Der wahre Ritter

Der wahre Ritter

Moment mal

Wahre Ritter

Von Burkhard Budde

St. Martin

St. Martin teilt seinen Mantel; Ausschnitt aus dem Spenger Altar (15. Jahrhundert)

Ist  ein Formular wichtiger als Zuwendung, das selbstverliebte Ego wichtiger als die eigene und fremde Gesundheit?

An eine Gesellschaft mit einem menschlichen Gesicht erinnert der Heilige Martin, der im 4. Jahrhundert seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte. Und damit ein Zeichen setzte: Die konkrete sowie spontane Tat der Nächstenliebe ist im Zweifel wichtiger als  Bürokratie oder ein Ego-Trip auf Kosten anderer.

Martin war offensichtlich kein Raubritter mit Scheuklappen, der nur an neue  Mäntel für sich denkt. Auch kein Scheinritter mit Heilgenschein, der gerne fremde Mäntel verteilt und sich selbst als heilig wahrnimmt, aber scheinheilig handelt. Martin hat auch nicht seinen ganzen Mantel an den Bettler abgegeben oder ihm sein Pferd einfach zur Verfügung gestellt.

Wem Martin als Vorbild wichtig geworden ist, muss nicht schwärmerisch werden. Der kann vielmehr versuchen, menschlich zu bleiben und zugleich vernünftig zu handeln, das menschlich Richtige im sachlich Möglichen zu tun. Denn auch „Bettler“ können ihre Bedürftigkeit vortäuschen oder das Geschäft mit dem Mitleid betreiben.  Und jeder „Ritter“ kann zum Bettler werden, weil kein Mensch unverwundbar ist. Und alle stets die Unterstützung anderer brauchen.

Dann ist nicht eine Abhängigkeit vom Tropf der Hilfe wichtig, sondern aktive Hilfen zur Selbsthilfe sowie strukturelle Hilfen zur Selbstständigkeit können die Not wenden. Oder Solidarität ist das Gebot der Stunde, wenn einer sich selbst nicht mehr helfen kann.

Jeder kann dem Nächsten zum Ritter werden, nicht als exotische Lichtgestalt oder von oben herab, auf hohem Ross sitzend: Menschen, die ihre Lebensmäntel, ihre Lebenszeit und Lebensmöglichkeiten, mit anderen Menschen teilen. Zum Beispiel Ärzte, die trotz Zeit- und Arbeitsdruck nicht nur am kranken Organ des Patienten interessiert sind, sondern – wenn eben möglich – auch am ganzen Menschen. Lehrer, die Schüler nicht demotivieren, sondern fördern.  Politiker, die nicht einfach auf Stimmenfang sind, sondern vor allem dem Gemeinwohl dienen.

Jeder Mensch braucht einen Nächsten, etwas Liebe. Martin soll später einen Traum erlebt haben, in dem er die Stimme Christi hörte: „Was du dem geringsten meiner Brüder tust, hast du mir getan.“ Ob in der Nächstenliebe Gottesliebe aufleuchtet, die sowohl Rittern als auch Bettlern eine unantastbare Würde schenkt – und einen menschlichen und zugleich vernünftigen Ritterschlag im Alltag möglich macht!?!

Burkhard Budde

Der Artikel ist auch am 7.11.2020 im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe veröffentlicht worden.

 

 

 

Faszination Kirche

Faszination Kirche

Moment mal

Faszination Kirche

Glaskreuz in Kirchenkuppel, Balkenunterseite orange

Kann die Kirche faszinieren?

Ein Mensch klopft im Traum an die Tür einer Haus­kirche, die Schwarz­brot anbietet. Aber die religiösen Regeln und mora­lischen Überzeu­gungen sind für ihn knüppel­hart. Und einige Brocken bleiben ihm im Halse stecken.

Dann klopft er an die Tür einer Nischen­kirche, die Kuchen mit Sahne anbietet. Aber die schönen Dienst­leistungen im religiös würdi­gen Rahmen befriedigen nicht wirklich seine Bedürf­nisse. Er braucht auch see­lische Nahrung für seinen Alltag.

Wenig später klopft er an die Tür einer Allerwelts­kirche, die ein traum­haftes Kuchen­buffet anbietet. Aber ver­geb­lich hält er Aus­schau nach etwas unver­wechsel­bar Kost­barem. Er sucht Außer­alltäg­liches, das mehr ist als nur eine Kopie von Originalen, die es auch anders­wo gibt.

Schließlich klopft er an die Tür einer Behörden­kirche, die unter dem Türs­child „Kirche“ auf Öffnungs­zeiten hinweist. Aber er kann nicht warten, da sein Hunger nach Liebe, Frei­heit und Gemein­schaft zu groß ist. Und eine Organi­sation mit Ämtern, Hierar­chien, Gremien ist ihm un­heimlich; Wür­den­träger scheinen ihm unnahbar, Funktio­näre zu sehr mit sich selbst be­schäftigt. Und viele ihrer politi­schen oder mo­ralischen Zensuren mag er auch nicht.

Da klopf jemand an seine Tür. Er wird wach, reibt sich die Augen und hört den Ruf Jesu „Ich bin das Brot des Lebens“. Er fragt sich: Ist das Hören und Ver­trauen im Blick auf diese Stimme ein Tür­öffner, um seinen Hunger nach Sinn und Liebe, Gemein­schaft und Erneue­rung im Leben zu stillen?

Kann dieses geistliche Brot ihm Kraft schenken, Halt und Orien­tierung geben, ja rundum­erneuern – in allen Krisen, Konflikten und Umb­rüchen? So dass er gestärkt Verant­wortung für sich selbst und den Nächsten, auch für „seine Kirche“ und „seine Mitwelt“ wahr­nehmen kann?

Es wird ihm immer deut­licher: Nicht die Kirche rettet den Gottes­glauben. Wohl aber kann die Stimme Jesu die Kirche retten – bewegen und er­neuern. Als sich bewe­gende Institu­tion und zu­gleich institu­tionali­sierte Bewe­gung kann die Kirche Jesu Christi suchen­den und fragen­den, zweifeln­den und ringenden, ja klopfenden Menschen Raum geben, mög­lichst glaub­würdig und empa­thisch. Damit die Faszi­nation Grund-, Gottes- und Christus­vertrauen geweckt wird – die Liebe zu Gott und den Menschen.

Burkhard Budde

Wait a minute

Fascination Church

Gottesdienst - Kirche in blauem Licht

Can the church fascinate?

In a dream, a person knocks on the door of a house church that offers black bread. But the religious rules and moral convictions are rock-hard for him. And a few lumps get stuck in his throat.

Then he knocks on the door of a niche church that offers cakes with cream. But the beautiful services in a religiously dignified setting do not really satisfy his needs. He also needs spiritual nourishment for his everyday life.

A little later he knocks on the door of a church that offers a fantastic cake buffet. But he looks in vain for something unmistakably precious. He is looking for something that is more than just a copy of originals that can be found elsewhere.

Finally, he knocks on the door of a church of authorities, which indicates opening hours under the door sign „Kirche“. But he cannot wait, because his hunger for love, freedom and community is too great. And an organization with offices, hierarchies, committees is uncanny to him; dignitaries seem unapproachable to him, functionaries too busy with themselves. And he does not like many of their political or moral censorship either.

Someone knocks at his door. He wakes up, rubs his eyes and hears the cry of Jesus „I am the bread of life. He asks himself: Is hearing and trusting this voice a door opener to satisfy his hunger for meaning and love, community and renewal in life? Can this spiritual bread give him strength, support and orientation, even renewal – in all crises, conflicts and upheavals? So that he can take responsibility for himself and his neighbor, also for „his church“ and „his fellow world“?

It becomes more and more clear to him: It is not the church that saves faith in God. But the voice of Jesus can save the church – move and renew it. As a moving institution and at the same time an institutionalized movement, the Church of Jesus Christ can give space to people who seek and ask, doubt and struggle, even knock, as credibly and empathetically as possible. So that the fascination of basic trust in God, God and Christ is awakened – the love for God and people.

Burkhard Budde

Der Bart ist ab!

Der Bart ist ab!

In eigener Sache

Der Bart ist ab!

Reformierte Website nach sechs Jahren im neuen Look

Ich muss gestehen, ich bin ein Blogger, obwohl ich das erst gar nicht wusste. Sechs Jahre lang fütterte ich meine Seite burkhard-budde.de (mit Bindestrich) Woche für Woche fleißig mit Texten und Bildern.

Über Bildgrößen und Blogging-Software machte ich mir wenig Gedanken. So ist meine Seite mit den Jahren alt, fett und langsam geworden – etwas Neues musste her!

Alte Website - Blaue Periode von 2014 bis 2020

Blaue Periode von 2014 bis 2020

Nun starte ich hier mit einer neu gestalteten, responsiven, schlanken und schnellen WordPress Website unter der Adresse burkhardbudde.de (ohne Bindestrich).

Ältere Artikel bleiben zunächst auf der alten Website. Im Oktober 2020 habe ich hier begonnen. Ab November 2020 schreibe ich neue Artikel nur noch hier. Weiterhin viel Freude beim Lesen wünscht Burkhard Budde.

Neue Website - Grüne Periode ab 2020

Grüne Periode ab 2020

Echo des Herzens

Echo des Herzens

Moment mal

Echo des Herzens

Gedeckter Tisch mit Kerze

Ein kleines Wort kann Türen öffnen. Es streichelt die Seele, entkrampft eine Beziehung und bewegt die Gefühle. „Danke“, flüstert das nied­liche Mäuschen in das Ohr des sturen Quer­kopfes. Der strahlt plötzlich über beide Ohren und gibt seinem Enkel­kind ein weiteres Stück Schokolade.

Allerdings wird das „Zauber­wort“ schnell ent­zaubert, wenn es nicht ehrlich gemeint ist oder mit Berech­nung daherkommt. „Der bedankt sich ja nur, damit ich weiter nach seiner Pfeife tanze“, spottet einer nach einem über­schwäng­lichen Dankeswort hinter vorge­haltener Hand.

Doch ein möglicher Miss­brauch des Wortes „Danke“ sollte nicht den rechten Gebrauch verhindern.

Denn vergessener Dank führt schnell in den leeren Raum eines kühlen Anspruchs­denkens, maßloser Forderungen und zu „Selbst­ver­ständlich­keiten“, die nicht selbst­ver­ständlich bleiben müssen. Dem­gegen­über öffnet ein Echo des dank­baren Herzens auf etwas Schönes, Gutes, Wahres, Hilf­reiches oder Über­raschendes die Tür zum Raum wachsenden Vertrauens einer Beziehung.

Undankbare Menschen machen sich das Leben selbst schwer, werden häufig einsam und verbittern immer mehr. Dankbare Menschen ohne schlechte Hinter­gedanken und ohne gleich­gültige Kopf­losigkeit jedoch geben sich selbst und anderen neuen Sauerstoff, der eine Beziehung belebt und bewegt.

Dankbare Köpfe, die mit dem Herzen denken, können sogar visionäre Weiter­denker sein:

Ist meine Lebens­zeit nicht einmalig? Jedoch stets gefährdet und vergänglich? Nicht einfach wieder­her­stellbar, vermehrbar oder einklagbar? Und deshalb so kostbar?

Ist meine Lebens­zeit nicht ein einzig­artiges Geschenk? Da ich mir das Leben nicht selbst gegeben habe? Meine Eltern, den Zeit­punkt, den Ort meiner Geburt nicht selbst ausge­sucht habe? Da ich seit meiner Geburt stets auf Unter­stützung anderer ange­wiesen bin und bleibe?

Und könnte es nicht sein, dass der Geber meiner Lebens­zeit mir aufgegeben hat, vor ihm und mit ihm, vor dem Nächsten und mit dem Nächsten mein Leben zu bedenken und zu durch­denken, den Um­gang mit der Gabe zu bea­nt­worten und zu ver­ant­worten – nicht leicht­sinnig, auch nicht panisch, aber in Vernunft und in Liebe, im verant­wort­lichen Einsatz persön­licher Freiheit und in gegen­seitiger Rück­sicht­nahme?

Und könnten diese Fragen nicht Klopf­zeichen an die Tür des Glaubens sein, die von innen her – vom Geist Gottes selbst – geöffnet wird, um in den Raum eines glück­lichen Lebens zu gelangen?

Burkhard Budde

(veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt am 24.10.2020 in Ostwestfalen und Lippe)

Wait a minute

Echo of the heart

Kaktus mit gelber Blüte

A small word can open doors. It caresses the soul, relaxes a relationship and moves the emotions. „Thank you,“ whispers the cute little mouse into the ear of the stubborn pigheaded man. He suddenly beams over both ears and gives his grandchild another piece of chocolate.

However, the „magic word“ is quickly disenchanted if it is not meant honestly or comes with calculation. „He only thanks me so that I can continue to dance to his tune,“ mocks one after an exuberant word of thanks behind his back.

But a possible misuse of the word „thank you“ should not prevent its proper use.

For forgotten thanks quickly lead into the empty space of a cool sense of entitlement, excessive demands and „self-evident things“ that do not have to remain self-evident. In contrast, an echo of the grateful heart for something beautiful, good, true, helpful or surprising opens the door to the space of growing trust in a relationship.

Ungrateful people make life difficult for themselves, often become lonely and embittered more and more. Thankful people without bad ulterior motives and without indifferent headaches, however, give themselves and others new oxygen, which enlivens and moves a relationship.

Grateful minds who think with the heart can even be visionary thinkers:

Isn’t my lifetime unique? Yet always endangered and fleeting? Not easily recoverable, reproducible or enforceable? And therefore so precious?

Is my lifetime not a unique gift? Because I have not given myself life? My parents, the time, the place of my birth not chosen by myself? Because since my birth I have always been and remain dependent on the support of others?

And could it not be that the giver of my lifetime has given me the task to think and think through my life before him and with him, before my neighbor and with my neighbor, to answer and take responsibility for the handling of the gift – not recklessly, not panicky, but in reason and in love, in responsible use of personal freedom and in mutual consideration?

And couldn’t these questions be knocking signs at the door of faith, which is opened from within – by the Spirit of God Himself – to enter the space of a happy life?

Burkhard Budde

(also published in the Westfalen-Blatt on 24.10.2020 in Ostwestfalen and Lippe)

Helmstedt – Zeuge einer großen Zeit

Helmstedt – Zeuge einer großen Zeit

Land und Leute

Helmstedt – Zeuge einer großen Zeit

Von Burkhard Budde

Manfred Gruner und Meike Jenzen-Kociok

Regionalhistoriker Manfred Gruner und Buchhändlerin Meike Jenzen-Kociok in Helmstedt

Begeisterte können begeistern.

Zum Beispiel Meike Jenzen-Kociok, die seit 1994 als Buchhändlerin im „Herzen Deutschlands“ tätig ist und Führungen durch die kleine Stadt mit großer Geschichte anbietet.

Sie ist von den Reizen der Stadt Helmstedts, die zwischen Elm und Lappwald bzw. dem nördlichen Harzv­orland und dem Nord­deutschen Tief­land liegt, begeistert.

Und immer noch fasziniert von den über 400 Professoren- und Fach­werkh­äusern aus dem 16. und 17. Jahr­hundert, die das Stadtbild Helmstedts prägen und häufig mit infor­mati­ven Gedenktafeln und beein­druckenden Fassaden gestaltet sind.

In der Tat öffnet die reizvolle Universitäts­geschichte der Stadt, die der Besucher beim Anblick des „Juleums“, des Aula­gebäudes der ehemaligen Universität im palast­artigen Renaissance­stil aus den Jahren 1592 bis 1597 zunächst nur erahnen kann, die Tür zur älteren deutschen Geistes­geschichte.

Herzog Julius zu Braunschweig und Lüneburg, Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel (1528-1589) hatte 1570 das Pädagogikum in Gandersheim gegründet. Diese Muster­schule für die Aus­bildung von Geist­lichen wurde 1574 nach Helmstedt verlegt, zu einer Hoch­schule erweitert und konnte 1576 als protestan­tische Universität „Academia Julia“ eingeweiht werden. 1568 hatte Herzog Julius die Refor­mation im Herzogtum Braunschweig eingeführt und strebte daraufhin eine neue Führungs­schicht mit Theologen, Juristen, Medizinern und Lehrern im neuen Glauben an.

Erbprinz Heinrich Julius (1564-1613) wurde im Alter von zwölf Jahren der erste Rektor und zugleich auch Student der neuen Universität. Vom damals bedeutendsten deutschen Baumeister Paul Franke aus Weimar wurde das schönste Universitäts­gebäude seiner Zeit im Stil der Renaissance geschaffen. Schnell entwickelte sich mit zunächst vier Theologen, fünf Medizinern, sechs Juristen und neun Philosophen sowie 15 000 Studenten, die bis zum Jahr 1635 einge­schrieben waren, ein geistiges Zentrum mit über­regionaler Bedeutung – die Nummer drei hinter Wittenberg und Leipzig im Blick auf die Besucher­zahl. In Deutschland gab es damals 18 Univer­sitäten.

Juleum in Helmstedt

Das zwischen 1904 und 1906 aus Velpker Sandstein errichtete Helmstedter Rathaus

Nach Helmstedt, eine damals 3000 Bürger zählende Stadt, – in das „Athen der Welfen“ (Platons antike philo­sophische Akademie wird auch als Mutter aller Universitäten be­zeichnet) – kamen protestan­tische Studenten von den Nieder­landen bis zum Baltikum. Die Studenten wurden gegen Entgelt – ein „Zubrot“ für die Professoren – in Professoren­haushalten unter­gebracht.

Bekannte Persönlich­keiten wirkten in Helmstedt; zum Beispiel der Humanist Johannes Caselius (1533-1613), der eine Schule der Philosophie gründete; der Theologe Georg Calixt (1586-1656), der als Weg­bereiter der Ökumene gilt; der Mediziner und Publizist Hermann Conring (1606-1681), der als Begründer der Wissen­schaft der deutschen Rechts­geschichte angesehen wird; der italienische Philosoph und Dominikaner­mönch Giordano Bruno (1548-1600), der die Lehre des Kopernikus – die Erde dreht sich als Planet um die eigene Achse und bewegt sich wie die anderen Planeten um die Sonne – vertrat und deshalb im Jahr 1600 als Ketzer auf einem Scheiter­haufen in Rom ermordet wurde.

Auch Studenten, die später berühmt wurden, waren auf dieser Universität mit aner­kannten Professoren, die sich zudem durch eine praxis­nahe Aus­rich­tung der Lehre auszeich­nete sowie durch erste gedruckte Vorlesungs­verzeich­nisse; zum Beispiel der Physiker Otto von Guericke aus Magdeburg (1602-1686), der insbe­sondere durch seine Experi­mente zum Luft­druck mit den Halb­kugeln bekannt wurde; der Mathe­matiker und Astronom Carl Friedrich Gauß aus Braun­schweig (177-1855), dem „Ersten unter den Mathe­matikern“.

Kaiser Napoleon Bonaparte (1769-1821) ließ in der napoleonischen Ära (1806-1813) bzw. im neu geschaf­fenen König­reich Westfalen, das sein Bruder Jérôme regierte, durch eine Verfügung in Paris im Jahre 1809 die Univer­sitäten Helmstedt und Rinteln aufheben, die sein Bruder dann 1810 besiegelte. Offen­sichtlich sollte nicht nur Geld gespart, sondern auch das Geistes­leben in Deutschland geschwächt werden.

Universität Helmstedt
Baumeister Paul Franke aus Weimar schuf das schönste Universitäts­gebäude seiner Zeit.

Etwa 233 Jahre bestand die Universität. Geblieben sind die Bibliothek mit etwa 35 000 historischen Titeln (viele Werke sind nach der Auflösung in die herzogliche Bibliothek nach Wolfen­büttel gekommen), ein Kreis- und Universitäts­museum, Gebäude und Werke, glanz­volle Stein­metz­arbeiten im Spät­renaissance­stil von unschätz­barem Wert. In Erinnerung bleiben auch Namen von Wissen­schaftlern, die Programm sind, Weichen gestellt haben, auf deren Rücken die Nach­welt steht, die die Gegen­wart deshalb besser verstehen und weiter – besonnener und demütiger – in die Zukunft sehen kann. Und Wilhelm Raabe (1831-1910), der mehrere Jahre in Wolfen­büttel lebte, hat mit seiner Novelle „Die alte Univer­sität“ (1858) die bedeutende Univer­sitäts­geschichte litera­risch fest­gehalten.

Begeistert von Helmstedt ist auch Regional­historiker Manfred Gruner aus Bad Harzburg. Zum begeisternden Gesicht der Stadt zählt er das Rohr’sche Renaissance­haus mit seinen faszinie­renden Schnitze­reien am Markt (Papen­berg 2), in dem Herzog Julius bei seinen Besuchen wohnte und das als Hof­lager des Herzogs diente.

Dort können offene Augen auf Entdeckungsreise gehen: Die Wappen u.a. von Herzog Heinrich d.J. und Herzog Julius. Aber auch die allegorischen Darstellungen der sieben freien Künste – Lehrfächer der philosophischen Fakultät – Rhetorik, Geometrie, Dialektik, Arithmetik, Musik, Astronomie, Grammatik wecken die Phantasie des Betrachters. Und die Pietas („Frömmigkeit“) ist zusätzlich eingefügt.

Rohr'sches Haus in Helmstedt

Das Rohr’sche Renaissancehaus mit seinen faszinierenden Schnitzereien am Markt

Zum schönsten Fach­werk­haus in Helmstedt aus dem Jahr 1567 gehören auch Frauen­gestalten, die Tugenden und Laster symboli­sieren sowie religiöse öffent­liche Bekennt­nisse (übersetzt): „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten um­sonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Wenn du dem Herrn deine Werke anver­traust, so werden deine Planungen gesegnet sein. Im Jahre des Herrn 1567“.

Der Helmstedter Historiker und Heraus­geber eines Magazins, Henning Schwannecke, ist zudem begeistert von den Lübbe­steinen, die ältesten vor­geschicht­lichen Denk­mäler der Region, Begräbnis- und Kultur­stätten, die zwischen 3500 und 3000 v. Chr. west­lich vor Helm­stedt ange­legt worden sind. Er nennt zudem die Paramenten­werkstatt im Helm­stedter Kloster St. Marien­berg, die von Mechthild von Veltheim geleitet wird, wo der Funke der Begeiste­rung für Hand­werks­kunst über­springen kann.
Burkhard Budde, Wittich Schober und Manfred Gruner

Autor Burkhard Budde, Helmstedts Bürgermeister Wittich Schobert und Regionalhistoriker Manfred Gruner (von links)

Ferner sollte das im Jahr 1994 eröff­nete Zonen­grenz-Museum in Helm­stedt auf­ge­sucht werden – ein Ort des Ge­den­kens an das „Tor im eiser­nen Vor­hang“ sowie an die Brücke zwischen Ost und West. Und die Klöster Ludgeri, Marien­berg, Marien­tal, die Kirchen der Stadt und der Haus­manns­turm geben span­nende Ein­blicke in eine fremde Welt, die bis heute prägende Spuren hinter­lassen haben.

Helmstedts Bürger­meister Wittich Schobert ist stolz auf seine „Bildungs­stadt“ mit früherer Univer­sität sowie mit der ersten Latein­schule Deutsch­lands, die von der Bürger­schaft ab 1362 geführt wurde. Das Thema „Bildung“ sei noch heute eine der Visiten­karten Helmstedts. Und die gegen­wärtigen Stärken der Stadt? Jetzt ist der Bürger­meister in seinem Element und beschreibt die „Zentralität“ (zentrale Lage mit guten Verkehrs­anbindungen), das „Wachs­tum“ (Durch Zuzug bleibt die Ein­wohner­zahl stabil) sowie die „wirt­schaft­liche Ent­wick­lung“ (Es gibt mehr Berufs­ein­pendler als Aus­pendler.

Die Stadt kann sich zwischen den Ober­zentren Wolfs­burg, Braun­schweig und Magde­burg als eigen­ständiger und unab­hängiger Wohn-, Handels- Dienst­leistungs- und Gewerbe­ort besser „positio­nieren“, wobei die gemein­schaft­liche Entwick­lung von Land­kreis und Kom­munen „für alle gut ist“). Und im Jahr 2022 wird zum Beispiel mit der An­siedlung eines bekannten Internet­betriebes gerechnet.

Ein Tourist, der Helmstedt nur im schnellen Tempo konsumiert, kehrt beein­druckt nach Hause zurück. Ein Besucher jedoch, der die Sehens­würdig­skeiten bewusst wahr­nimmt und historisch nachzu­empfinden versucht, wird von der Stadt faszi­niert berichten. Denn der Genius loci, der Geist des Ortes, begeistert durch histo­rische Bildung, in der Wahr­nehmung, Infor­mation, Kenntnis und Deutung zum Erlebnis ver­schmelzen.