Martinstag
Auf ein Wort
Sehnsucht nach einem Ritterschlag
Von Burkhard Budde
Gelebte Botschaft
Gelebte Nächstenliebe
Gelebte Frömmigkeit
Ausschnitt aus dem Spenger Martinsaltar
Das Foto zeigt die Szene der Mantelteilung.
Der Martinsaltar aus dem 15. Jahrhundert befindet sich in der Martinskirche in Spenge (Kreis Herford).
Das Besondere der Darstellung: Zwei Ritter – einer, der den Mantel teilt und einer, der versteckt im Hintergrund betet –
sowie mehrere Notleidende sind zu sehen.
Auf ein Wort
Sehnsucht nach einem Ritterschlag
Sehnt sich nicht jeder Mensch nach Menschlichkeit und Zuwendung, Wertschätzung und Anerkennung, Liebe und Geborgenheit, Freiheit und Sicherheit?
Wohl kaum ein Mensch wünscht sich eine Begegnung mit einem Raubritter, der nur an den eigenen Vorteil und an die Vermehrung seiner Macht denkt. Oder eine Begegnung mit einem Scheinritter, der mit einem Heilgenschein hoch zu Ross daherkommt und andere auffordert, Gefühle zu zeigen, selbst aber vom Leid anderer unberührt bleibt. Oder mit einem Sozialritter, der fremde Mittel verteilt und sich feiern lässt, selbst aber fest im Sattel seiner Besitzstände sitzen bleibt.
Ein halbnackter Bettler aus dem 4. Jahrhundert, der in eisiger Kälte vor den Toren der französischen Stadt Amiens saß, hatte wohl Glück. Ihm begegnete ein auf einem Pferd sitzender Soldat, der spontan sein Schwert nahm und seinen Mantel teilte und ihm die Hälfte gab, damit er nicht erfror.
An diesen Mann, der 372 zum Bischof gewählt worden und 397 gestorben ist, erinnert der Martinstag, der 11. November – an dem gerne ein Gänsebraten verspeist wird, da nach einer Legende Gänse das Versteck Martins verrieten, nachdem er zum Bischof berufen war und sich in einer Gänseschar versteckt hatte. Weshalb auch der Reformator Luther den Vornamen Martin erhielt, da er am 10. 11. das Licht der Welt erblickte und er nach damaliger Tradition am darauffolgenden Tag, der gleichzeitig der Gedenktag des heiligen Martin war, getauft wurde und deshalb den Namen Martin erhielt.
Warum ist dieser Martin von Tours (Name der französischen Stadt, in der Martin Bischof war) bis heute noch ein Vorbild und Leitbild umfassender Liebe? Als Soldat hatte er dem Bettler, der offensichtlich seine Not nicht vortäuschte, nicht den ganzen Mantel abgegeben, um selbst nicht zu erfrieren, auch nicht sein Pferd oder sein Schwert, um selbst nicht wehrlos zu werden. Er hielt auch keine lange Rede, um den Bettler aufzuklären, klopfte keine religiösen Sprüche, um seine Tat zu verklären, hob nicht den mahnenden Zeigefinger, um ihm ein schlechtes Gewissen zu machen, stellte keine Bedingungen an seine Hilfe, um eine Gegenleistung zu erhalten, fing keine Diskussion mit dem Bettler an. Wohl aber tat er im Rahmen seiner Möglichkeiten freiwillig das spontan Nötige, das Vernünftige und Notwendige, das die konkrete Not – das Leiden an der bitteren Kälte – wendete.
Diese menschliche Grundhaltung, die in der konkreten Tat zum Ausdruck kommt, war, ist und bleibt vorbildlich. Noch heute gibt es mutige Ritter der Nächstenliebe, die allerdings häufig zu Fuß und auf leisen Sohlen unterwegs sind: Mütter und Väter beispielsweise, die ihre Lebenszeit mit ihren Kindern teilen und sie fördern statt sie ständig zu gängeln; Freunde, die offene Ohren für die Anliegen und Herausforderungen ihrer Freunde haben; Menschen, die hilfsbereit und gastfreundlich sind oder geben und vergeben können, damit Neuanfänge möglich werden; Bürger, die sich für einen wehrhaften und gerechten Frieden in Freiheit und Sicherheit einsetzen.
In der Nacht nach der Mantelteilung soll Martin im Traum Jesus begegnet sein, der mit der Mantelhälfte des Bettlers bekleidet war. Sollte in der Nächstenliebe Gottesliebe aufleuchten können?
Auf jeden Fall wird in der Nächstenliebe die heimliche Sehnsucht nach Würde geweckt – nach dem unverlierbaren und unverdienbaren Ritterschlag Gottes, den jeder Mensch geschenkt bekommt, damit er Mensch bleibt, indem er auch die Würde anderer achtet, verteidigt und ermöglicht.
Burkhard Budde




