Kritikfähigkeit
Auf ein Wort
Tanzt- vor allem aus der Reihe?!
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Tanzt – vor allem aus der Reihe?!
Wer soll aus der Reihe tanzen?
Der brave Bürger, der sich von der Obrigkeit alles gefallen lässt? Von dem Autokraten, Diktatoren und Populisten bedingungslosen Gehorsam erwarten? Der den Mächtigen, die keine anderen Mächtigen oder widersprechenden Personen neben sich dulden, huldigt, indem er nach ihrer Pfeife tanzt?
Oder der naive Traumtänzer, der dem Rattenfänger des Zeitgeistes auf den Leim geht? Der nach der Melodie von Minderheiten tanzt, die Vielfalt propagieren, aber Einfalt, vor allem ihr eigenes Süppchen meinen? Indem sie nur ihre Meinung auf der öffentlichen Tanzfläche dulden und Vortänzer für alle sein wollen?
Oder der nette Mitbürger, der bei komplizierten und komplexen Fragen kalte Füße bekommt, lieber den Kopf in den Sand steckt oder sich vom Acker – vom Parkett des öffentlichen Lebens – macht? Lieber seine Ruhe haben als sich mit neuen Melodien, Tänzen oder Tanzsälen auseinanderzusetzen?!
Ob die Lebensweisheit – „Tanzt – ich sage euch tanzt – vor allem aber aus der Reihe!“ tatsächlich von Kurt Tucholsky (1890 bis 1935) stammt, ist ungewiss. Doch sicher ist, dass der Satiriker angesichts des damaligen militaristischen Nationalismus, der dumpfen Obrigkeitshörigkeit sowie der bürgerlichen Doppelmoral provozierte und zum selbstständigen Denken aufforderte.
Im Blick auf die heutige Zeit bleibt die Daueraufgabe, sich kritisch, d. h. aufgeklärt und differenziert eine eigene Meinung zu bilden. Und aus der Reihe zu tanzen, wenn das Fundament des demokratischen Hauses mit seiner unabhängigen Justiz, seinen freien Medien, den gewählten Parlamenten, den Regierungen auf Zeit, und den demokratisch verfassten Parteien Risse bekommt. Besonders wenn die Demokratie vom autoritären, totalitären und populistischen Geist bedroht und nicht mehr nach gemeinsam verabredeten Regeln „getanzt“ wird, um nachhaltige Kompromisse und tragfähige Lösungen für alle zu finden. Die ganze Statik des freiheitlichen Hauses steht und fällt mit dem geistigen Fundament des Grundgesetzes, insbesondere mit den Freiheits- und Menschenrechten, mit der Gewaltenteilung und dem Gewaltmonopol, der Gleichberechtigung und dem Föderalismus.
Jeder Bürger sollte sich gut überlegen, ob er einen geblendeten und wirklichkeitsfernen Fanatiker wählen sollte, der vielleicht auf der Tanzfläche ein demokratisches Gewand trägt, aber mit gespaltener Zunge spricht, in dem er Feindbilder für beliebige Zwecke einsetzt und die wirklichen Feinde als nette Tanzspartner anpreist.
Freiheitliche Demokratien brauchen glaubwürdige Demokraten, die nicht am festlich gedeckten Tisch sitzen bleiben, leckere Speisen genießen, aber gleichzeitig die Köche, die mit ihren Mitteln das Beste geben, pauschal beschimpfen. Sondern sich auf die demokratische Tanzfläche begeben, sich zur Wahl stellen, die sich vor allem um die Sorgen und Nöte ihrer Mitbürger kümmern, um das Wohl aller und um das Gemeinwesen. Die den ehrlichen Austausch mit ihren Mitbürgern suchen, um mit neuer Energie und neuem Schwung, neuen Ideen und neuem Mut und – wenn es sein muss – aus der Reihe zu tanzen.
Und dabei heiter bleiben (nimmt dich als Tänzer selbst nicht so wichtig); gelassen bleiben (kein inszenierter Tanz ist perfekt); besonnen bleiben (es gibt immer wieder neue Musikstücke und das Leben selbst gibt den Takt, Rhythmus und das Tempo vor. Darum lerne, Wichtiges vom Unwichtigen zu unterscheiden, sowie die Spannung zwischen Carpe diem (Genieße den Tag) und Memento mori (Bedenke, dass du sterben musst) auszuhalten und zu gestalten.
Burkhard Budde




