Lob auf das Lob

Lob auf das Lob

Auf ein Wort

Lob auf das Lob

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Ein Lob auf das Lob 

Wann habe ich das letzte Mal einen Mitmenschen gelobt? Und wann bin ich das letzte Mal gelobt worden? Viele Menschen sehnen sich nach einem Lob, das beide erfreut, sowohl den Geber als auch den Empfänger.

Vor allem beflügelt und aktiviert ein Lob: Zum Beispiel das Kind, dessen Bild von den Eltern aufrichtig gewürdigt wird. Der Schüler, dessen Leistung vom Lehrer durch eine gerechte Note anerkannt wird. Der Mitarbeiter, dessen Arbeit vom Chef geschätzt und der gezielt gefördert wird. Oder der Partner, der in einer Beziehung ein uneigennütziges Kompliment erhält.

Ein solches Lob ist wünschenswerter, als ständig gerüffelt zu werden oder selbst zu nörgeln. Auch besser, als zu versuchen, das aufmüpfige Kind wie ein wildes Tier zu zähmen.

Auch besser, als einem kritischen Schüler oder Mitarbeiter autoritär klar zu machen, wer das Sagen in der Schule bzw. im Betrieb hat.

Auch besser, als schwierige Mitmenschen in Watte zu packen oder sie links liegen zu lassen.

Ohne Lob jedenfalls entsteht ein Vakuum, in dem sich Gleichgültigkeit, Lustlosigkeit, Stillstand, Entfremdung und auch Angst einnisten können.

Aber wollen wir Menschen ohne gute Gefühle leben, nur funktionieren, uns optimieren oder perfektionieren?

Zugegeben, es gibt ein faules, vergiftetes oder maskiertes Lob: Wenn beispielsweise ein Koch in einem Restaurant über den Klee gelobt wird, obwohl das Gericht nach nichts geschmeckt hat, aber die lobenden Gäste den Kellner „bei Laune“ halten wollen. Wenn ein Geschäftsführer einen Mitarbeiter weglobt und in ein anderes Unternehmen hineinlobt, um seine Seilschaften und Macht zu erhalten oder auszubauen. Wenn Politiker oder Führungskräfte sich dauernd selbst loben, weil sie einerseits unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden, andererseits ruhmsüchtig und größenwahnsinnig geworden sind. Wenn Menschen sich mit Lobhudelei in die Seele anderer einzuschmeicheln versuchen, indem sie die Eitelkeiten ihres Gegenübers streicheln. Oder wenn einer einen anderen Menschen lobt, um selbst gelobt zu werden und einen anderen klein zu machen.

In allen Bereichen des Lebens erscheint jedoch eine begründete und wahrhaftige Lobkultur zur rechten Zeit am rechten Ort wichtig: Ein Lob wirkt nämlich wie eine frische Sauerstoffzufuhr in müder, stickiger und muffiger Umgebung. Das Selbstwertgefühl, das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit werden gestärkt. Lebensgeister und Lebenskräfte werden geweckt; neues Zutrauen zur Eigen- und Mitverantwortung wächst; Freude über ein Lob vermittelt sogar neue Sinnerfahrungen.

Ein echtes Lob kostet nichts, taucht in keiner Kosten-Nutzen-Rechnung auf, ist auch nicht einklagbar. Aber es kann ohne Relativierungen und Vergleiche angenommen werden, begeistern und bewegen, Zukunft eröffnen – selbst wenn die Tür nur für einen Spalt geöffnet wird.

Manche loben auch den Schöpfer allen Lebens, weil sie dankbar sind, hier und heute gesund und glücklich zu leben.

Weil ihnen dieser Schöpfer vor allem eine Würde verliehen hat, die sie auch dann nicht verlieren, wenn sie noch nicht gelobt worden sind oder ihren Mitmenschen noch nicht gelobt haben.

Burkhard Budde

Frohe Ostern

Frohe Ostern

Auf ein Wort

Österlicher Herzschlag

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Österlicher Herzschlag

Wird die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt? Ist die Osterbotschaft nur heiße Luft, nur eine leere Nuss oder gar eine Zumutung für einen aufgeklärten Kopf mit scharfem Verstand? Die Botschaft von der leibhaftigen Auferstehung Jesu höre ich wohl, aber ich finde keinen Zugang zu ihr.

Machen wir uns zunächst auf eine historische Spurensuche: Am Anfang war die Botschaft selbst für die Jünger Jesu nicht nachvollziehbar, ja ein „Geschwätz“ von Frauen. Diese hatten nach dem Bericht des Evangelisten Matthäus am leeren Grab Jesu eine Engelsbotschaft gehört, dass Jesus von Gott auferweckt worden sei. Und haben dann „mit großer Furcht und Freude“ davon berichtet.

Offenbar musste Jesus seinen Jüngern selbst die Augen öffnen, damit sie seine Worte verstanden und sein Leben mit Sinn deuten konnten. Die Zugeknöpften, Ängstlichen, Zweifelnden und Suchenden – wie die zwei Jünger auf dem Weg nach Galiläa – erlebten erst in der unmittelbaren Begegnung mit dem Auferstandenen, wie ihnen die Wirklichkeit der Auferstehung „wie Schuppen von den Augen“ fiel. Und der Apostel Paulus schreibt in einem seiner Briefe, dass der Auferstandene dem Petrus, dem ganzen Jüngerkreis, 500 Brüdern, Jakobus, allen Aposteln und ihm selbst erschienen sei. Keiner hatte die Auferweckung Jesu selbst miterlebt. Sie war ja Gottes alleinige Tat. Aber schließlich konnten alle durch die Selbstoffenbarungen des Auferstandenen bezeugen: „Der Herr ist wirklich auferstanden.“ (Lukas 24,34) Und eine bekennende sowie mutige Bewegung bewegter Zeugen verursachen.

Und heute? Ein wichtiger Schlüssel, sich der Osterbotschaft zu nähern, liegt im Verständnis von Wirklichkeit. „Wirklich“ ist nicht nur das, was in einem historischen Protokoll, in einer wissenschaftlichen Expertise oder in einer KI-Analyse steht. Und „unwirklich“ muss nicht sein, was nicht in diesen Quellen zu finden ist. Es gibt auch Beziehungswirklichkeiten, die keinen Betrug oder keine Täuschung sein müssen. Zum Beispiel wird die „wahre Liebe“ erst im Vollzug – bei allem Risiko des Scheiterns – mitten in den erklärbaren Realitäten wirklich und erlebbar und kann diese verändern. Auch die Auferweckung Jesu ist eine solche Beziehungswirklichkeit: Sie wird zwar nicht in lückenlosen Beweisketten, in historischen oder theologischen Überlieferungen, in rationalen Erklärungen oder in erbaulichen Wunschprojektionen wirklich wahr. Wohl aber ereignet sich diese Beziehungswahrheit in der Realität im Zutrauen, dass Gott selbst mit seinem schöpferischen Geist der Liebe die ewige Frucht neuen Lebens schenkt. Denn könnte Gott nicht wie ein Sämann gehandelt haben, der ein Weizenkorn in die Erde legt und sterben lässt, damit neues Leben, ein Halm mit Ähren und Frucht entsteht?! Diese Beziehungswahrheit – die Gewissheit der Auferstehung Jesu – kann in allen Realitäten die eigene Gewissheit des ewigen Lebens schenken. Und der Mensch, der an den auferstandenen Gekreuzigten glaubt, würde auch angesichts von Leiden und Tod wieder gewiss, zuversichtlich und froh – ohne Selbstbetrug, Lug und Trug, ohne die Wirklichkeit auf den Kopf stellen, ignorieren, verklären oder instrumentalisieren zu müssen. Und nicht der Tod, sondern das Leben hat dann das letzte Wort – nicht beweisbar, aber erfahrbar.

Burkhard Budde

 

Zuversicht

Zuversicht

Auf ein Wort

Zuversicht im Leiden

Von Burkhard Budde

Dieses Kunstwerk aus dem Jahr 2000 – der Christuskopf von Gerd Winner aus Liebenburg – hängt über meinem Schreibtisch und inspiriert und tröstet mich immer wieder neu. Der Entwurf stammt von Gerd Winners Ingemar Reuter, die 1989 tödlich verunglückt ist; als Vorlage diente ihr das Altarkreuz des italienischen Malers Giotto aus Rimini, der 1373 in Florenz starb.

Zu meinem 50. Geburstag schenkte mir Gerd Winner dieses Kunstwerk.

 

Auf ein Wort

Zuversicht im Leiden 

Gibt es Gefängnisse ohne sichtbare Mauern? Auch ohne sichtbare Türen, die sich nicht oder nur schwer öffnen lassen? „Ich fühle mich wie eingesperrt. Eine unsichtbare Mauer versperrt mir den Weg zu hoffen“, klagt eine Frau, die plötzlich schwer erkrankte. „Ich weiß nicht“, seufzt sie, „wie es weitergeht.“ Und sie sehne sich doch so sehr danach, wieder gesund zu werden.

Ratschläge wie „Kopf hoch, es wird schon werden“ wirken auf viele schwer erkrankte Menschen wie gut gemeinte Schläge, die die Seele verletzen. Fromme Sprüche wie „Gott kennt den Sinn“, die auch gut gemeint sind, scheinen persönliches Leiden nicht so richtig wahr- und ernst zu nehmen, ja sogar eine kranke Person zu verletzen.

Wer sich als schwer kranker Mensch wie ein unfreier Gefangener seines Leidens fühlt, belastet, bedroht, bedrängt sowie erschöpft und kraftlos ist, braucht wohl die Erfahrung menschlicher Annahme, ein verständnisvolles Mitgefühl und eine unterstützende Gemeinschaft sowie helfende Begleitung – von empathischen, kompetenten und engagierten Fachleuten, aber auch von Angehörigen, Freunden und Ehrenamtlichen.

Die Frau, die wieder gesund wurde, berichtet später, dass sie in ihrem engen Gefängnis der Angst und Sorgen erst zaghaft, dann immer heftiger gegen die innere Zellenwand geklopft habe: „Hört mir denn keiner richtig zur?! Versteht mich denn wirklich keiner?! Hilft mir denn keiner in meinem Gefängnis?!“ Selbst der Ruf nach Gott sei ihr wichtig geworden: „Wo bist du?!“ „Schläfst du?!“ „Bist du machtlos und herzlos?!“ Erst als sie aufgehört hatte, laut gegen die Wand zu klopfen, habe sie angefangen, die Hilfe anderen Menschen anzunehmen und zu würdigen sowie über die Gottesfrage neu nachzudenken.

Sie ist zu erstaunlichen Überlegungen gekommen: Die Zellenwand eines Gefängnisses, die Menschen, aber auch Gott und Menschen voneinander trennt, verbindet zugleich. Und sollte der barmherzige Gott Un-Sinn verzapfen, sein hilfloses Geschöpf in ein Gefängnis werfen und zugleich befreien?

Schließlich: Sollte nicht der Schöpfer, der die Tür zum Diesseits öffnet, nicht auch die Tür zum Jenseits öffnen können? So dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern die unsichtbare Gemeinschaft mit Gott, die im Glauben im Gefängnis beginnt und im Tod bleibt, weil Gott der Türöffner neuen, gemeinsamen Lebens ist?!

Die Frau – wie sie weiter berichtet – hört von außen ein leises Klopfen an der Wand ihres Herzens, als sie sich mit der Leidensgeschichte Jesu beschäftigt. Der verachtete, verspottete, gefolterte Jesus betete vor seinem Sterben „Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist.“ Blutüberströmt und schmerzverzerrt hatte er sein Leiden nicht zur Schau gestellt, allerdings auch nicht in sich hineingefressen. Er erhielt auf seine „Warum-Fragen“ keine Antworten oder Erklärungen. Aber er versuchte, das nicht zu ändernde Leid – sein Gefängnis des Leidens – vertrauensvoll anzunehmen. Und er gewann die Gewissheit, im Sterben nicht allein zu sein, auf Sinn in der Sinnlosigkeit zu hoffen, trotz Ohnmachtserfahrung auf die schöpferische und befreiende Macht Gottes – seines Vaters – dennoch und trotz allem zu vertrauen.

Die Frau sucht in der Stille den Schlüssel, um im Gefängnis ihrer Ängste und Sorgen eine Tür ins Freie, in den Horizont der Gelassenheit und Besonnenheit, zu finden. Und entdeckt den Schlüssel zu dieser Tür im Glauben an Jesus Christis, im begründeten Gottvertrauen, in dem Kraft und Zuversicht in ihr selbst wachsen. Und in ihrem Fall auch Genesung – ein kostbares Geschenk erneuerten und befreiten Lebens.

Burkhard Budde

Persönlichkeiten

Persönlichkeiten

Auf ein Wort

Respektlose Persönlichkeiten

Von Burkhard Budde

„Nec aspera terrent“ („Ich fürchte keine Widrigkeiten“). Wahlspruch der Welfen.

Auf ein Wort

Respektlose Persönlichkeiten

Sind sie schon einmal einem Narzissten begegnet? Vielleicht, aber was ist überhaupt ein Narzisst? Ein Mensch, der extrem selbstbezogen und übertrieben selbstverliebt sowie ständig anerkannt und von allen bewundert werden will, wird von Psychologen als Narzisst bezeichnet. Er ist schnell gekränkt und beleidigt, wenn man seine Qualitäten in Frage stellt, da er davon überzeugt ist, etwas Besseres zu sein und andere sowieso keine Ahnung hätten. Ob er zu wenig Zuwendung in seiner Kindheit erfahren hat, unter fehlendem Selbstbewusstsein leidet, und sich deshalb unsozial verhält und nur noch Feinde oder Freunde kennt?

Und wie ist es mit einem Psychopathen? Vielleicht ist uns schon einmal ein Psychopath begegnet, aber wir haben es nicht bemerkt. Er kann nämlich, so Psychologen, Gefühle zeigen und sehr charmant sein, aber er hat keine echten Gefühle oder nur wenig Mitgefühl für andere. Er kann Stärke zeigen, aber selbst schwach sein. Auch er teilt Menschen auf – in Gute, die auf seiner Seite stehen und die er für seine Interessen braucht und in Böse, die er ablehnt, weil sie ihn kritisch sehen.

Häufig geht er – bildlich gesprochen – über Leichen und schadet bewusst anderen Menschen, um seine Ziele zu erreichen. Manchmal entpuppt er sich auch als ein Meister der Manipulation, indem er einen Mitmenschen lobt und bewundert, um sein Vertrauen zu gewinnen; dann jedoch bei ihm Zweifel sät, ihn kritisiert, ihn für alles Mögliche verantwortlich macht und Halbwahrheiten über ihn verbreitet.

Mir ist darüber hinaus in meinem Studium Nicolo Machiavelli begegnet. Der italienische Diplomat aus der Zeit der Renaissance hat 1513 das politische Werk „Il Principe“ (deutsch „Der Fürst“) geschrieben: Ein „guter Fürst“ müsse sowohl Löwe als auch Fuchs, sowohl stark und mächtig als auch listig und klug sein, um Wölfe vertreiben und Fallen erkennen zu können, damit er entschlossen und mutig seine Macht erhalte.

Ein Schauer lief über meinen Rücken, als ich sein Werk genauer las: Zum Machterhalt gehöre es, fromm, gerecht und ehrlich zu wirken, aber nicht unbedingt zu sein. Versprechen dürften gebrochen werden, wenn sie den eigenen Interessen entgegenstünden. Stets komme es auf den Schein an, auf das Image und die Inszenierung. Ein „guter Fürst“ sollte zwar nicht verhasst sein, aber lieber gefürchtet als geliebt. Also sollte er stets ein (intrigantes) Spiel mit gezinkten Karten spielen?!

Manchem Leser wird es wie Schuppen von den Augen fallen: Auch heute noch gibt es Macht- und Dominanzgehabe, panische Angst vor Machtverlust, schlimmer noch gierige Macht mit eigenen Regeln ohne einen ethischen Kompass der Freiheit und Verantwortung, auch politische Verführung durch emotionale Kälte, gespielte Härte oder Wärme, Entmenschlichung durch Entwürdigung oder Heuchelei.

Autoritäres Verhalten – extremer Druck durch Abgrenzung, Hierarchie und Macht –  taucht überall in Politik, Gesellschaft und im Beruf auf. Manchmal können narzisstische und psychopathische Elemente in einer (Führungs-) Person mit der Neigung zu cholerischen Ausbrüchen entdeckt werden.

Doch auf Dauer kann keine Gemeinschaft, aber auch keine liberale Gesellschaft zusammengehalten werden, wenn es keine klaren Wegweiser, keinen gegenseitigen Respekt sowie die verbindliche Übereinkunft, Wege auf einem Fundament gemeinsamer Werte und Normen zu gehen, gibt, um begründetes Vertrauen im Blick auf die Zukunft zu schaffen, zu erhalten oder zu erneuern.

Und wer Worte Jesu  „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener.“ ernstnimmt, dem öffnen nicht autoritäre Scheinfürsten, die bevormunden, sondern demokratische Führer, die dem Gemeinwohl dienen, neue Räume gemeinsamen und vielfältigen Glücks. 

Burkhard Budde

Lebenszeit

Lebenszeit

Auf ein Wort

Kostbare Lebenszeit

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Kostbare Lebenszeit 

Ist die Lebenszeit ein kostbares Geschenk?

Jeder erlebt seine Lebensspanne anders – ihre Einmaligkeit und Endlichkeit, ihre Verletzlichkeit und Unvorhersehbarkeit. Doch keiner sollte sich täuschen (lassen) – beispielsweise auch nicht ein roter Zar, ein selbstverliebter Fürst, ein brutaler Diktator oder ein theokratischer Machthaber. Die Lebenszeit aller wird unaufhaltsam weniger und kann von keinem Menschen vermehrt werden. Und kein Mensch ist ein unverwundbarer Titan.

Alles hat auch seine Zeit. Die Macht der (Über-) Mächtigen kann wie Schnee in der Sonne schmelzen. Oder auch abrupt enden. Die Macht der Ohnmächtigen und Hilflosen kann wie eine Distel zwischen Steinen wachsen. Und Kampfesgeist signalisieren. Doch für alle und alles gilt: Das Leben ist wie ein Weg über eine dünne und brüchige Eisdecke. Sie kann zu jeder Zeit und an jedem Ort – z.B. durch eine schlimme Erkrankung – einbrechen. Und wer älter wird, erlebt, wie Risse und das Knacken der Eisoberfläche sichtbarer und hörbarer werden. Und sich tragende Eisschichten plötzlich in Eislöcher verwandeln können.

Dennoch muss kein Mensch ständig in panischer Angst leben. Furcht ist zwar ein Signal, das vor Gefahren auf dem Lebensweg warnt und schützt, kann aber auch zu einem schleichenden Gift werden, das in jede Nische der Seele kriecht, sich einnistet und einen Menschen lähmt.

Ein Mensch kann im Auf und Ab seines Lebens, angesichts der Mischung von Freud und Leid, im Wechselspiel von Gewohntem und Überraschendem seine Lebenszeit bewusst zu gestalten versuchen:

Indem er sich zum Beispiel von Zeitdieben und Zeitverschwendern, von Giftmischern und Heckenschützen fernhält und dadurch mehr geteilte und erfüllte Zeit mit „lieben Menschen“ sowie für Wahres, Gutes und Schönes gewinnt.

Indem er sich in chaotischen Zeiten, in denen ein eiskalter Wind gieriger Kraftmeierei, naiver Schwärmerei, gezielter Angstmacherei, gleichgültiger Hartherzigkeit oder verführerischer Heuchelei herrscht, für Aufklärung und Vernunft sowie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einsetzt.

Indem er in der Zeit einer Krise – in der Spannung von Angst und Hoffnung, Anfang und Ende – die Gelegenheit beim Schopfe greift, innere Freiheit und äußere Gelassenheit gewinnt, Wichtiges vom Unwichtigen, echte von falschen Freunden zu unterscheiden sowie Dankbarkeit und Besonnenheit neu zu würdigen lernt.

Indem er im Strom der Zeit keinen Kreislauf oder eine Wiederkehr des Immergleichen erfährt, sondern einen erneuerten Raum gemeinsamen Lebens in Würde, Freiheit und Verantwortung, Vielfalt und Toleranz entdeckt.

Kein Mensch lebt ewig. Und dennoch geht kein Mensch verloren. Das kann das Gleichnis einer Sanduhr verdeutlichen: Im Durchlass, der beide Kolben miteinander verbindet, geht kein Sandkorn verloren. Doch ist ein Mensch nicht mehr als ein Sandkorn? Ist er nicht als ein geliebtes Samenkorn geschaffen worden, das in seinem zeitlich begrenzten Leben wachsen, Verantwortung übernehmen und Frucht bringen soll, aber in der Ewigkeit letzte Geborgenheit und unverlierbare Gemeinschaft mit Gott erfährt? Dessen Lebenszeit nicht im Nichts, sondern im liebenden Neusein endet?

Und wenn die innere Lebensuhr noch so laut oder noch so leise oder noch so unaufhörlich tickt – das Leben bleibt in der verbliebenen Zeit eine wunderbare Gabe und wertvolle Aufgabe.

Burkhard Budde