Barmherzigkeit
Auf ein Wort
Barmherzigkeit mit Herz und Kopf
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Freiheit zur Barmherzigkeit
Manche alten Wunden, die noch nicht geheilt sind, eitern unter der Oberfläche weiter. Wenn Konflikte nicht nachhaltig gelöst werden, können sie zwar äußerlich geklärt erscheinen, aber innerlich weiterwirken. „Ich kann einfach nicht vergessen, geschweige denn vergeben“, offenbart ein Mann. Zu sehr sei er getäuscht und enttäuscht, gekränkt und verletzt worden.“ Man habe ihn wie Luft behandelt. Und über den Tisch gezogen. Das gemeinsame Tischtuch sei endgültig zerschnitten. Alles Mist! Oder?!
Der Gekränkte verspürt zwar, dass er sich selbst belastet, wenn er Hass mit Hass beantwortet. Und er ahnt, dass das Wasser, das er mit „Heimzahlungen“ vergiftet, eines Tages selbst trinken muss – wenn er ständig alte Kamellen aufs Butterbrot schmiert, nicht zwischen Tat und Täter unterscheidet, sondern den Täter dämonisiert und sich selbst als Opfer darstellt.
Aber soll ein „Täter“ wirklich Macht über sein Seelenleben behalten – bis zu seinem Lebensende?!
Eine alte Geschichte verdeutlicht, wie wichtig eine (neue) Grundhaltung sein kann:
Der Statthalter – in der Erzählung ein „Knecht“ – eines Königs schuldet seinem „Chef“ eine astronomische Summe Geld. Da der Schuldner die große Schuld nicht begleichen kann, soll er alles zu Geld machen – damals bedeutete das auch sich selbst, seine Frau und Kinder in die Sklaverei zu verkaufen. Da bittet der Statthalter den König innig, Geduld zu haben, „bis er alles bezahlen kann.“ Der König als Gläubiger zeigt nicht nur Mitgefühl und Großzügigkeit, sondern auch eine besondere Menschlichkeit, Gnade vor Recht, schenkt ihm seine Freiheit und erlässt ihm seine ganze Schuld.
Die Mitknechte staunen jedoch nicht schlecht, als derselbe Knecht einen anderen Knecht, der ihm einen geringfügigen Geldbetrag schuldig ist, angreift, würgt und auffordert, seine Schuld zu begleichen. Auch der bittet ihn innig um Geduld und Aufschub – vergeblich und landet im Gefängnis.
Als die Mitknechte den König über den Vorgang informieren, stellt dieser den Statthalter zur Rede. Der „Schalksknecht“, der selbst Barmherzigkeit empfangen hat, aber sich unbarmherzig verhält und wohl keine echte Reue zeigt, landet nun selbst im Gefängnis.
Bevor Jesus diese Geschichte mit einem fehlenden Happy End seinem Freund Petrus erzählt,
hat dieser Jesus nach der Häufigkeit der Vergebung gefragt („siebenmal“´?). Und Jesus ihm die Grundhaltung der grenzenlosen Vergebungsbereitschaft („siebenundsiebzig mal sieben mal“) vor Augen geführt, die Freiheit zur Liebe verspricht, ohne am Ende der Dumme zu sein.
Ich verstehe Jesus nicht so, dass er seinen Freund auffordert, naiv zu werden und Unrecht nicht mehr als Unrecht zu benennen, auch nicht ein kritikloses „Schwamm drüber“ meint. Aber vielleicht will er, dass jedem Mensch bewusst wird, dass jedes Geschöpf von dem Geschenk der Barmherzigkeit des Schöpfers lebt, um barmherzig – mit Herz und Kopf – gegenüber seinem Nächsten sein zu können. Denn die Grundlage eines gelingenden und vor allem glücklichen Lebens ist nicht Berechnung, Heuchelei, Taktik, auch nicht Selbstgerechtigkeit, Bevormundung oder Perfektion, wohl aber Barmherzigkeit in Freiheit und Würde, die das gemeinsame Suchen nach humanen und rationalen Lösungen, nach Kompromissen sowie Neuanfängen und neuen Beziehungsprozessen ermöglicht. Und manchmal ist es wohl auch besser, alte Wunden auf sich beruhen zu lassen, damit sie keine weiteren Schäden anrichten. Und um neues Vertrauen in gemeinsamer Verantwortung zu gewinnen, um aus Mist „Dünger“ zu machen.
Burkhard Budde




