Ständige Erneuerung

Ständige Erneuerung

Moment mal

Ständige Erneuerung

Von Burkhard Budde

Leserbrief in der GZ zum „Nachgedacht“ von Chefredakteur Jörg Kleine

Ständige Erneuerung 

Chefredakteur Jörg Kleine hat in der Goslarschen Zeitung (GZ)  am 30.10.2021 über „Das Reich der Propaganda-Assistenten“ einen Kommentar verfasst. In seiner Kolumne „Nachgedacht“ nimmt er zur „Compliance-Affäre“ der Bild-Zeitung kritisch Stellung. Dazu ein Leserbrief, der am 5.11.2021 in der GZ veröffentlicht worden ist: 

Auch im Reich der Medien ist eine ständige Erneuerung notwendig. Selbstreflexion und Selbstkritik sowie Vielfalt und Unabhängigkeit stärken die Vertrauens- und Glaubwürdigkeit der „vierten Gewalt“, die als lebendiger Bestandteil insbesondere mit ihrer Kontrollfunktion zum Wesen der liberalen Demokratie gehört. 

Auch im journalistischen Reich der Mächtigen sind Status und Erfolg, Einfluss und Kompetenz kein Freibrief für einen willkürlichen oder willfährigen sowie autoritären Umgang untereinander. Ohne persönliche Integrität, Empathie und Verantwortung werden Macht- und Interessenspiele zu Foul- und Egospielen ohne rechtliche und ethische Grenzen. 

Jenseits von angstmachendem Moralismus und unnahbarem Formalismus gibt es eine gleichberechtige, wertschätzende und faire Partnerschaft auf Augenhöhe, ohne dass im Zweifel der Vorrang der Gesamt- und Letztverantwortung eines Chefredakteurs bzw. Verlegers vor der pflichtgemäßen Teilverantwortung eines Journalisten bzw. eines Teams außer Kraft gesetzt wird. 

Burkhard Budde

(GZ vom 5.11.2021)

Karussell des Lebens

Karussell des Lebens

Moment mal

Karussell des Lebens

Von Burkhard Budde

Das besondere Karussell

Moment mal

Das besondere Karussell

Die Stimmung ist zugleich ausgelassen und angespannt. Neugierde und Lust verschmelzen fröhlich miteinander. Beim ständigen Drehen verlieren Bekanntes und Gewohntes ihre Eigenständigkeit. Mit größerer Beschleunigung scheint sich alles aufzulösen: Gedanken verschwimmen. Nachdenkliches verschwindet. Erinnerungen an Glück und Schönheit taumeln. Innere und äußere Bilder verzerren. Abwechslungsreiche Wahrnehmungen gehen ständig auf Entdeckungstour. Aber kurze Begegnungen lassen sich nicht einfach einfangen und festhalten.

Das Ich sitzt auf dem Karussell. Manchmal handelt es überlegt, manchmal leichtsinnig. In manchen Situationen wird die Leichtigkeit des Seins geweckt, in anderen bestimmt der Ernst das Gesetz des Handelns. Wenn der Schwindel jedoch zu mächtig und das Ich ohnmächtig wird, hält es sich krampfhaft fest. Ist das der Anfang vom Ende, die Höchstgeschwindigkeit mit Kontrollverlust? Oder ist das ein Schrecken ohne Ende, beginnt die Vollbremsung mit Sinnverlust?

Das Ich sitzt nicht allein auf dem Karussell: Ein Löwe, der mutig, lichtvoll und gerecht sein will. Ein Stier, liebenswürdig, kraftvoll und beharrlich. Ein Adler, stark, weitblickend und siegreich. Ein Engel, fromm, gottesfürchtig und hilfsbereit. Und immer wieder trifft das Ich auf unsichtbare Begleiter: Das Glück, das unbekannte und unverdiente Lebensmöglichkeiten eröffnet. Das Pech, flüchtige und unwiederholbare Gelegenheiten verpasst zu haben. Das Vertrauen, ohne das kein Leben gelingt. Die Angst, die das Vertrauen zerstören kann.

Doch zwei Begegnungen bewegen das Ich in besonderer Weise.

Ein unsichtbarer Gesell, den das Ich eigentlich vergessen, dem ich am liebsten nicht persönlich begegnen will – höchstens für einen augenzwinkernden Flirt, wenn er mit gruseligem Maskenspiel Heiterkeit zu generieren versucht. Aber wehe, wenn dieser Gesell  zu sehr das Ich, das Du, das Wir daran erinnert, dass  alle – unabhängig vom Alter oder Status – gleich behandelt werden, weil alle nur Gäste der Karussellfahrt sind. Aber wehe, wehe, wenn dieser ständige Mitfahrer plötzlich und brutal zuschlägt oder sich langsam zu Wort meldet. Und das Ich nicht vorbereitet ist, wenn es vom rotierenden Karussell geworfen wird.

Kann dann die Erinnerung an unsichtbare, aber liebende Hände helfen? An offene Hände, die Tränen trocknen, Schmerzen heilen, der Seele Halt geben und den Geist von Angst und Bitternis befreien? Die vor allem das Ich tragen und auffangen, wenn es aus der Bahn geworfen wird. Und die – wenn sie im Glauben ergriffen werden, ohne sie zu begreifen – die Kraft und den Mut zum Neuanfang schenken, damit Neues wachsen und reifen kann. Weil dieses Karussell des Gott- und Christusvertrauens sich ohne Anfang und Ende dreht – in Ewigkeit.

Burkhard Budde

Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe

in der Kolumne „Moment mal“ am 6.11.2021

 

Gemeinwohl

Gemeinwohl

Moment mal

Gemeinwohl

Von Burkhard Budde

Leserbrief in WELT

Gut und naiv 

Zum Kommentar „Schäubles Vermächtnis“

von Chefredakteur Dr. Ulf Poschardt (WELT 27.10.2021)

Wolfgang Schäuble und Ulf Poschardt haben im Blick auf die repräsentative Demokratie keine leeren oder belehrenden, wohl aber wahre und wegweisende Worte gefunden: Das Gemeinwohl, das „bonum commune“, das allgemeine sowie notwendige Gute einer demokratischen Gesellschaft, ist mehr als die Summe der Interessen von Einzelpersonen oder Gruppen.

Der „neumodische Identitätskram“ (Poschardt), vielleicht gut und naiv gemeint, aber falsch gedacht, vor allem nicht weit genug gedacht, führt zur Spaltung und zur Zersplitterung der Gesellschaf, zur partikularistischen Gruppengesellschaft, die weniger nach Entwicklungschancen, Leistung, Eignung und Qualifikation, sondern mehr nach Geschlecht, Herkunft, Gesinnung und Gruppenzugehörigkeit fragt.

Burkhard Budde 

(Leserbrief in WELT 1.11.2021)

 

Reformation

Reformation

Moment mal

Reformation

Von Burkhard Budde

 

Im Zentrum von Wittenberg

Das Herz im Herzen

Kann Gott das Herz eines Menschen zum Schlagen bringen?

Hat das reformatorische Erbe eine Chance, die Gegenwart zu verändern und eine Zukunft im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu eröffnen?

Wird der reformatorische Schlachtruf „Allein“ überhaupt noch gehört?

„Allein die Schrift“ („Sola scriptura“) kann einen Zugang zur Quelle neuen Lebens schaffen.

Die Botschaft der Bibel ist geistliche Quelle, aber auch ethischer Kompass und normative Instanz christlicher und kirchlicher Existenz.

„Allein durch Gnade“ („Sola gratia“) kann die geistliche Quelle entdeckt werden.

Es ist ein Geschenk des Geistes Gottes, sich in dem mitleidenden und selbstleidenden Gott geborgen zu wissen, sich vor dem freien und freimachenden Gott verantworten zu müssen und durch den gnädigen Gott auf Erlösung und Vollendung zu hoffen.

„Allein durch den Glauben“ („Sola fide“) können leere Hände durch das Schöpfen aus der geistlichen Quelle mit neuer Gewissheit gefüllt werden.

Der Glaube an Jesus Christus ist das lebendige Gefäß, um aus der unsichtbaren Quelle zu schöpfen und ein christliches Leben und eine kirchliche Gemeinschaft zu suchen und zu finden.

„Allein Christus“ („Solus christus“) kann das Wasser neuen Leben, die grenzenlose und bedingungslose Liebe erfahrbar machen, die Gott ist und durch die Gott wirkt.

Jesus Christus ist selbst das Wasser des Lebens, das erhält und erneuert sowie im Meer des Lebens aus der Tiefe Kreise zieht.

„Allein aus Liebe“ („Sola caritatis“) wird neues Leben mitten im Alltag möglich – in Dankbarkeit und Demut, im Vertrauen und in Vernunft, in Verantwortung und in Leidenschaft.

Dieser unverdienbare Herzschlag kennt am Ende eines sichtbaren Lebens  nur einen neuen schöpferischen Anfang. Nicht Verlogenheit, Trickserei, Neid, Gier, Angst, Unvernunft, Gleichgültigkeit oder der Unglaube haben das letzte Wort, sondern das Herz im Herzen  – Gott, der frei und souverän ist sowie als Urheber, Begleiter und Sinngeber allen Lebens letzte Geborgenheit und letztes Ziel schenkt, den Herzschlag ewigen Lebens.

Burkhard Budde

 

Haltung zeigen

Haltung zeigen

Moment mal

Haltung zeigen

Von Burkhard Budde

Die fromme Helene auf der Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1982 zum 150. Geburtstag von Wilhelm Busch

Moment mal

Rückgrat und Haltung zeigen

Brauchen wir mehr „gute Menschen“? Aber was ist überhaupt ein „guter Mensch“? Wilhelm Busch, Autor der Bildergeschichte „Die fromme Helene“ (1872), schreibt: „Ein guter Mensch gibt gerne acht, ob auch der andre was Böses macht. Und strebt durch häufige Belehrung nach seiner Beß’rung und Bekehrung“. Und „Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt.“

Wer Buschs Worte gleichsam auf der Zunge zergehen lässt, verspürt den Spott, der mit einer Prise Humor garniert ist: Die „fromme Helene“ ist in Wahrheit ein Zerrbild im Zwielicht versteckter Kritik. Ungenießbare Moral und Verlogenheit des 19. Jahrhunderts werden durch scheinbaren Genuss serviert.

Auch eine moderne Gesellschaft braucht keine moralischen Klöße, die unverdaulich im Hals steckenbleiben, die die Freude am Leben nehmen und das Vertrauen zum Leben zerstören. Tugendbolde taugen nichts, wenn sie „gute Zutaten“ von anderen fordern, selbst aber ihr eigenes Süppchen kochen.

Wichtiger erscheinen Persönlichkeiten, die besonders in Krisenzeiten Haltung – kein Heldentum, keine Selbstherrlichkeit, keine Wichtigtuerei – zeigen und „taugliche Tugenden“, die in der Schatzkammer der Vergangenheit zu finden sind, glaubwürdig und aktualisiert vorleben; zum Beispiel:

Klugheit („prudentia“), mehr wissen und verstehen wollen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Und nicht nur nach Bauchgefühl und Vorurteilen entscheiden.

Gerechtigkeit („iustitia“), sich einsetzen für gleiche Chancen aller, für Solidarität mit Schwächeren, für das Gemeinwohl sowie für die Nachwelt. Und sich nicht von Neid oder von Gier beherrschen lassen.

Tapferkeit („fortitudo“), mit Rückgrat argumentativ widersprechen, spätestens wenn die Würde verletzt wird. Und sich nicht hochmütig oder gleichgültig, übermütig oder gedankenlos, buckelnd oder ängstlich verhalten.

Mäßigung („temperantia“), Maß und Mitte, angemessene Verhältnismäßigkeit und tragfähige Kompromisse suchen. Und nicht mit Kanonen auf Spatzen zu schießen oder aus einer Mücke einen Elefanten machen.

Frömmigkeit („pietas“), sich in Demut seiner Geschaffenheit, aber auch seiner Ebenbildlichkeit mit dem Schöpfer vergegenwärtigen, damit Gott als letzte Verantwortungsinstanz aller sowie Quelle letzter Geborgenheit entdeckt werden kann.

Damit Liebe („caritas“, „agape“) eine Chance erhält, aus „gutschlechten“ Menschen menschliche Personen werden, die immer und überall mit Form und Format gebraucht werden.

Burkhard Budde

Veröffentlicht im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe

in der Kolumne „Moment mal“ am 30.10.2021

 

Leben lieben

Leben lieben

Moment mal

Leben lieben

Von Burkhard Budde

Vicky Leandros liebt – trotz allem – das Leben

Moment mal

Das Leben lieben

Ist „Liebe“ nur ein großes Wort, das die Sehnsucht nach Geborgenheit weckt? Oder ein Zauberwort, das im Liebesschmerz für gute Laune sorgt und zum neuen Verlieben einlädt?

Im Jahr 1975 wurde der Schlager „Ich liebe das Leben“ veröffentlicht. Hat die deutsch-griechische Sängerin Vicky Leandros mit diesem nachhaltigen Lied die „Liebe“ zu einem Schlüsselwort gemacht?

Die erste Strophe – ein fast trostloser Anblick einer traurigen Wirklichkeit – berichtet von zwei Menschen, die dabei sind, sich zu trennen. Der „Koffer“, der schon im Flur steht, ist kein Hinweis auf eine schöne Reise, sondern auf Umbruch und Alleinsein. Der Abschied geschieht in einer Sphäre der Unsicherheit, mit Zweifeln („Es muss wohl so sein“) und Fragen („Was wird aus dir?“).

Mit dem Refrain folgt eine Art Paukenschlag: „Nein, sorg dich nicht um mich. Du weißt, ich liebe das Leben.“ Und eine besondere Begründung: „Das Karussell wird sich weiter dreh’n.“

Die zweite Strophe – ein selbstkritischer und zugleich unbestimmter Rückblick – spricht von möglichen Wahrnehmungsschwächen der eigenen Person, aber auch von verzweifeltem Hoffen auf ein Feuer, „wo es nur noch glimmt.“ Aber man sterbe ja nicht gleich daran.

In der dritten Strophe – ein ermutigender Ausblick – keimt Hoffnung in einer neuen Freiheit auf, auf neues Verliebtsein. Denn die Welt sei schön. Und auf vertrauensvolle Neugier komme es an. „Wie’s kommt ist einerlei.“

Jahre später – 2016 auf der Beerdigung des Politikers Guido Westerwelle – hat die Sängerin das Lied auf die Trauerfeier und den Verstorbenen bezogen und interpretiert („Du bleibst im Herzen sicherlich.“)

Ist „Liebe“ auch ein Trostwort, das eine endgültige Trennung leichter ertragen lässt? Weil die Hoffnung auf Neuanfänge für Trauernde – selbst am Ende eines Lebens – durch den Glauben an die schöpferische Liebe nicht stirbt? Weil sich das „Karussell“ – der Kreis als Symbol des Lebens ohne Anfang und Ende – weiterdreht? Weil im Glauben an die Botschaft Jesu und an Gott – im „glühenden Backofen voller Liebe“ (Martin Luther) – trostlose oder verhärtete Herzen geschmolzen werden? Und zu einer unsichtbaren Gemeinschaft mit dem Schöpfer in der Ewigkeit zu einem neuen Leben verschmelzen?

Damit alle das Leben hier und jetzt auch in und nach schmerzhaften Krisen wieder lieben lernen.

Burkhard Budde

Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe

in der Kolumne „Moment mal“ am 23.10.2021