Fußball – schönste Nebensache
Auf ein Wort
Fußball – schönste Nebensache
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Fußball – schönste Nebensache
Warum lieben Fans die schönste Nebensache der Welt? „Im Fußballstadion erlebe ich spannende Unterhaltung und ein prickelndes Freizeitvergnügen.“, antwortet ein begeisterter Zuschauer, der fast jedes Spiel seines Vereins verfolgt. Das Spannendste bei vielen Spielen sei die Unvorhersehbarkeit seines Ausgangs. Aber auch das Gemeinschaftserlebnis auf Zeit mit unterschiedlichen Menschen jenseits aller sozialen und kulturellen Schranken fasziniere ihn: Wenn er sich im Hexenkessel der Gefühle gemeinsam mit anderen aufregt und wieder abregt, wenn sich fremde Menschen spontan umarmen und feiern, aber auch gemeinsam zittern, fiebern und Tränen vergießen – dann fühle er sich wie ein Kind, angenommen und aufgenommen, sowie unsichtbar getragen und ertragen.
Erwachsen gewordene Fußballfans können sogar „ausflippen“: Zuschauer, die in ihrem Beruf diszipliniert arbeiten, werden von Jubelstürmen und vom Applaus, aber auch von Buhrufen und Pfiffen mitgerissen. Die meisten Zuschauer, die in einer spezialisierten und arbeitsteiligen Welt leben, in der nur ein Fachmann Ahnung zu haben scheint, sind beim Fußballspiel plötzlich selbsternannte Schiedsrichter, die andere Meinungen und Deutungen ungern zulassen.
Oder Zuschauer, die im „wahren“ Leben durch einen anhaltenden und schnellen Wandel herausgefordert sind, sehnen sich nach einem Erlebnis wie dem Fußballspiel, das Leichtigkeit und Schweres, Kopfbälle und Bodenkämpfe miteinander verbindet. Und die eigenen überschäumenden Gefühle unkontrolliert – allerdings ohne Gewalt – erlaubt und „rauslässt“.
Die schönste Illusion auf Zeit, auf einer Welle zu schwimmen, Teil eines Vereins, einer Stadt oder einer Nation zu sein, hat auch Schattenseiten, die von Fußballmuffel betont werden: „Der Profifußball hat schon lange seine Unschuld verloren,“ erklärt einer von ihnen und weist auf Kommerzialisierung und Geschäftemacherei, Korruptionsaffären und Machtstrukturen scheinheiliger sowie dreister Funktionäre hin. Vor einem Spiel werde der Geist der Fairness und des Teamgeistes beschworen. Im Spiel selbst komme es jedoch darauf an, bei Fouls nicht erwischt zu werden. Nach dem Spiel würden sich Fans die Köpfe heißreden oder Rowdys die Köpfe einschlagen, indem begeisterte Fankultur in aggressive Unkultur oder sogar in Gewaltorgien umschlägt. Lichtgestalten, wenn sie auf Dauer erfolglos seien, würden wie heiße Kartoffeln fallen gelassen. Der Sozialneid angesichts der wahnwitzigen Geldsummen beim Einkauf oder Verkauf von Spielern sitze locker und könne beim Verdacht von Geldgier und mangelnder Transparenz bei Unregelmäßigkeiten schnell geweckt werden. Und einen Helden schnell vom Sockel holen, um ihn und seine ganze Lebensleistung in den Staub zu treten.
Allerdings gibt es neben Fußballfans, Fußballmuffel und Fußballrowdys auch an Fußball Interessierte, besonders anlässlich einer Fußballweltmeisterschaft. Aus höflichem Desinteresse kann neugieriges Interesse werden, wenn Bürger sich mit ihrer Nationalmannschaft verbunden fühlen. Und der Funke der Begeisterung für den Fußball kann bei ihnen überspringen, wenn am letzten großen Lagerfeuer unserer auseinanderdriftenden Gesellschaft ein friedlicher Wettkampf nach Regeln stattfindet, um den Besten zu küren. Und alle Fair Player können mit Anstand, Würde und gegenseitigem Respekt gewinnen oder verlieren, ohne hochmütig zu werden oder den Beleidigten zu spielen. Im Sieg, vor allem aber in einer Niederlage zeigt sich die wahre Größe eines Meisters. Und eine Nebensache wird dann nicht zur tragischen Hauptsache, sondern bleibt schönste und frohmachende Nebensache.
Burkhard Budde




