ehrgeizigen und unbedingten Macht­ansprüche einer vergangenen Zeit, in der es keine Demokratie oder Mensch­rechte gab, wohl aber viel Pionier­geist sowie einen von der Frömmig­keit geprägten Willen, Macht zu erhalten und zu vermehren, um sich im Brunnen der Geschichte zu verewigen, obwohl alles vergäng­lich und endlich ist und bleibt.

Kaisergemahlin Richenza auf einem Wandbild im Kaiserdom

Kaisergemahlin Richenza auf einem Wandbild im Kaiserdom in Königslutter

Kaiser-Lothar-Linde auf dem ehemaligen Klosterhof

Die Kaiser-Lothar-Linde auf dem ehemaligen Klosterhof

Klosterhof in Königslutter mit Kaiser-Lothar-Linde

Klosterhof in Königslutter mit Kaiser-Lothar-Linde

Beim Blick auf die „Kaiser-Lothar-Linde“, die auf dem Gelände des ehemaligen Kloster­hofes – heute des AWO Psychiatrie­zentrums – steht und ein geschätztes Alter von 800 bis 1000 Jahren hat – vielleicht auch von Kaiser Lothar bei der Grund­stein­legung der Kirche selbst gepflanzt worden ist – fallen der Stamm­umfang von fast 13 Metern sowie die Krone mit einem Durch­messer von 30 Metern auf.

Die Sommer­linde ist trotz des Alters „vital, kräftig im Wuchs und verzeichnet einen jähr­lichen Kronen­zuwachs“, wie der Land­kreis über das „einzig­artige Natur­denkmal“ schreibt.

Weckt dieser Lebens­baum nicht Ehr­furcht vor dem Alter, vor der Natur, vor dem Leben als Teil der Natur? Anlass zum Staunen und dem Schöpfer auf die Spur zu kommen?

Das Mahnmal „Weg der Besinnung“

Das Mahnmal „Weg der Besinnung“ im Berggarten westlich des Kaiserdoms

Beim Blick auf das Mahnmal „Weg der Besinnung“, das im Berg­garten westlich des Kaiser­doms zu sehen ist und im Jahr 2002 vom Königs­lutteraner Bild­hauer Günter Dittmann ge­schaf­fen wurde, fällt es dem aufmerk­samen Besucher wie Schuppen von den Augen: Das Mahn­mal soll nicht nur an die „Euthanasie“- Maß­nahmen während der NS-Diktatur erin­nern, bei den zwischen 1939 und 1945 mindestens 130.000 Kinder und Erwachsene ermordet wurden.

Es soll die Verantwortung wecken, nie wieder wegzuschauen oder mitzuwirken, wenn wie ab 1934 in den damaligen Neuerkeröder Anstalten und in der damaligen Landes-Heil- und Pfleganstalt Königslutter kranke Menschen umgebracht wurden: „Wir wollen hinschauen, wenn Unrecht geschieht und uns einmischen.“ Ein Appell an die Menschlichkeit und Würde, der eine bleibende Bedeutung behält.

Der Markt als Zentrum der Stadt Königslutter

Der Markt als Zentrum der Stadt Königslutter mit Häusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert

Fernab vom Trubel, von der Hektik und der Lautstärke kann man in Königslutter in viele „Brunnen“ schauen.

Manfred Gruner nennt u.a. noch das dreigeschossige „Leidenfrosthaus“ mit zweigeschossigem mittigen Erkern auf hohen Säulen dem Jahr 1674, den Markt als Zentrum der Stadt mit Häusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert oder die Pfarrkirche St. Sebastian und St. Fabian hinter den beiden Rathäusern.

Brunnen können verschüttet, vergessen, versteckt oder ignoriert werden. Wunderbare Brunnen jedoch, die viel zu erzählen wissen, sind nicht nur ideale Orte der Stille, Treff­punkte von Gemein­schaften, sondern auch sprudelnde Quellen, aus denen neue Erkennt­nisse und Ein­sichten sowie Erfahr­ungen geschöpft werden können. Und wer tief genug in die Tiefe eines solchen Brunnen blickt und geistig bohrt, kann sogar sich selbst, vielleicht auch neuen Lebens­sinn entdecken.

(veröffentlicht auch im Wolfenbütteler Schaufenster am 4.10.2020)

Das Rathaus am Markt in Königslutter

Das Rathaus am Markt im Zentrum der Stadt Königslutter

Gefährliche Quallen

Gefährliche Quallen

Moment mal

Gefährliche Quallen

Quallen am Strand

Im Meer tauchen plötz­lich Quallen auf. Manche sind harm­los, andere giftig. Viele ekeln sich vor diesen hirn­losen We­sen, sind acht­sam, um keine Bekannt­schaft mit ihnen zu machen. Vor­sorge ist ja auch besser als die Gesund­heit zu gefährden.

Im Meer des Lebens gibt es auch „glibbe­rige Schwim­mer“, die zwar gefähr­lich, aber transpa­rent und kontrollier­bar sind. Leider darüber hinaus „Quallen“, die unsicht­bar, jedoch an Leib und Seele schmerz­haft erfahr­bar sind, und sich schnell ver­mehren können.

Was tun? Ein Lachs antwortet: „Du übertreibst. Solche Quallen hat es schon immer gegeben.“ Ein Goldfisch erwi­dert: „Was nützt so ein Vergleich, wenn ich hier und jetzt vernichtet werde.“ Ein Haifisch meint: „Die Quallen sind doch harm­los, wenn man genau hin­sieht. Und die Zahl der Opfer ist in unserer Umge­bung erträglich.“ Eine Forelle wider­spricht: „Weil fast alle von uns diszipli­niert sind und Abstand von den Quallen halten, hat es noch keine Kata­strophe gegeben.“ Und ein Hecht sagt: „Zahlen sind mir zu abstrakt, das indivi­duelle Schick­sal ist mir wichtiger.“

Viele machen sich Gedanken über die Quallen. Viele wün­schen sich, nicht von Quallen getötet zu werden, beson­ders wenn sie vor­sichtig gewesen sind. Viele ahnen jedoch, dass auch sie selbst bei aller Umsicht töd­liches Opfer werden können. Und alle sehnen sich nach einem sicheren und fried­lichen, freien und glück­lichen Leben, ohne zu meinen, den anderen durch Selbst­gerechtig­keit fressen zu müssen oder sich von ihm durch Selbst­losig­keit fressen zu lassen.

Quallen haben kein Gehirn und können nicht zur Ver­ant­wor­tung gezogen werden, wohl aber „quallen­artige Menschen“, die das Gift der Unver­nunft ver­spritzen und sich selbst sowie unschul­dige Menschen gefährden.

Deshalb gilt für Menschen mit Gehirn und Herz: In den Stürmen des Lebens sind Bojen klugen Verhaltens, die im Recht verankert sind, lebens­wichtig. Ebenfalls ein innerer Kompass der indivi­duellen Würde, der die Eigen­verant­wortung und Rück­sicht­nahme stärkt. Auch unsich­tbare Quellen des Glaubens, die dem Leben aller dienen. Weil sie immer wieder für frisches Wasser zuver­sicht­lichen Grund­vertrauens – auch neuen Gott­vertrauens – sorgen. Und für verant­wortungs­volle Vernunft im Einsatz gegen Quallen. Sowie für Fische, die noch nicht geboren sind.

Burkhard Budde

(veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe am 26.92020)

Wait a minute

Dangerous jellyfish

Wasserspiel

Jellyfish suddenly appear in the sea. Some are harmless, others are poisonous. Many are disgusted by these brainless creatures, are careful not to make any acquaintance with them. Precaution is better than endangering one’s health.

In the sea of life there are also „slippery swimmers“, which are dangerous, but transparent and controllable. Unfortunately, there are also „jellyfish“ which are invisible, but painful to the body and soul, and can reproduce quickly.

What to do? A salmon answers: „You are exaggerating. Such jellyfish have always existed.“ A goldfish replies: „What good is such a comparison if I am destroyed here and now. A shark replies, „The jellyfish are harmless if you look closely. And the number of victims is bearable in our environment“. A trout contradicts: „Because almost all of us are disciplined and keep distance from the jellyfish, there has not yet been a catastrophe.“ And a pike says: „Numbers are too abstract for me, the individual fate is more important to me.“

Many people are concerned about the jellyfish. Many wish not to be killed by jellyfish, especially if they have been careful. Many suspect, however, that even they themselves can become a deadly victim, despite all caution. And all of them long for a safe and peaceful, free and happy life, without thinking that they have to eat the other person through self-righteousness or to let themselves be eaten by him through selflessness.

Jellyfish have no brains and cannot be held accountable, but they are „jellyfish-like people“ who spray the poison of irrationality and endanger themselves and innocent people.

Therefore the following applies to people with brains and hearts: In the storms of life, buoys of wise behavior anchored in law are vital. Also an inner compass of individual dignity that strengthens personal responsibility and consideration. Also invisible sources of faith, which serve the life of all. Because they always provide fresh water of confident basic trust – also new trust in God. And for responsible reason in the fight against jellyfish. And for fish that have not yet been born.

Burkhard Budde

(also published in the Westfalen-Blatt in East Westphalia and Lippe on 26.92020)