Fortschritt

Fortschritt

Auf ein Wort

Gesichter des Fortschritts

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Gesichter des Fortschritts

Der Fortschritt hat stets mehrere Gesichter. Und die wandeln sich ständig. Alte Zöpfe von heute, die abgeschnitten werden, können morgen in einem anderen Zusammenhang und mit neuen Augen wieder „hot“ oder „cool“ sein und als „Retro-Trend“ (als „zurückblickende Mode“) wiederkehren.

Aber wohl kaum einer käme auf die Idee, das Telefon – das Handy als mobiles Telefon oder das Smartphone insbesondere mit seinem Zugang zum Internet – abzuschaffen und durch Boten, Brieftauben, Trommeln, Rauch-, Licht-, Fahnen- und Winksignale oder auch durch den Telegraphen aus dem 19 Jahrhundert mit seinen elektrischen Signalen zu ersetzen.

Wobei die alte Briefkultur auch in der heutige Zeit der E-Mails, Messenger und Sprachnachrichten nicht unterschätzt werden sollte. Denn wer einen Brief schreibt, braucht zum Beispiel mehr Zeit und entschleunigt, formuliert überlegter und individueller, differenzierter und zusammenhängender. Und kann angesichts digitaler Überflutung im Meer der Schnelligkeit, Schnelllebigkeit und Gleichzeitigkeit einladen, eine stabile Abenteuerinsel mit besonderem persönlichem Wert und geschichtlicher Qualität zu entdecken.

Nichtsdestotrotz ist das Telefon zu einem Symbol moderner Kommunikation geworden. Es ermöglicht nicht nur Infos über eine große räumliche Distanz schnell und direkt weiterzugeben, sondern auch ein offenes und vertrauenswürdiges Ohr zu finden, das zuhört, zu verstehen versucht und Verständnis zeigt sowie Rat, Trost und Ermutigung schenken kann. Auch können Probleme oder verschiedene Sichtweisen benannt und besprochen oder Termine für Begegnungen bzw. für eine direkte Kommunikation verabredet werden. Eine junge Frau, die beruflich häufig im Ausland unterwegs ist, nutzt das Telefon, um sich regelmäßig mit ihrem Freund auszutauschen und das Vertrauensverhältnis zu pflegen. Und einem Witwer aus dem Altersheim ist es wichtig, mit Hilfe des Telefons im Kontakt zu seinen weit entfernt lebenden Kindern zu bleiben, weil er weiß, mit wem Freuden und Ängste ohne Vorurteile geteilt werden können.

Natürlich ersetzt das Telefonieren nicht eine lebendige Begegnung mit nonverbaler Kommunikation – mit sprechender Mimik und Gestik, Körperhaltung und Blickkontakt, vor allem mit zärtlicher Berührung, Nähe und Geruch. Aber Telefonieren, das einen Vor-Ort-Kontakt vorbereiten kann, ist immer noch besser als absolute Funkstille.

Natürlich kann auch das Telefonieren als Telefonterror oder Kontrollsucht sowie als Instrument zum Verbreiten von Gehässigkeiten und Schlechtmacherei, von Halbwahrheiten, Zurechtweisungen und Intrigen missbraucht werden. Aber dann gilt der alte Satz der Theologen, Philosophen und Juristen „Abusus non tollit usum“ („Ein Missbrauch darf nicht den rechten Gebrauch verhindern“.). Keiner will die Technik abschaffen – auch nicht die Freiheit zur Liebe, zur Herzensbildung, zur aufgeklärten Vernunft oder zur persönlichen Verantwortung -, weil die Technik bzw. die Werte missbraucht werden können.

Vielmehr kann es nicht schaden, das Telefon zeitweise stumm zu schalten, über Prioritäten im eigenen Leben und dem zugehörigen Werte-Kompass nachzudenken, sich zu konzentrieren, neue Energie zu tanken, zu staunen und zweckfrei zu feiern. Oder zum Hörer zu greifen, wenn ein Mensch einsam ist oder ihm offensichtlich Ungerechtigkeit widerfährt, und auch „die andere Seite“ gehört werden sollte.

Damit der Fortschritt nicht sein menschliches Gesicht verliert. 

Burkhard Budde

Kritikfähigkeit

Kritikfähigkeit

Auf ein Wort

Tanzt- vor allem aus der Reihe?!

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Tanzt – vor allem aus der Reihe?!

Wer soll aus der Reihe tanzen?

Der brave Bürger, der sich von der Obrigkeit alles gefallen lässt? Von dem Autokraten, Diktatoren und Populisten bedingungslosen Gehorsam erwarten? Der den Mächtigen, die keine anderen Mächtigen oder widersprechenden Personen neben sich dulden, huldigt, indem er nach ihrer Pfeife tanzt?

Oder der naive Traumtänzer, der dem Rattenfänger des Zeitgeistes auf den Leim geht? Der nach der Melodie von Minderheiten tanzt, die Vielfalt propagieren, aber Einfalt, vor allem ihr eigenes Süppchen meinen? Indem sie nur ihre Meinung auf der öffentlichen Tanzfläche dulden und Vortänzer für alle sein wollen?

Oder der nette Mitbürger, der bei komplizierten und komplexen Fragen kalte Füße bekommt, lieber den Kopf in den Sand steckt oder sich vom Acker – vom Parkett des öffentlichen Lebens – macht? Lieber seine Ruhe haben wollwn als sich mit neuen Melodien, Tänzen oder Tanzsälen auseinanderzusetzen?!

Ob die Lebensweisheit – „Tanzt – ich sage euch tanzt – vor allem aber aus der Reihe!“ tatsächlich von Kurt Tucholsky (1890 bis 1935) stammt, ist ungewiss. Doch sicher ist, dass der Satiriker angesichts des damaligen militaristischen Nationalismus, der dumpfen Obrigkeitshörigkeit sowie der bürgerlichen Doppelmoral provozierte und zum selbstständigen Denken aufforderte.

Im Blick auf die heutige Zeit bleibt die Daueraufgabe, sich kritisch, d. h. aufgeklärt und differenziert eine eigene Meinung zu bilden. Und aus der Reihe zu tanzen, wenn das Fundament des demokratischen Hauses mit seiner unabhängigen Justiz, seinen freien Medien, den gewählten Parlamenten, den Regierungen auf Zeit, und den demokratisch verfassten Parteien Risse bekommt. Besonders wenn die Demokratie vom autoritären, totalitären und populistischen Geist bedroht und nicht mehr nach gemeinsam verabredeten Regeln „getanzt“ wird, um nachhaltige Kompromisse und tragfähige Lösungen für alle zu finden. Die ganze Statik des freiheitlichen Hauses steht und fällt mit dem geistigen Fundament des Grundgesetzes, insbesondere mit den Freiheits- und Menschenrechten, mit der Gewaltenteilung und dem Gewaltmonopol, der Gleichberechtigung und dem Föderalismus.

Jeder aufgeklärte Bürger sollte sich gut überlegen, ob er einen geblendeten und wirklichkeitsfernen Fanatiker wählen oder unterstützen sollte, der vielleicht auf der Tanzfläche ein demokratisches Gewand trägt, aber mit gespaltener Zunge spricht, in dem er Feindbilder für beliebige Zwecke einsetzt und die wirklichen Feinde als nette Tanzspartner anpreist.

Freiheitliche Demokratien brauchen glaubwürdige Demokraten, die nicht am festlich gedeckten Tisch sitzen bleiben, leckere Speisen genießen, aber gleichzeitig die Köche, die mit ihren Mitteln das Beste geben, pauschal beschimpfen. Sondern sich auf die demokratische Tanzfläche begeben, sich zur Wahl stellen, die sich vor allem um die Sorgen und Nöte ihrer Mitbürger kümmern, um das Wohl aller und um das Gemeinwesen. Die den ehrlichen Austausch mit ihren Mitbürgern suchen, um mit neuer Energie und neuem Schwung, neuen Ideen und neuem Mut und – wenn es sein muss – aus der Reihe zu tanzen.

Und dabei heiter bleiben (nimmt dich als Tänzer selbst nicht so wichtig); gelassen bleiben (kein inszenierter Tanz ist perfekt); besonnen bleiben (es gibt immer wieder neue Musikstücke), weil das Leben selbst den Takt, Rhythmus und das Tempo vorgibt. Darum lerne, Wichtiges vom Unwichtigen zu unterscheiden, sowie die Spannung zwischen Carpe diem (Genieße den Tag) und Memento mori (Bedenke, dass du sterben musst) auszuhalten und im Geist der Herzensbildung und der kritischen Vernunft zu gestalten.

Burkhard Budde

Roboter

Roboter

Auf ein Wort

„Suche einen Menschen…

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

„Suche einen Menschen… 

und keinen Pflegeroboter“, sagt ein alter Mann zu seinem Arzt. Ein Roboter sei zwar zuverlässig und stehe überall und zu jeder Zeit zur Verfügung. Die Maschine sei außerdem

relativ kostengünstig und könne bestimmte Standard- und Serviceleistungen erbringen. Aber sie könne keine kompetente und empathische Pflegekraft ersetzen, keinen engagierten und vertrauenswürdigen Menschen, der auf Augenhöhe und im gegenseitigen Respekt eine Vertrauensbeziehung anstrebe und individuelle Pflegeleistungen erbringe.

Ein gut programmierter Roboter wirkt vielleicht wie ein Mensch, bereichert das Leben eines Menschen, lächelt und spricht wie ein Mensch, signalisiert Verständnis wie ein Mensch, hält die Hand eines Menschen. Aber er erreicht trotz schönster Maske nicht die verborgenen Tiefen der Seele eines Menschen, seine geheimen Träume und Sehnsüchte, sein innerstes Leiden an fehlender Anerkennung und Wertschätzung, seine Irrtümer und Wirrungen, seine quälenden Gedanken von Schuld und Ohnmacht.

Die auf „Humanität“ getrimmte Maschine kann ein lustiger Freizeitgestalter zum „Schmunzeln“ oder gar zum „Verlieben“ sein. Aber erlebt ein Roboter selbst Reue, Selbstkritik, Selbstkorrektur, Vergebung, Versöhnung? Spricht er mit dem Herzen, wenn er seine Liebe beteuert? Hat er ein schlagendes Herz, das bedingungslos liebt, indem es Gnade vor Recht möglich macht, wenn ein realer Mensch seinen letzten Weg geht? Ein Roboter mag stark in der Analyse sein, Auskunft und Erklärungen geben können, aber Reflexion über das eigene Verhalten sowie selbstständige Herzensbildung sucht man vergebens. Und menschliche Entscheidungen wird ein Roboter dem Menschen nicht abnehmen können. Er kann bei der Suche nach Lösungen helfen, sie aber nicht treffen.

Wenn ein Roboter kein Mensch ist, dann sollte auch ein Mensch nicht versuchen, zu einer seelenlosen Maschine zu werden – nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ und gleichgültig seinen Kopf in den Sand stecken. Oder sich mit vollmundigen Ausreden hinter seinen Genen verstecken, seiner Erziehung oder Geschichte, seiner Umwelt, bestimmten Institutionen oder Personen. Um nur nicht selbst Denken, nicht seine persönliche Verantwortung wahrnehmen zu müssen.

Auch einem Menschen, der einen eiskalten Roboter mit menschlichem Gesicht spielt und über Leichen geht, weil er nur sich selbst liebt, muss mit aller aufgeklärten Vernunft der Spiegel der Verantwortung vorgehalten werden und mit allen rechtsstaatlichen und wirksamen Mitteln das Handwerk gelegt werden.

Kein Mensch muss zu einem Roboter werden und die Suche nach einem Mitmenschen aufgeben, weil alles Irdische mit dem unverfügbaren und freien Ganzen auf geheimnisvolle Weise verbunden bleibt. Und der Glaube an den lebendigen und souveränen Gott, der selbst Mensch und nicht Roboter geworden ist, muss nicht verloren gehen. Jeder Mensch kann sich zu einer unterscheidungs- und urteilsfähigen Person entwickeln, die frei ist, die Hilfe einer Maschine, die ihm dient, in Anspruch zu nehmen. Und sich als mündige Person nicht von einem wie auch immer programmierten und wirkenden Roboter oder einem Macht- und Maskenmenschen, der wie ein Roboter ohne Herz handelt, bevormunden lässt.

Burkhard Budde

Wahlen

Wahlen

Auf ein Wort

Wahlen sind unverzichtbar

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Wahlen sind unverzichtbar 

Wegschauen und wegbleiben? Nur Schimpfen und verurteilen? Weil das Misstrauen und die Entfremdung zur Politik und zu Politikern zu groß geworden ist? Weil Kommunalpolitiker ohnehin nur wenig bewirken können und Kommunalpolitik nur ein Zerrspiegel der Landes- und Bundespolitik ist?

Dennoch lebt die freiheitliche Demokratie von einer unmittelbar spürbaren Vor-Ort-Politik sowie von freien und fairen Wahlen, die unverzichtbar wie die Luft zum Atmen sind. Ein Wechsel in der politischen Führung muss möglich sein, wenn man nicht in einem autoritären Staat leben will, der nur Scheinwahlen kennt. Der Bürger muss das letzte Wort behalten, wer politische Verantwortung (weiterhin) wahrnehmen soll. Nur in Parlamenten mit legitimierten Politikern und institutionalisierten Verfahrensregeln kann es bei der Suche nach dem Gemeinwohl zu einem gerechten Ausgleich von Einzel- und Parteiinteressen sowie zum Abwägen von Freiheit und Gerechtigkeit kommen.

Und Kommunalpolitik sollte nicht unterschätzt werden. Die kommunale Selbstverwaltung als Ausdruck der Gewaltenteilung in einem dezentralen und föderalen Staatsaufbau überzeugt mit ihrer besonderen Orts-, Bürger- und Sachnähe, durch persönliche Gespräche und Verwurzelungen in der Bevölkerung. Wo Menschen leben, nicht selten auch arbeiten und ihre Freizeit verbringen können, schlägt das Herz aller Politik und zugleich die Hohe Schule der Vertrauensbildung in die Demokratie. Vertrauen lässt sich nicht politisch herbeireden, gesetzlich anordnen, durch Belehrungen einfordern oder durch Beleidigungen herbeizaubern. Vertrauen wird jedoch geschenkt und kann wachsen, wo Bürger erleben, dass sich Politiker glaubwürdig um ihre Sorgen und Nöte kümmern; wo das beharrliche Bohren harter Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß geschieht, wo mit persönlichem Rückgrat und einem humanen Kompass pragmatischer Vernunft der Zusammenhalt einer offenen Gesellschaft und die Zukunftsfähigkeit eines Ortes gestärkt und gefördert wird.

Kein Kommunalpolitiker muss schweigend am Katzentisch der Politik sitzen; alle können viel Gutes bewirken; zum Beispiel im Blick auf die soziale und wirtschaftliche, kulturelle und technische Infrastruktur insbesondere angesichts der Herausforderungen von Alterung und Geburtenrückgang, Abwanderung und Leerständen, Klimakrise und Extremismus sowie fehlender Finanzausstattung.

Wenn eine Stadt schrumpft, braucht sie neues Zutrauen in die Potenziale, die es bereits gibt, in die Kompetenz von Kopfarbeitern und Handarbeitern, in kreative Köpfe und flexible Hände. Wirtschafts-, Technik-, Gesundheits- und Tourismusförderung, Verbesserung elastischer Rahmenbedingungen sowie die Verbesserung der sozialen Lebensqualität vor allem jüngerer Menschen muss Chefsache werden – eine Führungsaufgabe von Bürgermeistern und Landräten im Zusammenspiel mit den Parlamenten und Verwaltungen.

Gemeinden und Städte können zu pulsierenden und lebenswürdigen Orten im fairen Wettbewerb miteinander werden, die ausstrahlen und anziehen, wenn Heimatliebe und Weltoffenheit miteinander verbunden sind und sich Anwälte des Gemein- und Bürgerwohls engagieren.

Die freiheitliche Demokratie bekommt durch Wahlen neuen Sauerstoff und neue Energie, um ein besonnenes und zugleich beflügelndes Zupacken zu ermöglichen und Lebensqualität für alle zu schaffen. 

Burkhard Budde

Zu alt? Zu jung?

Zu alt? Zu jung?

Auf ein Wort

Zu alt? Zu jung?

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Zu alt? Zu jung? 

Eine Person ist unsicher: „Bin ich nicht zu jung für eine bestimmte Aufgabe?“ Eine andere Person grübelt: „Bin ich nicht zu alt für eine Tätigkeit?“ Die Antwort liegt häufig im Auge des Betrachters: Was einer sich zutraut. Ob die Aufgabe (weiterhin) zu ihm passt, ihn weder unterfordert noch überfordert. Ob er die Erwartungen, die mit der Aufgabe verbunden sind, erfüllen kann. Und in welcher gesundheitlichen Situation er sich konkret befindet.

Das Alter als nackte Zahl ist noch keine Fahrkarte, die Fortschritt verspricht. Denn keiner kann genau wissen, wieviel Jahre einer auf dem Buckel haben muss, damit das Etikett „alt genug“ (oder „zu alt“) in seine Hand gehört, um eine Aufgabe produktiv (nicht) voranzubringen.

Manche Menschen erfahren leider ihr Alter oder ihr Altern als eine Art Abstellgleis. Angeblich reichen ihre Leistungen nicht aus oder sie werden im Zug des Lebens nicht gebraucht, obwohl sie bereit sind, Weichen neu zu stellen oder Gleise zu erneuern.

Andere leiden darunter, dass der Zug für sie verschlossen bleibt, weil sie wegen ihres Alters keine Chance erhalten einzusteigen. Und es für sie sinnlos erscheint, hinter einem abgefahrenen Zug herzulaufen.

Im Zug des Lebens werden jedoch sowohl jugendliche Frische und Dynamik als auch gereifte Erfahrung und Souveränität gebraucht. Jugendwahn lässt den Zug in die falsche Richtung fahren; Alterskult auf Dauer entgleisen.

Wenn Menschen – unabhängig von ihrem Alter – ständig in ihrer Blase oder in ihrer Nische bleiben, können sie sich nicht mehr austauschen, erfahren sie keine neuen Argumente, keine anderen Sichtweisen und keine neuen Perspektiven. Es gibt nur wenige Möglichkeiten der konstruktiven Auseinandersetzungen, der kritischen Selbstreflexion, der Selbstkritik und der Selbstkorrektur. Es gibt kein fruchtbares Neulernen, des miteinander und voneinander Lernens, auch nicht den Anderen außerhalb der eigenen Überzeugungsräume kennen und achten zu lernen sowie als Bereicherung zu tolerieren. Dafür viel Bereitschaft zur Arroganz und Gleichgültigkeit und wenig Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung für die Zukunft zum gegenseitigen Nutzen auf Augenhöhe und in Partnerschaft zu übernehmen.

Wer alles schon weiß und nicht mehr neugierig auf neue Erlebnishorizonte ist, verbaut sich zudem den Zugang zu einer besonderen Lebensweisheit, die für alle Menschen wichtig ist. Daran erinnert das Eingangsportal des Universitätsgebäudes der Lutherstadt Wittenberg, an dem ein junger Mann mit einer Sanduhr und einem Totenschädel zu sehen ist. Die Inschrift an diesem Portal verdeutlicht eine universelle Botschaft: „Hodie mihi, cras tibi“ (deutsch „Heute mir, morgen dir“). Sterben müssen eines Tages alle. Und das Leben kann kurz oder lang sein. Der Tod interessiert sich nicht für das konkrete Alter eines Menschen, nicht für seine Geburtsurkunde, seinen Geldbeutel, seine Titel, seine Reputation, auch nicht für sein Fachwissen und seine Kompetenz und seinen sozialen Status. Der Zug fährt weiter, mit und ohne Gäste, die alle sterblich sind. Aber wenn es im Zug der Zeit identitätsstiftende Räume gemeinsamen Lebens gibt, in denen ein bewusstes Leben in Liebe und Würde, in Freiheit und Gerechtigkeit, in Dankbarkeit und Besonnenheit gibt, kann frohmachender Sinn aufleuchten – „Heute mir, morgen dir“. Vielleicht wird auch das Wunder des Glaubens an eine ständige Verjüngung durch innere Reife und souveräne Freiheit erfahrbar – unabhängig vom Termin im Lebenskalender.

Burkhard Budde

Gute Wünsche

Gute Wünsche

Auf ein Wort

Gute Wünsche

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Gute Wünsche  

Wünsche, die von Herzen kommen, können wie zuverlässige Wegbegleiter und sogar Wegbereiter sein.

Sie sind wie Rosen: Ihre Knospen erblühen kräftig und prächtig. Ihre Farben faszinieren. Ihre Düfte betören. Ihre natürliche Schönheit ist einzigartig und begeistert ohne viele Worte. Herzen können aufgehen und Köpfe für neue Gedanken beweglich machen.

Zum bunten Strauß unterschiedlicher Wünsche gehören viele Blüten:

Gesundheit, die als dominierende Blüte Raum für viele Lebensmöglichkeiten und neue Perspektiven schenkt, auch für Träume und Sehnsüchte, Lebensfreude, Lebenslust und Lebensgenuss.

Geborgenheit, die als Blüte Gemeinschaft schafft, Halt und Orientierung gibt, indem sich das Ich im Du aufgehoben weiß, das vielfältige Wir das individuelle Ich in Würde mitträgt und erträgt. Und das Ich für das Wir eigene Verantwortung wahrnimmt.

Verbündete, die als Blüten gemeinsamen Lebens Fürsprecher sind, indem sie Ungerechtigkeiten widersprechen und solidarisch sind, zu verstehen versuchen, Verständnis entwickeln und Verständigung anstreben.

Glück, das als Blüte in dunklen Zeiten den Garten des Lebens erhellt, erwärmt und erneuert, indem es Luck (Glück haben) verspricht und Happiness (Glück verspüren) nicht vergisst, sondern ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben möglich erscheinen lässt.

Gelassenheit, die als Blüte immer wieder aufs Neue in stürmischen Zeiten wirkt, indem sie in aller Stille durch innere Ruhe schöpferische Kraft und elastische Widerstandsfähigkeit stärkt sowie Mut, Hoffnung und Vertrauen fördert. Und Gott – als Urquelle und wahrer Eigentümer des Gartens allen Lebens – das letzte Wort überlässt.

Jeden Tag gibt es viele Gründe zur Dankbarkeit, die das Leben vertiefen, weil sie den Blick auf das Gute und Bessere lenken. Zum Lächeln, das ein Leben bereichert, indem es Herzen berührt und einen Spalt öffnet. Zur Zuversicht, die ein Leben in Bewegung versetzt, weil sie sich nicht mit der Dunkelheit abfindet.

Jeden Tag kann es Herausforderungen geben: Wenn Disteln auftauchen, die stachelig sind, Negatives und Zerstörerisches verbreiten. Wenn Löwenzahn an unerwarteten Stellen auftaucht, wo er nicht willkommen ist, weil er als störend und unpassend empfunden wird. Und doch können Disteln eine eigene Besonderheit, Löwenzahn eine eigene Farbe haben. Und manche unbequeme und unerwünschte Blüten können im Nachhinein Sinn vermitteln, Reichtum und Leichtigkeit des Lebens zum Ausdruck bringen, indem sie mit ihren Spuren und Samen Träume in den ganzen Garten tragen und Sehnsüchte nach einer Freiheit in Würde aller wahr werden lassen.

Manche Wünsche verblühen. Aber manche behalten auch eine bleibende Bedeutung. Selbst wenn man wunschlos glücklich ist oder wahre Freundschaft und echte Liebe in guten wie in schlechten Tagen erlebt. 

Burkhard Budde