Fußball – eine Ersatzreligion?
Auf ein Wort
Fußball- eine Ersatzreligion ?
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Fußball – eine Ersatzreligion?
Fußball ist mehr als eine spannende Unterhaltung oder inszenierte Show. Mehr als ein kooperativer Mannschaftssport, ein großes Geschäft, ein Image- und Werbeträger einer Stadt oder eines Landes. Auch mehr als eine Bühne der großen und kleinen (Schein-)Mächtigen, die die Ideale des Sports wie Völkerverständigung und Chancengleichheit mit ihren Eigeninteressen in den Staub treten. Aber kann Fußball auch eine Ersatzreligion sein oder zu einer Religion werden?
Dass Religion und Frömmigkeit überhaupt eine persönliche und soziale Bedeutung haben können, zeigte das öffentliche Verhalten des Nationalspielers Felix Nmecha nach dem ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft. Er sprach von „Christen und Brüdern“. Und betete.
Auch die religiöse Sprache und das Verhalten mancher treuer Fans erinnert an Religion: Manche pilgern zu ihrem Tempel, wenn sie ein Stadion besuchen. Manche verehren ihre Helden wie Heilige, wenn sie mit leuchtenden Augen von ihren Fußballlegenden erzählen. Manche glauben fest und zuversichtlich an ihren Verein und ihre Mannschaft, wenn sie ihre Fangesänge lautstark und gemeinsam singen und skandieren, um die Stimmung anzuheizen.
Wer das nationale Deutsche Fußballmuseum in Dortmund besucht, kann sehr schnell in der „Hall of Fame“, der Ruhmeshalle, verzaubert werden: Spieler und Trainer, die ihre aktive Karriere mindestens fünf Jahre beendet haben, tauchen in eine Licht- und Medieninstallation ein. Ob sie mehr als Idole, Vorbilder, Identifikationsfiguren oder als Ersatzgötter gedeutet und erlebt werden, hängt vom Auge des Betrachters ab. Aber die Grenze zur Heldenverehrung, zur Vernebelung der Sinne, zum Wunschdenken, zum blinden Vertrauen, zum Glauben an Fußballgötter kann schnell überschritten werden, wenn der kritische Geist an der Garderobe abgegeben worden ist. Übrigens findet man im Museum auch Spuren des Lehrers und Fußballpioniers Konrad Kochs aus Braunschweig, der 1874 Fußball als Schulsport einführte und ein Regelheft mit „Abseits“ und „Tor“ einführte, das landesweit verbreitet wurde – ohne religiöse Bezüge, obwohl er Theologiestudent gewesen ist, aber mit pädagogischen, moralischen und erzieherischen Zielen. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass der gebürtige Braunschweiger und Spirituosenhersteller Günter Mast („Jägermeister“ Wolfenbüttel) untrennbar mit den Anfängen der Fußballgeschichte wegen der Trikotwerbung verbunden ist. Als erster Bundesligist war Eintracht Braunschweig am 24. März 1973 mit dem Jägermeister- Hirschen auf der Brust aufgelaufen. Da Trikotwerbung zunächst verboten war, ersetzte der Verein sein Vereinsabzeichen mit dem Firmenlogo, um eine neue Einnahmequelle zu erschließen. Nichtsdestotrotz hat das Jägermeister-Logo, das einen Hirschen mit einem leuchtenden Kreuz zwischen dem Geweih zeigt, eine religiöse Symbolik, indem es an die Legende des Hubertus von Lüttich erinnert, der bei einer Jagd einem Hirschen mit einem strahlenden Kreuz zwischen dessen Geweih begegnete – Grund für Hubertus, sich zu bekehren. Der Bischof aus dem 7. bzw. 8 Jahrhundert ging als Heiliger Hubertus, als Schutzpatron der Jäger, Förster, Waldarbeiter und wohl auch der Schützen in die Geschichte ein.
Wenn es auch historische und aktuelle Schnittstellen zwischen Fußball und Religion gibt, so findet der aufgeklärte Bürger Unterschiede. Der eine Gott der monotheistischen Religionen duldet keine Neben- und Ersatzgötter, keine Mächte, die einen Menschen total vereinnahmen und vernebeln, instrumentalisieren und versklaven wollen – sei es Geld oder Macht, Ruhm oder eben auch der Fußball. Der freie Schöpfer will freie Geschöpfe. Der Mensch hat die Freiheit, selbst zu bestimmen: Soll mein alleiniger und absoluter Lebensmittelpunkt der Fußball sein oder soll ich als Fan und Mensch mein Leben vor den souverän handelnden Gott bringen – vor oder nach den Spielen im Gebet, im Dank und in der Bitte. Gott ist zwar kein Schiedsrichter mit moralisierendem Zeigefinger, wohl aber eine Sinn- und Kraftquelle allen Lebens, aus der jeder Mensch neuen Halt und Trost, neues Vertrauen und Mut zur Verantwortung sowie letzte Geborgenheit und Zuversicht schöpfen kann. Und diese unsichtbare Quelle kennen nicht nur, aber auch Fans und Spieler.
Burkhard Budde




