Echo des Herzens

Echo des Herzens

Moment mal

Echo des Herzens

Gedeckter Tisch mit Kerze

Ein kleines Wort kann Türen öffnen. Es streichelt die Seele, entkrampft eine Beziehung und bewegt die Gefühle. „Danke“, flüstert das nied­liche Mäuschen in das Ohr des sturen Quer­kopfes. Der strahlt plötzlich über beide Ohren und gibt seinem Enkel­kind ein weiteres Stück Schokolade.

Allerdings wird das „Zauber­wort“ schnell ent­zaubert, wenn es nicht ehrlich gemeint ist oder mit Berech­nung daherkommt. „Der bedankt sich ja nur, damit ich weiter nach seiner Pfeife tanze“, spottet einer nach einem über­schwäng­lichen Dankeswort hinter vorge­haltener Hand.

Doch ein möglicher Miss­brauch des Wortes „Danke“ sollte nicht den rechten Gebrauch verhindern.

Denn vergessener Dank führt schnell in den leeren Raum eines kühlen Anspruchs­denkens, maßloser Forderungen und zu „Selbst­ver­ständlich­keiten“, die nicht selbst­ver­ständlich bleiben müssen. Dem­gegen­über öffnet ein Echo des dank­baren Herzens auf etwas Schönes, Gutes, Wahres, Hilf­reiches oder Über­raschendes die Tür zum Raum wachsenden Vertrauens einer Beziehung.

Undankbare Menschen machen sich das Leben selbst schwer, werden häufig einsam und verbittern immer mehr. Dankbare Menschen ohne schlechte Hinter­gedanken und ohne gleich­gültige Kopf­losigkeit jedoch geben sich selbst und anderen neuen Sauerstoff, der eine Beziehung belebt und bewegt.

Dankbare Köpfe, die mit dem Herzen denken, können sogar visionäre Weiter­denker sein:

Ist meine Lebens­zeit nicht einmalig? Jedoch stets gefährdet und vergänglich? Nicht einfach wieder­her­stellbar, vermehrbar oder einklagbar? Und deshalb so kostbar?

Ist meine Lebens­zeit nicht ein einzig­artiges Geschenk? Da ich mir das Leben nicht selbst gegeben habe? Meine Eltern, den Zeit­punkt, den Ort meiner Geburt nicht selbst ausge­sucht habe? Da ich seit meiner Geburt stets auf Unter­stützung anderer ange­wiesen bin und bleibe?

Und könnte es nicht sein, dass der Geber meiner Lebens­zeit mir aufgegeben hat, vor ihm und mit ihm, vor dem Nächsten und mit dem Nächsten mein Leben zu bedenken und zu durch­denken, den Um­gang mit der Gabe zu bea­nt­worten und zu ver­ant­worten – nicht leicht­sinnig, auch nicht panisch, aber in Vernunft und in Liebe, im verant­wort­lichen Einsatz persön­licher Freiheit und in gegen­seitiger Rück­sicht­nahme?

Und könnten diese Fragen nicht Klopf­zeichen an die Tür des Glaubens sein, die von innen her – vom Geist Gottes selbst – geöffnet wird, um in den Raum eines glück­lichen Lebens zu gelangen?

Burkhard Budde

(veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt am 24.10.2020 in Ostwestfalen und Lippe)

Wait a minute

Echo of the heart

Kaktus mit gelber Blüte

A small word can open doors. It caresses the soul, relaxes a relationship and moves the emotions. „Thank you,“ whispers the cute little mouse into the ear of the stubborn pigheaded man. He suddenly beams over both ears and gives his grandchild another piece of chocolate.

However, the „magic word“ is quickly disenchanted if it is not meant honestly or comes with calculation. „He only thanks me so that I can continue to dance to his tune,“ mocks one after an exuberant word of thanks behind his back.

But a possible misuse of the word „thank you“ should not prevent its proper use.

For forgotten thanks quickly lead into the empty space of a cool sense of entitlement, excessive demands and „self-evident things“ that do not have to remain self-evident. In contrast, an echo of the grateful heart for something beautiful, good, true, helpful or surprising opens the door to the space of growing trust in a relationship.

Ungrateful people make life difficult for themselves, often become lonely and embittered more and more. Thankful people without bad ulterior motives and without indifferent headaches, however, give themselves and others new oxygen, which enlivens and moves a relationship.

Grateful minds who think with the heart can even be visionary thinkers:

Isn’t my lifetime unique? Yet always endangered and fleeting? Not easily recoverable, reproducible or enforceable? And therefore so precious?

Is my lifetime not a unique gift? Because I have not given myself life? My parents, the time, the place of my birth not chosen by myself? Because since my birth I have always been and remain dependent on the support of others?

And could it not be that the giver of my lifetime has given me the task to think and think through my life before him and with him, before my neighbor and with my neighbor, to answer and take responsibility for the handling of the gift – not recklessly, not panicky, but in reason and in love, in responsible use of personal freedom and in mutual consideration?

And couldn’t these questions be knocking signs at the door of faith, which is opened from within – by the Spirit of God Himself – to enter the space of a happy life?

Burkhard Budde

(also published in the Westfalen-Blatt on 24.10.2020 in Ostwestfalen and Lippe)

Helmstedt – Zeuge einer großen Zeit

Helmstedt – Zeuge einer großen Zeit

Land und Leute

Helmstedt – Zeuge einer großen Zeit

Von Burkhard Budde

Manfred Gruner und Meike Jenzen-Kociok

Regionalhistoriker Manfred Gruner und Buchhändlerin Meike Jenzen-Kociok in Helmstedt

Begeisterte können begeistern.

Zum Beispiel Meike Jenzen-Kociok, die seit 1994 als Buchhändlerin im „Herzen Deutschlands“ tätig ist und Führungen durch die kleine Stadt mit großer Geschichte anbietet.

Sie ist von den Reizen der Stadt Helmstedts, die zwischen Elm und Lappwald bzw. dem nördlichen Harzv­orland und dem Nord­deutschen Tief­land liegt, begeistert.

Und immer noch fasziniert von den über 400 Professoren- und Fach­werkh­äusern aus dem 16. und 17. Jahr­hundert, die das Stadtbild Helmstedts prägen und häufig mit infor­mati­ven Gedenktafeln und beein­druckenden Fassaden gestaltet sind.

In der Tat öffnet die reizvolle Universitäts­geschichte der Stadt, die der Besucher beim Anblick des „Juleums“, des Aula­gebäudes der ehemaligen Universität im palast­artigen Renaissance­stil aus den Jahren 1592 bis 1597 zunächst nur erahnen kann, die Tür zur älteren deutschen Geistes­geschichte.

Herzog Julius zu Braunschweig und Lüneburg, Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel (1528-1589) hatte 1570 das Pädagogikum in Gandersheim gegründet. Diese Muster­schule für die Aus­bildung von Geist­lichen wurde 1574 nach Helmstedt verlegt, zu einer Hoch­schule erweitert und konnte 1576 als protestan­tische Universität „Academia Julia“ eingeweiht werden. 1568 hatte Herzog Julius die Refor­mation im Herzogtum Braunschweig eingeführt und strebte daraufhin eine neue Führungs­schicht mit Theologen, Juristen, Medizinern und Lehrern im neuen Glauben an.

Erbprinz Heinrich Julius (1564-1613) wurde im Alter von zwölf Jahren der erste Rektor und zugleich auch Student der neuen Universität. Vom damals bedeutendsten deutschen Baumeister Paul Franke aus Weimar wurde das schönste Universitäts­gebäude seiner Zeit im Stil der Renaissance geschaffen. Schnell entwickelte sich mit zunächst vier Theologen, fünf Medizinern, sechs Juristen und neun Philosophen sowie 15 000 Studenten, die bis zum Jahr 1635 einge­schrieben waren, ein geistiges Zentrum mit über­regionaler Bedeutung – die Nummer drei hinter Wittenberg und Leipzig im Blick auf die Besucher­zahl. In Deutschland gab es damals 18 Univer­sitäten.

Juleum in Helmstedt

Das zwischen 1904 und 1906 aus Velpker Sandstein errichtete Helmstedter Rathaus

Nach Helmstedt, eine damals 3000 Bürger zählende Stadt, – in das „Athen der Welfen“ (Platons antike philo­sophische Akademie wird auch als Mutter aller Universitäten be­zeichnet) – kamen protestan­tische Studenten von den Nieder­landen bis zum Baltikum. Die Studenten wurden gegen Entgelt – ein „Zubrot“ für die Professoren – in Professoren­haushalten unter­gebracht.

Bekannte Persönlich­keiten wirkten in Helmstedt; zum Beispiel der Humanist Johannes Caselius (1533-1613), der eine Schule der Philosophie gründete; der Theologe Georg Calixt (1586-1656), der als Weg­bereiter der Ökumene gilt; der Mediziner und Publizist Hermann Conring (1606-1681), der als Begründer der Wissen­schaft der deutschen Rechts­geschichte angesehen wird; der italienische Philosoph und Dominikaner­mönch Giordano Bruno (1548-1600), der die Lehre des Kopernikus – die Erde dreht sich als Planet um die eigene Achse und bewegt sich wie die anderen Planeten um die Sonne – vertrat und deshalb im Jahr 1600 als Ketzer auf einem Scheiter­haufen in Rom ermordet wurde.

Auch Studenten, die später berühmt wurden, waren auf dieser Universität mit aner­kannten Professoren, die sich zudem durch eine praxis­nahe Aus­rich­tung der Lehre auszeich­nete sowie durch erste gedruckte Vorlesungs­verzeich­nisse; zum Beispiel der Physiker Otto von Guericke aus Magdeburg (1602-1686), der insbe­sondere durch seine Experi­mente zum Luft­druck mit den Halb­kugeln bekannt wurde; der Mathe­matiker und Astronom Carl Friedrich Gauß aus Braun­schweig (177-1855), dem „Ersten unter den Mathe­matikern“.

Kaiser Napoleon Bonaparte (1769-1821) ließ in der napoleonischen Ära (1806-1813) bzw. im neu geschaf­fenen König­reich Westfalen, das sein Bruder Jérôme regierte, durch eine Verfügung in Paris im Jahre 1809 die Univer­sitäten Helmstedt und Rinteln aufheben, die sein Bruder dann 1810 besiegelte. Offen­sichtlich sollte nicht nur Geld gespart, sondern auch das Geistes­leben in Deutschland geschwächt werden.

Universität Helmstedt
Baumeister Paul Franke aus Weimar schuf das schönste Universitäts­gebäude seiner Zeit.

Etwa 233 Jahre bestand die Universität. Geblieben sind die Bibliothek mit etwa 35 000 historischen Titeln (viele Werke sind nach der Auflösung in die herzogliche Bibliothek nach Wolfen­büttel gekommen), ein Kreis- und Universitäts­museum, Gebäude und Werke, glanz­volle Stein­metz­arbeiten im Spät­renaissance­stil von unschätz­barem Wert. In Erinnerung bleiben auch Namen von Wissen­schaftlern, die Programm sind, Weichen gestellt haben, auf deren Rücken die Nach­welt steht, die die Gegen­wart deshalb besser verstehen und weiter – besonnener und demütiger – in die Zukunft sehen kann. Und Wilhelm Raabe (1831-1910), der mehrere Jahre in Wolfen­büttel lebte, hat mit seiner Novelle „Die alte Univer­sität“ (1858) die bedeutende Univer­sitäts­geschichte litera­risch fest­gehalten.

Begeistert von Helmstedt ist auch Regional­historiker Manfred Gruner aus Bad Harzburg. Zum begeisternden Gesicht der Stadt zählt er das Rohr’sche Renaissance­haus mit seinen faszinie­renden Schnitze­reien am Markt (Papen­berg 2), in dem Herzog Julius bei seinen Besuchen wohnte und das als Hof­lager des Herzogs diente.

Dort können offene Augen auf Entdeckungsreise gehen: Die Wappen u.a. von Herzog Heinrich d.J. und Herzog Julius. Aber auch die allegorischen Darstellungen der sieben freien Künste – Lehrfächer der philosophischen Fakultät – Rhetorik, Geometrie, Dialektik, Arithmetik, Musik, Astronomie, Grammatik wecken die Phantasie des Betrachters. Und die Pietas („Frömmigkeit“) ist zusätzlich eingefügt.

Rohr'sches Haus in Helmstedt

Das Rohr’sche Renaissancehaus mit seinen faszinierenden Schnitzereien am Markt

Zum schönsten Fach­werk­haus in Helmstedt aus dem Jahr 1567 gehören auch Frauen­gestalten, die Tugenden und Laster symboli­sieren sowie religiöse öffent­liche Bekennt­nisse (übersetzt): „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten um­sonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Wenn du dem Herrn deine Werke anver­traust, so werden deine Planungen gesegnet sein. Im Jahre des Herrn 1567“.

Der Helmstedter Historiker und Heraus­geber eines Magazins, Henning Schwannecke, ist zudem begeistert von den Lübbe­steinen, die ältesten vor­geschicht­lichen Denk­mäler der Region, Begräbnis- und Kultur­stätten, die zwischen 3500 und 3000 v. Chr. west­lich vor Helm­stedt ange­legt worden sind. Er nennt zudem die Paramenten­werkstatt im Helm­stedter Kloster St. Marien­berg, die von Mechthild von Veltheim geleitet wird, wo der Funke der Begeiste­rung für Hand­werks­kunst über­springen kann.
Burkhard Budde, Wittich Schober und Manfred Gruner

Autor Burkhard Budde, Helmstedts Bürgermeister Wittich Schobert und Regionalhistoriker Manfred Gruner (von links)

Ferner sollte das im Jahr 1994 eröff­nete Zonen­grenz-Museum in Helm­stedt auf­ge­sucht werden – ein Ort des Ge­den­kens an das „Tor im eiser­nen Vor­hang“ sowie an die Brücke zwischen Ost und West. Und die Klöster Ludgeri, Marien­berg, Marien­tal, die Kirchen der Stadt und der Haus­manns­turm geben span­nende Ein­blicke in eine fremde Welt, die bis heute prägende Spuren hinter­lassen haben.

Helmstedts Bürger­meister Wittich Schobert ist stolz auf seine „Bildungs­stadt“ mit früherer Univer­sität sowie mit der ersten Latein­schule Deutsch­lands, die von der Bürger­schaft ab 1362 geführt wurde. Das Thema „Bildung“ sei noch heute eine der Visiten­karten Helmstedts. Und die gegen­wärtigen Stärken der Stadt? Jetzt ist der Bürger­meister in seinem Element und beschreibt die „Zentralität“ (zentrale Lage mit guten Verkehrs­anbindungen), das „Wachs­tum“ (Durch Zuzug bleibt die Ein­wohner­zahl stabil) sowie die „wirt­schaft­liche Ent­wick­lung“ (Es gibt mehr Berufs­ein­pendler als Aus­pendler.

Die Stadt kann sich zwischen den Ober­zentren Wolfs­burg, Braun­schweig und Magde­burg als eigen­ständiger und unab­hängiger Wohn-, Handels- Dienst­leistungs- und Gewerbe­ort besser „positio­nieren“, wobei die gemein­schaft­liche Entwick­lung von Land­kreis und Kom­munen „für alle gut ist“). Und im Jahr 2022 wird zum Beispiel mit der An­siedlung eines bekannten Internet­betriebes gerechnet.

Ein Tourist, der Helmstedt nur im schnellen Tempo konsumiert, kehrt beein­druckt nach Hause zurück. Ein Besucher jedoch, der die Sehens­würdig­skeiten bewusst wahr­nimmt und historisch nachzu­empfinden versucht, wird von der Stadt faszi­niert berichten. Denn der Genius loci, der Geist des Ortes, begeistert durch histo­rische Bildung, in der Wahr­nehmung, Infor­mation, Kenntnis und Deutung zum Erlebnis ver­schmelzen.

Vergebung auf Augenhöhe III

Vergebung auf Augenhöhe III

Moment mal

Vergebung auf Augenhöhe III

Verkehrsschild und Regenbogen

Der Praxistest steht immer bevor. „Ich bin ver­gebungs­bereit“, sagt eine Person. Aber was heißt das konkret? Löst sich diese positive Grund­haltung im Konflikt­fall auf – wie eine schöne Brause­tablette im Wasser?

Wie bei einer Person mit zornig blickenden Augen, die sich als „Opfer“ fühlt und den „Täter“ beleidigt und schlecht­macht. Oder die mit zuge­kniffenen Augen wahllos und un­differenziert alles – auch Un­appetit­liches – in einen Topf wirft. Und plötzlich alte Kamellen aufs Butter­brot schmiert, die in keinem Zu­sammen­hang mit der aktuellen Situation stehen. Oder die allen – auch sich selbst – Sand in die Augen streut, weil (Selbst-)Täuschungen wohl „Ent­täuschungen“ erträglicher machen. Oder die den Stachel im Auge des Anderen „glasklar“ sieht, aber den Dorn im eigenen Auge „geflis­sentlich“ übersieht. Oder die mit offenen Augen lächelt, aber eiskalt nach­trägt und dadurch die eigene Seele ver­giftet – obwohl man „natürlich“ ver­gebungs­bereit ist.

Leider gibt es kein Rezept­buch der Vergebung für alle Fälle. Auch Alles­wisser und Alles­versteher können keine einfache Lösung in einem konkreten Konflikt aus dem Hut zaubern.

Wohl aber scheint Jesus mit seiner Botschaft von der Verge­bung in einem wichtigen Punkt Recht zu haben: Wer in der Gewiss­heit lebt, dass der liebende Schöpfer bedingungs­lose Neu­anfänge schenkt, kann auch sich selbst und seinen Mit­geschöpfen leichter Neu­anfänge ermöglichen – trotz oder gerade wegen aller Unzu­länglich­keit, Fehler­haftig­keit und Vor­läufig­keit.

Vielleicht auf dem Weg mit mehr Empathie, um Gefühle, Absichten und die konkrete Situation besser verstehen zu können, ohne gleich ins Wort zu fallen, zu beur­teilen oder zu verur­teilen. Damit begrün­detes Vertrauen wieder wachsen kann.

Um sich dann auf Augen­höhe – mit gegen­seitiger Wert­schätzung, Fairness und Wahr­haftig­keit – wieder in die Augen zu sehen. Damit mit empathischer und zugleich argumen­tativer Klarheit im Kontext gespro­chen werden kann – mit dem Versuch einer gemein­samen Lösung bzw. eines nach­haltigen Kompro­misses.

Auf jeden Fall – so Jesus – lädt der Schöpfer, der seine Geschöpfe mit liebenden Augen sieht und ihnen Freiheit sowie Verant­wortung zutraut, zum Fest gemein­samen Lebens ein.

Burkhard Budde

(Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt am 17.10.2020 in Ostwestfalen und Lippe)

Wait a minute

Forgiveness at eye level III

Wassersprenger im Garten

The practical test is always imminent. „I am ready to forgive,“ says one person. But what does that mean in concrete terms? Does this positive basic attitude dissolve in case of conflict – like a nice effervescent tablet in water?

Like a person with angry eyes who feels like a „victim“ and insults and bad-mouths the „perpetrator“. Or who, with her eyes closed, randomly and undifferentiatedly lumps together everything – even the unappetizing – in one pot. And suddenly old slats are smeared on the bread and butter that have no connection to the current situation. Or which throws sand into the eyes of everyone – including oneself – because (self-)deception probably makes „disappointments“ more bearable. Or who sees the sting in the other person’s eye „crystal clear“, but „deliberately“ overlooks the thorn in her own eye. Or who smiles with open eyes, but bears it coldly and thereby poisons one’s own soul – although one is „naturally“ ready to forgive.

Unfortunately there is no recipe book of forgiveness for all cases. Even omniscientists and omniscientists cannot conjure a simple solution out of a hat in a concrete conflict.

However, Jesus seems to be right in one important point with his message of forgiveness: The one who lives in the certainty that the loving Creator gives unconditional new beginnings can also make new beginnings easier for himself and his fellow creatures – despite or even because of all inadequacy, faultiness and temporaryity.

Perhaps on the way with more empathy, in order to better understand feelings, intentions and the concrete situation, without immediately speaking out, judging or condemning. So that justified trust can grow again.

In order to then look each other in the eye again at eye level – with mutual appreciation, fairness and truthfulness. To be able to speak with empathic and at the same time argumentative clarity in context – with the attempt to find a common solution or a sustainable compromise.

In any case – according to Jesus – the Creator, who sees his creatures with loving eyes and entrusts them with freedom and responsibility, invites us to a celebration of life together.

Burkhard Budde

(Published also on 17.10.2020 in the Westfalen-Blatt in East Westphalia and Lippe)

Liebenburg – Ort mit Fingerzeig

Liebenburg – Ort mit Fingerzeig

Land und Leute

Liebenburg – Ort mit Fingerzeig

Von Burkhard Budde

Liebenburg - Blick vom Burgberg

Liebenburg – Blick vom Burgberg

Im Harzvorland zwischen Goslar und Salz­gitter sowie in der Nähe von Wolfen­büttel gibt es einen kleinen beschau­lichen Ort, der jedoch Nieder­sachsen­geschichte ge­schrie­ben hat. Die Rede ist von der Gemeinde Lieben­burg mit einem Schloss, das der Fürst­bischof Clemens August von Hildes­heim (1700 bis 1761) ab 1754 als barockes Jagd- und Som­mer­schloss errichten ließ und zu dem eine Barock­kirche gehört.

Zuvor stand auf dem Burg­berg die „Lewen­burg“, die der Bischof Siegfried der II von Hildes­heim 1292 bauen ließ, um sein Bistum gegen die Herzöge von Braun­schweig und Wolfen­büttel zu schützen.

Die damals stärkste Burg im Harz­vorland erlebte verschie­dene Herr­schaften – neben den Hildes­heimer Bischöfen den Herzog Heinrich den Jüngeren von Braun­schweig-Wolfen­büttel, der auf der Burg seine Geliebte Eva von Trott in den Jahren 1541 bis 1542 ver­steckte, aber auch im Dreißig­jährigen Krieg die Feld­herren Wallen­stein und Tilly, die die Burg längere Zeit als Haupt­quartier nutzten.

Gegen Ende des 17. Jahr­hunderts zerfiel die Burg­anlage immer mehr; heute sind noch drei ehemalige Wehr­türme zu sehen sowie einige Burg­mauern und ein alter Burggang.

Hausmannsturm - Aussichtsturm im Harzvorland

Hausmannsturm – Aussichtsturm im Harzvorland

In der Schlosskirche Liebenburg

In der Schlosskirche Liebenburg

Als einer der schönsten Aussichts­türme des nördlichen Harz­vor­landes gilt der Haus­manns­turm mit Blick auf den Brocken.

Auch wegen der Schloss­kirche lohnt sich ein Besuch Lieben­burgs. Der Barock­maler Joseph Gregor Wink, 1710 in Deggen­dorf in Nieder­bayern geboren und 1781 in Hildesheim gestorben, hat die Schlosskapelle 1758 mit Fresken – u.a. Episoden aus dem Leben des Heili­gen Clemens, der von 88 bis 97 nach Christi Papst von Rom war – so plastisch und präzise sowie farben­prächtig und leiden­schaft­lich glühend gestaltet, dass sie zum Staunen Anlass gibt. Es existiert wohl kein weiterer Fresken­maler dieser Qualität in der nord­deutschen Kunst­szene des 18. Jahr­hunderts.

Die Schlosskirche „Mariä Ver­kündi­gung“ ist heute zu­gleich katho­lische Pfarr­kirche, wird litur­gisch genutzt und atmet wie im 18. Jahr­hun­dert die beson­dere Nähe des Himmels auf Erden.

Fresko-Detail in der Schlosskirche Liebenburg

Fresko-Detail in der Schlosskirche Liebenburg

Eine weitere Rarität im erlebbar spirituellen Kontext sind die Werke des Malers und Grafikers Gerd Winner, der 1974 das Schloss Liebenburg als Wohn- und Künstler­haus erworben hat, nachdem es 17 Jahre lang leer gestanden hatte. Als Gerichts­gebäude mit Gefängnis­zellen diente das Schloss bis zur Mitte des 20. Jahr­hunderts. Nun wirkt der Ehren­bürger von Liebenburg in Liebenburg und darüber hinaus.

Seine Biografie – er ist Zeitzeuge des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges in Europa – erzählt spannende Geschichten.

Er gehört mit seinen viel­fältigen Werken bereits zur Kunst­geschichte u.a. mit seinen Grafikzyklen „London Transport“. „London Docks“, „Roadmarks“, „New York Times Square“.

Aber auch – gemein­sam mit seiner 1998 verstor­benen Frau Ingema Reuter – mit dem „Haus der Stille“ als begeh­baren Raum zur Medi­tation und Reflexion auf dem Gelände des ehema­ligen Konzen­trations­lagers Bergen-Belsen 1997; das „Haus der Stille“ wurde im Jahr 2000 zur Welt­ausstellung übergeben.

Gerd Winner - Maler und Grafiker

Gerd Winner – Maler, Grafiker und Schlossherr

In Braunschweig – hier 1936 geboren und zur Schule gegangen, besonders geprägt durch die Zerstörung der Heimat­stadt 1944 – fand er in seinem Kunst­lehrer Gottlieb Mordmüller ein Vorbild sowie einen Förderer.

Von 1956 bis 1962 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin bei Prof. Werner Volkert, wo er „hautnah“ den Kalten Krieg erlebte; anschließend war er freier Maler und Graphiker.

In London lernte er die Sieb­druck­technik kennen; während eines Arbeits­aufenthaltes entstanden hier die Sieb­druck­serien bzw. die Grafik­zyklen.

In der Stadt Heinrichs des Löwen, wo ein Atelier für Sieb­druck aufgebaut wurde, begann die Zusam­men­arbeit mit dem Sieb­drucker Hajo Schulpius.

1972 erhielt Winner einen Lehr­auftrag an der Münchner Kunst­akademie; 1975 einen Ruf als Professor für Malerei und Graphik. 1974 hatte er das Schloss Liebenburg vom Land Nieder­sachsen erworben, um eine Sieb­druckwerk­statt sowie sein Atelier aufzu­bauen.

Das Pendeln zwischen seinen Arbeits­plätzen in Berlin und London sowie die Fahrten durch den „Korridor“ von Berlin in den Westen war auch wegen der Schikanen der DDR-Grenz­behörden immer schwieriger geworden.

Gerd Winner vor seinem Schloss

Künstler Gerd Winner vor seinem Schloss

Die Liebenburg wurde für ihn ein „Ruhe­pol“ bzw. eine „Flucht­burg“ und die Lieben­burger Natur „Inspirations­quelle“, wenn er mehrere Wochen in New York gear­beitet hatte, und eine beson­dere „Wirkstätte“ gemeinsam mit dem Sieb­drucker, wenn in München die vorlesungs­freie Zeit begonnen hatte, obwohl der Künstler auf die Metropolen als „geistige Quellen für Kreativität“ nicht verzichten möchte.

Vor allem jedoch, so Gerd Winner im Gespräch, sei Religion eine „perma­nente Urkraft“ – wich­tig für sein Wirken. Auch stehen Martina Winner, mit der er seit 1999 verheiratet ist sowie der Sohn Marian Maximilian, in der geschichts­orientierten, künstler­ischen und spirituellen Tradition des anerkannten Künstlers.

Die Stahl­skulpturen Winners, die seit 2009 im Schloss­park zu sehen sind, haben ihre Basis – ohne Sockel – direkt in der Natur. Und frisches, wachsen­des Gras wird als Zeichen neuen Lebens sichtbar; das Material schafft die Ver­bin­dung zur Arbeits­welt. Vor allem jedoch sind es die nach oben gerichtete „Pfeile“, die als Symbol der Aufer­stehung verstanden werden können.

Gerd Winner - Pfeilskulpturen

Gerd Winner – Pfeilskulpturen als Symbol der Auferstehung

Oder eine kreis­förmige Boden­skulptur, die ein vier­teiliges Laby­rinth zeigt, kann auf die vier Lebens­phasen sowie auf die vier Evangelien, auf den „existen­tiellen Weg zu Gott“ (Winner) hinweisen. Darüber hinaus stehen die Skulpturen im Zusammen­hang mit der inter­nationalen Straße des Friedens von Paris nach Moskau und haben damit auch eine über­regionale Bedeutung.

Oder in der stählernen „Himmels­scheibe“ am Hang des Parks – der auf­gehen­den Sonne entgegen­gerichtet – durch­dringen sich in abstrakter Form Alpha und Omega, Zeichen von Anfang und Ende, so Winner, aber wohl auch von ewigem Leben, eine Hoffnung auf Neu­anfänge ohne Ende – durch Gott und zu ihm hin.

Labyrinth von Gerd Winner
Labyrinth – kreisförmige Boden­skulptur von Gerd Winner

Und seine Zeichnungen? In mehr­schichtigen Reflektionen und Durch­dringungen, erläutert Gerd Winner, verschmelzen die persönlichen Eindrücke und Erlebnisse mit den Folgen des Leidens. Und „in der Summe richten sich meine Anfragen zur Passion der Menschen direkt und indirekt an die Passion Christi“, gibt der Künstler zu bedenken.

Winner-Kunst mit religiösen Perspektiven gibt an vielen Orten – in Braunschweig (z.B. in den Dominikaner Kirchen St. Albertus Magnus), Salzgitter-Bad („Jakobsleiter“, „Schwerter zu Pflugscharen“), Wolfenbüttel („Turm der Technik“) und darüber hinaus.

Gerd Winner und Burkhard Budde

Gerd Winner und Burkhard Budde vor dem Bild „Christuskopf“

Im Jahr 2002 gestaltete Gerd Winner den „Christuskopf“ an der Stirn­seite des Alten­pflege­heimes Bethanien in Braun­schweig. „Wir haben vorher darüber gesprochen“, erinnert sich der Künstler im Gespräch mit dem Verfasser dieses Artikels, der ihn damals mit dem Vorstand in Lieben­burg besucht hatte.

Es sollte kein abstraktes Kunstwerk entstehen, sondern eines, das die Menschen mitnimmt, dass sie neu und persönlich anrührt, menschlich zu bleiben und in Bewegung versetzt. Damit in dem Haus der Diakonie christliche Nächsten­liebe erfahrbar bleibt, mutige Schritt­macher der Liebe gestärkt werden sowie Spuren des Göttlichen und letzte Geborgen­heit entdeckt werden können.

Winners verstorbene Frau Ingema Reuter hatte einen Entwurf des Christuskopfes angefertigt. Und Gerd Winner hat das Kunstwerk „posthum“ technisch, aber auch als „geistliches Programm“ vollendet.

Doch die Fragen an den Schmerzensmann, der mit seinem Geist der schöpferischen Liebe neues Vertrauen und Hoff­nung schenken möchte, bleiben. Und der Betrachter muss die Botschaft angesichts von Konflikten und anderen He­raus­forderungen immer wieder neu ent­schlüsseln. Und der Künstler kann mit seiner Kunst dabei helfen – ohne pä­dago­gischen Zeige­finger, wohl aber mit spirituellem Finger­zeig.

(Veröffentlicht auch im Wolfen­bütteler Schau­fenster am 18.10.2020)
Provozierender Neuanfang II

Provozierender Neuanfang II

Moment mal

Provozierender Neuanfang II

Pinkfarbige Rosenblüte hinter Knospen

Fesselt der Neid? Verhindert der Tunnelblick Neuanfänge?

Der ältere Sohn ist stink­sauer auf seinen Vater. Für seinen jüngeren Bruder, der aus der Ferne zurück­gekehrt ist, wo er sein Erbe „mit Dirnen“ ver­prasst hat, wird zum Dank noch ein Fest aus­gerichtet. (Etwa) mitfeiern? Nein, danke!

Der Vater ergreift – wie beim jüngeren Sohn – wieder die Initiative und versucht auch seinen älteren Sohn zum Mitfeiern zu über­zeugen. Er erntet aber nur schwere Vor­würfe: Die Feier sei ungerecht. Für ihn, der seinem Vater viele Jahre lang gedient und auf ihn gehört habe, habe es nie eine Feier gegeben.

Wieder – wie beim jüngeren Sohn – reagiert der Vater über­raschend: Er verurteilt auch ihn nicht, hält ihm keine Moral­predigt, redet ihm nicht ins Gewissen. Er lädt ihn viel­mehr zum Nach­denken und Weiter­denken ein, ja zum spontanen Weit-Genug-Denken: „Du bist allezeit bei mir. Alles, was mein ist, ist dein.“

Und in der Tat: Wer in einer guten Gemein­schaft lebt, hat Halt, findet Sinn und kann gerade deshalb beweglich sein, sogar sich mitfreuen, mitfeiern. Wenn der verlorene Bruder wieder­gefunden worden ist, vor allem noch lebt, wieder auflebt.

Was für ein Vater. Er befreit beide Söhne von ihren Fesseln – der Bindungs­unfähigkeit („ Jüngerer Sohn“) und der Unbeweg­lichkeit („Älterer Sohn“).

Und dieser Vater erinnert an Jesus selbst, der diese Geschichte erzählt, der Tischgemeinschaft mit Zöllnern und „Sündern“ hatte und deshalb von den frommen Gut­menschen der damaligen Zeit heftig kritisiert wurde.

Und diese Botschaft ermutigt, die vielen Fesseln wie Neid und Angst, aber auch Verletzungen und „Ungerech­tigkeiten“ zu sprengen, indem an die bedingungs­lose Liebe geglaubt wird, die die Freiheit wirklich frei macht und nur Neu­anfänge kennt.

Burkhard Budde

(auch veröffentlicht im Westfalen-Blatt am 10.10.2020 in Ostwestfalen und Lippe)

Wait a minute

Provocative New Beginning II

Glaskreuz in Kirchenkuppel, Balkenunterseite orange

Does envy captivate? Does tunnel vision prevent new beginnings?

The older son is furious with his father. In gratitude for his younger brother, who has returned from afar, where he has squandered his inheritance „with prostitutes,“ another celebration is held. Celebrate with them? No, thanks!

The father takes the initiative again – as with the younger son – and tries to convince his older son to join in the celebration. However, he only receives serious reproaches: the celebration is unjust. For him, who had served his father for many years and listened to him, there had never been a celebration.

Again – as with the younger son – the father reacts surprisingly: He does not condemn him either, does not preach morality to him, does not talk into his conscience. Rather, he invites him to reflect and think further, yes, to spontaneously think far enough: „You are with me always. Everything that is mine is yours.“

And indeed: Whoever lives in a good community has stability, finds meaning, and precisely for this reason can be mobile, even join in the joy, celebrate. When the lost brother has been found again, above all still lives, revives.

What a father. He frees both sons from their fetters – the inability to bind („Younger Son“) and immobility („Elder Son“).

And this father reminds us of Jesus himself, who tells this story, who had table fellowship with publicans and „sinners“ and was therefore severely criticized by the pious do-gooders of the time.

And this message encourages to break the many fetters like envy and fear, but also injuries and „injustices“ by believing in unconditional love, which really makes freedom free and only knows new beginnings.

Burkhard Budde

(also published in the Westfalen-Blatt on 10.10.2020 in Ostwestfalen and Lippe)