Freude im kleinen Kreis

Freude im kleinen Kreis

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Freude im kleinen Kreis

Von Burkhard Budde

Stern leuchtet, um einzuladen.

Auch eine Geburtstagsfeier im kleinen Kreis kann Freude bereiten. Weniger Menschen bedeuten jedoch nicht automatisch weniger Stress. Im Gegenteil! Gerade im kleinsten Kreis kann man sich schneller auf die Nerven gehen.

Aber bei einer kleinen Feier besteht die besondere Chance, keinen lauten Stress der großen Zahl mit unterschiedlichsten Erwartungen und vorprogrammierten (Ent-)Täuschungen zu erleben, sondern die Leere relativer Stille der kleinen Zahl schöpferisch und mutig zu füllen. Und dabei schöne sowie intensive Gefühle in der Gedankenwelt zu verspüren.

Wie das? Wenn die Geburtstagsfeier nicht ohne das Geburtstagskind stattfindet – zu Weihnachten an die Geburt Jesu gedacht und das Herz für die göttliche Botschaft geöffnet wird. Und dadurch das Herz in der Vernunft zum Schlagen gebracht wird.

Jesus ist dann mehr als eine historische Figur, ein moralisches Vorbild oder eine dekorative Gestalt, mehr als „ein holder Knabe im lockigen Haar“. Wenn das Herz im Glauben an den lebendigen Gott als Quelle und Ziel allen Lebens schlägt, wird Jesus zum Sinnbild und Urbild des Willens Gottes, zum Christus, der die verletzte menschliche Seele trösten, retten, befreien und heilen will.

Der Schöpfer selbst ist in der Geburt Jesu Christi  die Brücke, die über den tiefen Graben zwischen ihm und seinen Geschöpfen führt. Und im Glauben an die Menschwerdung Gottes wird Versöhnung zwischen Schöpfer und Geschöpf gestiftet.

Die Schwäche des Kindes in der Krippe, seine Wehrlosigkeit und seine Bedürftigkeit, ist das Geheimnis der göttlichen Stärke, nämlich Neues zu erwarten und zu ermöglichen – menschliche Leidenschaft und zugleich kritische Vernunft, Weisheit und Besonnenheit, begründetes Vertrauen und persönliche Verantwortung vor Gott, dem Nächsten und der Mitwelt.

Und eine Geburtstagsfeier mit dem Geburtstagskind zieht Kreise, weil das Licht des Glaubens in der Dunkelheit nicht übersehen werden kann, sondern Menschen neu und froh macht.

Burkhard Budde

Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt am 19.12.2020 in Ostwestfalen und Lippe

Die Stimme eines Engels

Die Stimme eines Engels

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Die Stimme eines Engels

VonBurkhard Budde

Ein Engel mit Herz

Ein Engel ohne Flügel spricht.

Ein kleiner, aber pfiffiger Wuschelklopf begegnet einem Engel. Der sieht gar nicht so aus wie ein Engel, da er keine Flügel hat. Auch singt er nicht wie andere Engel, jedenfalls hört man keine Lieder mit einem kräftigen „Halleluja“. Er sitzt einfach stumm da, als der Junge auf ihn im Traum trifft, allein in seiner dunklen Ecke, und wirkt wie von allen guten Geistern verlassen.

„Warum bist du so traurig?“ fragt der Junge ihn ganz direkt. Der Engel hebt seinen Kopf ein wenig, sucht die Augen des Jungen, schließt dann jedoch seine Augen, senkt seinen Kopf, der – bei genauerem Hinsehen – dem des Jungen sehr ähnlich ist: lockiges Haar, blaue Augen, kleine zarte Nase, schöne Ohren  sowie ein schmaler Mund mit vollen Lippen – wie aus einem Bilderbuch eines Künstlers. „Du kannst mir auch nicht helfen“, flüstert der Engel etwas schwer atmend. Und seine Worte, die über seine Lippen kommen, klingen etwas verbittert. „Keiner will meine Botschaft hören. Sobald ich etwas sage, schalten die Menschen auf stur, sind desinteressiert und gleichgültig. Oder sie schenken mir gönnerhaft ein Lächeln. Und machen sich dann vom Acker.“

Der Wuschelkopf reagiert verdutzt. „Du bist doch ein Bote einer frohen Botschaft. Und kannst dich selbst nicht  freuen?!“ fragt er. „Nein, nicht auf Knopfdruck. Ich bin doch keine Maschine oder ein Schauspieler mit einem Münzautomatenlächeln“, erwidert  der Engel ehrlich. Da der Junge jedoch den Engel irgendwie zu verstehen versucht und Mitgefühl hat, schlägt er ihm spontan etwas vor: „Begleite mich! Ich besuche Verwandte und Bekannte. Vielleicht wirst du dann wieder froh.“ Allerdings – schießt es dem Jungen durch den Kopf – werde es nicht so einfach sein. „Wir werden Einrichtungen kennenlernen, in denen Sicherheitsbestimmungen herrschen, vorgeschriebene Abstände, genaue Kontrollen und eine Vielfalt von bürokratischen Maßnahmen, damit Menschen geschützt werden und sicher leben können“, erläutert er. Und Orte, fügt der pfiffige Junge geheimnisvoll hinzu, an denen  Menschen in ihrem Alltag  Theater spielen, Tragödien sich in Komödien ereignen können. Der Engel – offensichtlich kein Superheld oder Überflieger, aber auch kein ängstlicher Versteckspieler oder gleichgültiger Zuschauer – ist jetzt richtig neugierig geworden. Und Geheimnisse, ungeschminkte Wahrheiten, gerade wenn sie geschminkt daherkommen,  interessieren ihn eigentlich schon immer. Er gibt sich einen Ruck, steht auf, verlässt seine enge Nische und geht mit dem Jungen.

Besuch im Alten- und Pflegheim

Zunächst führt der Weg in ein Alten- und Pflegeheim, fast eine befestigte Burg, denken manche. Dort lebt eine alte und pflegbedürftige Frau, eine Diakonisse, die der Junge schon viele Jahre lang kennt. Sie soll sogar schon für ihn gebetet haben, als er sehr krank gewesen ist, wie seine Mutter ihm einmal erzählte.

„Ein Leben lang habe ich gerne und rund um die Uhr gearbeitet“, erzählt die Diakonisse. „Aber jetzt liege ich nur noch im Bett und kann nichts mehr tun. Ich möchte sterben. Ich bin nur noch eine Belastung. Aber Gott erhört mich nicht“. Der Junge hat das schon häufiger von ihr gehört. „Ich verstehe dich“, sagt er wie ein einfühlsamer Seelsorger, fügt dann jedoch etwas Naseweises hinzu, um sie mit eigenen Waffen zum Nachdenken zu bringen: „Du hast mir doch selbst einmal gesagt, dass alles in Gottes Hand steht. Gilt das nicht auch für den Zeitpunkt deines Todes?!“ Die Frau verdreht ihre Augen, versucht erneut dem Bengel ihre Situation zu schildern, und bringt es auf den Punkt: „Das Liegen im Bett ist nicht nur langweilig, sondern auch sinnlos, eine Quälerei!“  Doch der Junge reagiert jetzt mit seinem Herzen: „Für mich bleibst du wertvoll. Ich brauche dich. Und du kannst doch auch im Bett für mich beten?!“ Und da geschieht ein kleines Wunder: Ein Engelslächeln erscheint auf dem Gesicht der alten Frau.

Und der Engel, der ohne Worte spricht, schmunzelt ein wenig und reibt sich die Augen.

Besuch im Krankenhaus

Der zweite Besuch führt in ein  Krankenhaus, wo Besuchsregeln und Kontrollen vor allem Risikogruppen dienen und die „AHA Formel“ besonders wichtig ist: Abstand wahren, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen. In diesem Krankenhaus wird ein Onkel des Jungen behandelt, der plötzlich an Krebs erkrankt ist. Nach der freundlichen Begrüßung macht der Onkel, der einen eigenen Kopf hat, und in dem es innerlich schon lange brodelt, aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er braucht wohl ein Ventil. Und in dem Jungen findet er ein offenes Ohr: Er verstehe Gott und die Welt nicht mehr, schimpft der schwer kranke Mann. „Das ist doch ungerecht, dass diese Geißel ausgerechnet mich trifft, wo ich doch keiner Menschenseele etwas getan habe“, klagt er mit feurigen Augen. Und ausgerechnet jetzt, wo er ein zufriedenes und glückliches Leben führen könnte, werde er aus dem Berufsleben gerissen, von Hundert auf Null.

Der pfiffige Junge ist mit seinem Latein am Ende. Ohne es jedoch zu wissen, hilft er seinem Onkel, indem er ihm einfach zuhört. Und weil sein Onkel deshalb seine Wut zulassen kann, um sie zu bändigen; seinen Zorn herauslassen kann, um ihn zu zähmen. Dann schweigen beide, getroffen und betroffen, aber auch mitfühlend und mitdenkend – eine Minute, mehrere Minuten. Da ergreift der Junge, der Tränen in seine Augen bekommen  hat, plötzlich die Hand seines Onkels, hält sie, mal zärtlicher, mal kräftiger, eine Minute, mehrere Minuten. Der Onkel, etwas irritiert und irgendwie beeindruckt, stammelt nur „Danke“. Und da geschieht wieder ein kleines Wunder: Eine Träne läuft über das Gesicht des Onkels als gebe es doch einen Funken Hoffnung und einen versteckten Sinn.

Und dem Engel, der ohne Worte spricht, fällt es wie Schuppen von den Augen, welche Bedeutung gemeinsames und empathisches Leben hat.

Besuch in einer Wohnung

Die dritte Station ist eine Wohnung, in der eine alleinstehende Person lebt. Die freut sich über den Besuch des kleinen Naseweises, den sie schon lange kennt und mag, obwohl sie in ständiger Angst vor Ansteckung und Erkrankung lebt. Und außerhalb ihrer vier Wände überall aggressive Flöhe und destruktive Feinde husten hört. Vorsicht und Achtsamkeit, so belehrt sie den Jungen, seien die Mütter der Porzellankiste – auch unter freiem Himmel, wo sie selbst schnell vor einer drohender Gefahrenkulisse abtaucht oder im Nu lieber große Bögen um einzelne Menschen macht. Eigentlich habe sie es ja als Alleinstehende in ihrer Wohnung gut, „weil keiner da ist, der mir was tut. Auch kein Virus“, meint sie in Anlehnung an ein Wort von Wilhelm Busch.

Im Laufe des Gespräches öffnen sich jedoch auch bei ihr die Schleusen ihres Herzens, das mit innerer Leere und gähnender Langeweile, also Einsamkeit im Alleinsein sowie wüsten Phantasien und diffusen Ängsten gefüllt ist. Es gebe Lichtblicke, beruhigt sie sich selbst ein wenig, wie Telefongespräche, Briefe, E-Mails oder Fernsehsendungen. Aber alle Kommunikationsmittel könnten einen anwesenden Menschen, dem sie vertrauen könne, nicht wirklich ersetzen. Geduldig hört der Junge zu, versucht sie zu verstehen, ohne gleich einen Kommentar abzugeben, obwohl ein solcher ihm auf den Nägeln brennt.

Kann er die Frau überhaupt  trösten? Vielleicht mit dem Hinweis, was einer alleinstehenden Person vielleicht alles erspart bleibt, was es nämlich in Beziehungen und Familien besonders in Stress- und Krisenzeiten durchaus versteckt oder offen geben kann: Die Erfahrung von hautnahem Neid, grenzenlosen Gehässigkeiten, verlogenen Schönmalereien, durchtriebenen Maskeraden, aber auch von Gewalt in verschiedensten Formen? Und eröffnen sich nicht auch Chancen im Alleinsein ohne Einsamkeit, um persönlich zu wachsen und zu reifen, weil man sich ganz auf sich konzentrieren kann, ohne jemanden fragen oder mit jemandem streiten oder Kompromisse eingehen zu müssen? Kann nicht darüber hinaus ein engmaschiges Netzwerk echter Freunde eine Einsamkeit im Alleinsein überwinden helfen?

Als die Person jedoch auch noch anfängt, Kübel von Selbstmitleid und Bitterkeit über den Jungen auszuschütten, auf alles und alle zu schimpfen, weil sie häufig wie Luft behandelt werde, nicht begrüßt und gegrüßt, nicht erkannt und anerkannt, nicht beachtet und geachtet werde, fühlt sich der Junge genervt und irgendwie provoziert. Und stellt deshalb eine große Frage: „Bist du denn abhängig vom Applaus anderer? Magst du dich selbst nicht? Bist du nicht mehr wert als andere von dir denken?“

Und da geschieht wieder ein kleines Wunder: Die Frau scheint über diese Worte nachzudenken, dass sie wertvoll und liebenswürdig sei – unabhängig von einer Beziehung oder einer unsichtbaren öffentlichen Jury, die den Daumen mal hebt, mal senkt, je nach Zeitgeist und Geschmack.

Und der Engel, der ohne Worte spricht, atmet tief durch, und sieht die Person mit liebenden  Augen an.

Besuch in einer Familie

Dann machen sich beide wieder auf den Weg, der an einem Frauenhaus, einer Obdachlosen-einrichtung sowie einer gemeinnützigen „Tafel“ vorbeiführt. Ihr letzter Besuch führt in das Haus einer Familie, die gerade das Weihnachtsfest begeht. Gleich wird Bescherung sein. Einträchtig und friedlich sitzen  Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder und Eltern um den geschmückten Weihnachtsbaum herum. Zuvor haben sie die Gans gerecht geteilt und zugleich genussvoll und zügig verspeist. Die Mägen sind gut gefüllt. Sie müssen nur noch die allzu vertrauten Weihnachtslieder singen, brummen oder summen.

Endlich werden Geschenke verteilt, natürlich im Schweinsgalopp, um schnell so etwas wie Gewissheit einer persönlichen Wertschätzung zu haben. Manche Geschenke erscheinen wie Tauschobjekte, bei manchen ist noch das Preisschild zu sehen. Fast alle hinterlassen Verpackungsmüll, vor allem jedoch Spuren in den Gesichtern – fröhliche, neidische, besorgt-überhebliche oder scheele Blicke. Dennoch oder gerade deshalb – schließlich gibt es weniger Bussi-Bussi und noch seltener herzliche Umarmungen als im Vergleich zum letzten Jahr (ohne Corona). Dafür aber mehr erzwungene Umarmungen, noch mehr und ganz neu (wegen Corona) Ellenbogen- und Fuß-Kontakte, noch häufiger Winken und Verneigen, vor allem – wie im letzten Jahr – gemischte Blickkontakte. Eine Person erstarrt wie eine Salzsäule, eine andere verlässt das Wohnzimmer wie eine beleidigte Mettwurst, eine lacht mit dem Herzen, eine lächelt bemüht-krampfhaft mit dem Kopf, wieder eine bleibt verkopft und zugeknöpft.

Der Junge, ein kleines Genie mit ehrlicher Haut und ironischem Biss, bleibt sich als aufgeweckter Beobachter selbst treu. Er verspürt das Knistern in der aufgeladenen Atmosphäre mit den unterschiedlichsten Erwartungen, die noch nicht abgekühlten heißen alten Kamellen, die Eifersüchteleien, Minderwertigkeits- und Rachegefühle, Verschwörungsphantasien und bedrohlichen Ängste, zu kurz zu kommen oder etwas zu verpassen, sowie  die schwelenden Konflikte. Ein Funke, ein falsches Wort könnte ausreichen, um mit der Soße der Harmonie Verdrängtes an der zerbrechlichen Oberfläche explodieren zu lassen.

„Und für diese Welt ist der Retter geboren?“ fragt der Junge, der langsam an der frohen Botschaft von Weihnachten zweifelt, den Engel, der sich nicht mehr die Augen reibt. „Genau. Gerade, für solche Menschen ist Gott Mensch geworden“. „Und warum sagst du nichts“? fragt der Junge weiter. „Weil du schon gesprochen hast“, erwidert der Engel. „Und alle Menschen, die es wollen, können auf die Botschaft des göttlichen Friedens und seiner bedingungslosen Liebe hören. Und sich ändern, wieder glücklich und froh werden“.

Da geschieht ein neues Wunder: Der Junge wird wach, reibt sich die Augen und sieht das Leben in einem neuen Licht: „Christ, der Retter ist da!“ Dort, wo laut geschrien, geschwiegen oder weggehört wird. Genau für dieses heillose Leben ist Gott Mensch geworden. Auch dort, wo sichtbare und unsichtbare Engel unterwegs sind, wo dennoch geglaubt, gehofft und geliebt wird. Dort beginnt das Reich Gottes in einem Menschen.

Und manchmal können offene Ohren zugleich die Stimme eines Menschen und die eines Engel hören:

 „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Und manchmal werden Menschen durch ihr Leben zu Boten der froh- und neumachenden Botschaft.

Burkhard Budde

Veröffentlicht auch im Wolfenbütteler Schaufenster am 20.12.2020

Bedingungslose Liebe

Bedingungslose Liebe

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Bedingungslose Liebe

Von Burkhard Budde

Nikolaus begrüßt Erwachsene und Kinder

Besuch vom Nikolaus am Heiligabend

Am Telefon

Das Telefon klingelt. „Ja, bitte?!“ Paul hat sich zuerst über die vielen Anrufe gefreut, aber langsam wird es nervig. Immer wieder gibt es neue Anfragen. Und dann noch zur falschen Zeit, wenn er seine verdiente Ruhe haben will.

„Sind Sie der Mann, der den Nikolaus spielt und in die Häuser kommt?“

„Ja, der bin ich. Aber nur am Nikolaustag!“ antwortet er kurz angebunden. Da hört er ein Schluchzen am anderen Ende der Leitung. „Ist etwas passiert?“ Pauls Stimmung ändert sich. Wenn einer weint, hat er von seiner Mutter gelernt, braucht sein Gegenüber sehr wahrscheinlich Hilfe. Paul fragt deshalb noch einmal, jetzt aber langsamer und mit mehr Gefühl. „Kann ich ihnen irgendwie helfen?“

„Mein Sohn Peter hört nicht auf mich. Er versagt in der Schule. Es gibt ständig Streit zwischen uns.“

„Aber was hat das mit dem Nikolaus zu tun?“

„Können Sie nicht Heiligabend kommen, um ihn ins Gewissen zu reden? Am Nikolaustag, als mein Sohn sich über die wenigen Süßigkeiten von mir beschwerte, ist mir diese Idee gekommen.“

Warum eigentlich nicht, denkt Paul. Jede gute Tat findet ihren Lohn in sich selbst. Auch das hat er schon sehr früh von seiner Mutter gelernt. Und wenn es am Heiligabend  nicht lange dauert, ein kleines Honorar sein Zeitopfer versüßt und man selbst vielleicht noch sein Gaudi hat?!

„Dann geben Sie mir Ihre Adresse. Wenn es Ihnen Recht ist, komme ich Heiligabend um 17 Uhr. So für 20 Minuten.“

„Wunderbar! Danke!“

„Ach, und das Honorar beträgt 20 Euro.“

Die Frau stimmt zu, nennt den Wohnort, der gleich um die Ecke liegt, erzählt noch, dass ihr Mann sie bereits vor Jahren verlassen hat, ihr gemeinsamer Sohn acht Jahre alt ist, sich chaotisch verhält und frech sein könnte. Er müsse mit allem rechnen.

Dem werde ich die Leviten lesen, denkt Paul nach dem Telefongespräch. Wie kann man nur so ungehobelt mit seiner Mutter umgehen und so undankbar sein. Der wird mich kennen lernen.

Vor der Tür

Nach drei Tagen ist Heiligabend. Paul steht wie vereinbart vor der Tür der Frau, die offensichtlich wegen ihres Frechdachses leidet. Mit seinem roten Mantel, seinem weißen Bart und seinem Sack sieht Paul aus wie der Nikolaus, ganz wie gewünscht. Seine Rute hat er nicht vergessen.

Er klingelt. Er klingelt noch einmal. Da öffnet ein kleiner Gernegroß mit großen braunen Augen  neugierig die Tür.

„Was willst du denn hier?“ fragt er überrascht und zugleich selbstbewusst. „Du weißt wohl nicht, dass der Nikolaustag bereits am 6. Dezember war!?“

Paul muss erst einmal schlucken. Aber dann findet er schnell seine Sprache zurück. Er hat schließlich einen Auftrag.

„Moment mal. Bist du nicht der kleine Bub, der seine Mutter ständig ärgert?“

„Da müssen Sie mich verwechseln. Ich bin nicht klein, sondern groß. Gehen Sie zum Nachbarn, da wohnt mein Freund Georg, der soll seine Familie tyrannisieren.“

„Dies ist doch die Hausnummer 10 und du bist der Peter?“

„Richtig. Was willst du denn?“ fragt Peter, macht sich groß und schaut keck und tief in die Augen des Nikolaus.

„Ich will dich und deine Mutter besuchen. Ist deine Mutter nicht zu Hause?“

Peter weicht aus und teilt aus: „Du willst uns doch wohl nicht am Heiligabend besuchen. Heute sind wir immer allein zu Hause. Und wollen nicht gestört werden!“

„Ich hab euch auch etwas mitgebracht“, reagiert der Nikolaus fast verzweifelt.

„Ach so!“ Und Peter scheint etwas netter zu werden. „Was denn?“

„Überraschungen!“

„Stell alles in den Flur. Ich habe keine Zeit, die Bescherung von Mama beginnt gleich.“

„Du bekommst meine Geschenke erst, wenn ich mit dir und deiner Mutter gesprochen habe.“

„Ach?!“

„Und übrigens auch nur dann“, und Paul fängt langsam an zu kochen, „wenn du versprichst, in Zukunft auf deine Mutter zu hören und brav zu sein.“ Und der Nikolaus fuchtelt ein wenig, fast ein wenig bedrohlich, mit seiner Rute.

„Ach?!“

„Und deiner Mutter versprichst, ihr zu helfen und keine Widerworte zu geben!“

„Ach?!“

„Und die Hausaufgaben regelmäßig machst!“

„Ach?!“

„Und regelmäßig zum Kindergottesdienst gehst!“

„Ach?!“

„Und vor dem Schlafen betest.“

„Ach, weißt du Nikolaus. Wenn das so ist, dann verzichte ich lieber auf deine Geschenke.“

Als Peter blitzschnell die Tür vor seiner Nase schließt, hat Paul die Nase voll. Er will sich den Abend nicht weiter verderben lassen und macht sich frustriert auf den Heimweg.

„Frohe Weihnacht?!“ flüstert er noch beleidigt in seinen künstlichen Bart.

Im Flur

Bei Peter kommt die Mutter in den Flur.

„Sag mal Peter, wer hat denn geklingelt. War da jemand?“

„Ja, einer, der nicht wusste, dass man am Geburtstag Jesu Geschenke bringt, ohne nervig zu sein.“

Seine Mutter sagt nichts, erklärt nichts, verlangt nichts. Und sie hat plötzlich Tränen in ihren Augen.

Im Wohnzimmer

Aber Peters Augen strahlen, als seine Mutter mit ihm in das Wohnzimmer mit dem festlich geschmückten Baum geht, unter dem bunt verpackte Pakete liegen. Und wie im letzten Jahr auch eine Krippe mit dem kleinen Jesuskind, das fast so große Augen wie Peter hat. Mutter nimmt Peter in den Arm, der das eigentlich blöd findet. Und sie gibt ihm einen dicken Schmatz. Was Peter peinlich findet, aber heute über sich ergehen lässt.

Gemeinsam blicken ihre Augen „ganz zufällig“ in die Augen des Jesuskindes, die anfangen zu sprechen. Wenn man mit dem Herzen hört, um das Geheimnis der Heiligen Nacht zu entdecken: „Ich hab dich lieb, so wie du bist.“

Und so kann auch Peter leichter erwachsen werden – lieben und vertrauen, verantworten und helfen.

Burkhard Budde

Die Blüte des Kaktus

Die Blüte des Kaktus

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Die Blüte des Kaktus

Von Burkhard Budde

Die Blüte des Kaktus

Ein Kaktus kann auf seine Blüten warten

Ein grüner Kaktus, selbst­bewusst und liebens­würdig, kann auf seine Blüten warten. Er ist kein fana­tischer Fan, aber auch kein über­heb­licher Ver­ächter von Weih­nachten. In der Advents­zeit bereitet er sich auf das Fest der Geburt des gött­lichen Kindes vor.

Plötzlich und uner­wartet erreicht ihn die Nach­richt, dass er sehr krank ist. Gerade noch hat er sich mit viel Liebe zu seinem Beruf engagiert. Und sich auf Weih­nachten gefreut. Jetzt wird er gezwun­gen zu  ent­schleu­nigen, sozu­sagen vom Schick­sal gebremst, ausge­bremst. Seine Nerven liegen blank. Er fühlt sich ver­letzt und unge­recht behandelt. Gut, dass er Stacheln hat, Wider­stands­kräfte und Lebens­mut, um sich nicht selbst zu verlie­ren, ins Leere zu stürzen oder sich belei­digt in einen Schmoll­winkel zurück­zu­ziehen. Aber auch um lernen zu können, mensch­liche Nähe und räum­liche Distanz zu anderen neu auszu­tarieren.

Was erwartet der Kaktus jetzt (noch) – außer eine gute medi­zinische Behand­lung? Wen erwar­tet er (noch) in seiner Advents­zeit – außer gute Ärzte und Pfleger? Und wie erwartet er das Erwar­tete oder die Erwar­teten?

Ist er mit seinen Wechsel­bädern von Hoff­nungen und Ängsten, von Ermuti­gungen und Zweifeln (noch) offen für den unver­schlos­senen advent­lichen Erwartungs­horizont, dass Gott kommt und eingreifen kann – wie auch immer, aber zum Wohl und Heil des Kaktus?

Der Kaktus, weder einfach pessi­mistisch noch opti­mistisch, lässt sein Herz sprechen. Er sehnt sich nach einer un­sicht­baren Hand, die ihn geschaf­fen hat. Er ergreift sie in fester Zuver­sicht, dass sie existiert, auch wenn er zurzeit seine Lage – und diese Hand –  mit dem Kopf nicht so recht begreifen kann.

Der Kaktus, weder einfach panisch noch unver­nünftig, entwickelt Geduld und Gelassen­heit. Er über­lässt dieser offenen Hand sich selbst und seine Zu­kunft, indem er lernt – „Step by Step“ – seine Sorgen, auch seine Wut wegen der Ver­letzungen loszu­lassen, weil er der schöpferischen Hand neue Möglich­keiten zutraut.

Der Kaktus, weder einfach ver­krampft noch ge­lähmt, enga­giert sich beson­nen und zugleich leiden­schaftl­ich. Er verspürt in seinem Herzen die Gewiss­heit, dass die liebende Hand, die er nicht ver­steht, ihn ver­steht, vor allem ihn trägt, ihn – trotz seiner Stacheln – an die Hand nimmt und zum neuen Licht der Er­kennt­nis und Wahr­heit führt.

Der Kaktus vertraut und weiß: Warten lohnt sich. Seine Blüten kommen, auch wenn er sie nicht termi­nieren, lokali­sieren oder für alle anderen standardi­sieren kann. Und warum sollte er auf Gott nicht warten, der schon durch die Geburt seines Sohnes einge­griffen hat?! Und die dunkle Welt durch die Blüte des Glaubens und der Liebe immer noch erhellt und erwärmt?!

Burkhard Budde

Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe am 12.12. 2020

Kerzen erfreuen

Kerzen erfreuen

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Kerzen erfreuen

Von Burkhard Budde

Kerze erfreut

Kerzen erfreuen nicht nur in der Adventszeit

Sie verbreiten Gemütlichkeit und bereiten Freude, rühren zu Tränen, können aber auch Unheil anrichten: Was haben Kerzen nicht alles schon erlebt? Inspirierende Räume, aber auch unheimliche Schmuddelecken. Und viele Grauzonen: Bezauberndes und zugleich Blendendes, Vorbildliches und zugleich Verlogenes. Und Nebelkerzen, die verwirren und ratlos machen können.

Es gibt faszinierende Kerzen, die still vor sich hin leuchten, ihre dunkle und kalte Umgebung erhellen und erwärmen, ihre Mitwelt sicherer machen, indem durch ihr leuchtendes Beispiel dunkle Gestalten abgeschreckt und erloschene Kerzen wieder entzündet werden.

Andere Kerzen flackern bei Windstößen, tanzen dennoch unbeschwert, manchmal auch wild. Und merken nicht, dass sie abbrennen und ihren eigentlichen Sinn verfehlen. Sie verleugnen nicht nur ihren Schatten, sondern können sogar einen Flächenbrand der Zerstörung verursachen.

Der diffusen Finsternis sind besonders „stille“ Lichter ein Dorn im Auge. Sie will selbst Licht sein, wenigstens andere hinters Licht führen, auf jeden Fall das wahre Licht neutralisieren. Dennoch reicht ihre Macht nicht aus, selbst ein kleines Licht in einem großen dunklen Raum zu löschen.

Geht Kerzen ein Licht auf? Erkennen sie, dass in der Finsternis des Neidischen der Beneidete gelähmt, in der Finsternis des Hassenden der Gehasste vernichtet werden soll? Dass der Blender die Finsternis vermehrt? Und in ihrem Leben die Finsternis das letzte Wort behalten will?

Alle können jedoch auch erkennen, dass es einen spirituellen Lichtblick gibt: Dass Gott selbst die ewige Lichtquelle ist, weil in ihm keine Finsternis herrscht. Dass das göttliche Licht durch vergängliche Kerzen in allen Brüchen und Abgründen aufleuchten kann, um im Lichte des Glaubens neues Leben zu entdecken.

Sie brennen von innen, können anders Trost spenden, sich vernünftig und zugleich menschlich verhalten. Und sich wieder (mit) freuen.

Burkhard Budde 

 

Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe am 5.12.2020.

Ein Krug wackelt

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Ein Krug wackelt

Von Burkhard Budde

Ein schöner Krug, der wackelt

Ein schöner Krug wackelt?

Ein Krug wackelt … Er ist von außen schön anzu­sehen, erscheint stabil. Doch in seinem Inneren rumort es gewaltig, mal mehr, mal weniger. Da bewegen sich Ent­täuschungen und Ver­letzungen, die sich ins Glück ein­mischen. Da schmerzt fehlendes Ver­ständ­nis, weil es die Freude an den schönen Seiten des Lebens nimmt. Da über­raschen Zerr­bilder, die von negativen oder positiven Vor­urteilen, von Feind­selig­keiten oder vom Star­kult gezeich­net sind.

Da wirken Ängste, zu kurz zu kommen, aber auch sein Gesicht und vor allem seine Vorteile zu verlieren. Und treiben die Seele in die Enge. Da zehrt und nagt Neid am Selbst­wert­gefühl und nistet sich heim­lich überall und zu jeder Zeit ein. Und lähmt den freien Geist des mensch­lichen Fortschritts. Da tummelt sich das selbst­gerechte Ich, um Vergel­tung zu üben und mit totali­tärem Anspruch in die Offen­sive zu gehen. Und vergiftet sich selbst und das soziale Mit­einander.

Muss ein Krug gemischter Gefühle erst zer­brechen, um zur Besin­nung zu kommen? Eine Person, die zerstört am Boden lag, jetzt aber wieder laufen kann, schildert ihre Erfah­rungen: Gefühle, die unter­drückt oder sofort verur­teilt werden, behalten ihre zerstöre­rische Macht. Gefühle, die gefühlt, wahr- und ange­nommen werden, verlieren ihr destruk­tives Potenzial. Und können dann – zum Beispiel in einem offenen und ehrlichen Gespräch – gemein­sam betrachtet, unter­schieden und bear­beitet werden.

Ein Krug kann vom emotionalen Durch­einander entleert bzw. befreit werden. Wenn er nicht sofort wieder mit „alten Kamellen“ gefüllt wird, der den ganzen Inhalt erneut unge­nieß­bar macht.

Wenn ein Krug dennoch zerbricht, muss ein Mensch, der von Gott als sein Eben­bild mit einer unver­lier­baren und unan­tast­baren Würde ausge­stattet ist, nicht am Boden liegen bleiben: Er kann mit Hilfe seines Schöpfers den destruk­tiven Kräften gelassen wider­stehen und mutig wieder aufstehen. Weil er Gott vertraut, der selbst aus einer Scherbe etwas ganz Neues und Altes heil machen kann.

Burkhard Budde

Veröffentlicht im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe am 28.11.2020