Glück beglückt

Glück beglückt

Tag der Deutschen Einheit

Glück beglückt

Von Burkhard Budde

Auf dem Brocken-Gipfel

Auf dem Brocken-Gipfel in 1142 Metern Höhe.

Der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2020 macht Menschen glücklich, die unglücklich waren: Wer unter der DDR-Diktatur mit ihrer Willkür­herrschaft, der Unfreiheit, dem Stachel­draht und Schieß­befehl sowie sozialistischer Um­erzie­hung gelitten hat, ist heute besonders dankbar für ein Leben in Würde, für gelebte Demokratie, echte Rechts­staatlich­keit und unabhängige Medien. Und an einem Tag wie diesem besonders glücklich.

Eine autoritäre Welt mit ideolo­gischen Scheu­klappen, totalitärem Denken, einer Angst- und Bespitzelungs­kultur gehört der Vergangen­heit an, die aber besonders im Blick auf die Opfer der Verletzung der Menschen­rechte noch perspektivisch aufge­arbeitet werden muss. Denn wenn das Benennen von Unrecht unter den Teppich gekehrt oder politisch verharmlost wird, schafft man den Nähr­boden für neues Unrecht.

Weiter Blick vom Brocken

Vom Brocken bietet sich ein weiter Blick über das Land.

Es gibt nach der Wieder­vereinigung keine heile Welt, aber eine heilbarere – als Dauer­aufgabe aller Demokraten, die die Gemeinsam­keiten mehr betonen als die Unter­schiede, um das Unvoll­kommene und Unvoll­endete besser über­winden zu können – nicht um alles gleich zu machen, aber um das gleich­wertig Unter­schiedliche produktiv für das Ganze fruchtbar zu machen, um die Einheit in Vielfalt auf dem Fundament eines offenen Patrio­tismus im Geiste des Grund­gesetzes anzu­streben.

Der Brocken, der höchste Berg Nord­deut­schlands, der 28 Jahre militä­risches Sperr­gebiet war, ist immer noch Symbol dieser Sehn­sucht – nach Frei­heit und Weite, Begeg­nung und gemein­samer Zukunft.

Auch Prof. Dr. Reza Asghari (r.) freute sich über die vielen fröh­lichen Menschen auf dem „Vater Brocken“, die gemein­sam an die geglückte Wieder­vereinigung dachten.

Burkhard Budde
Dr. Burkhard Budde und Prof. Dr. Reza Asghari

Dr. Burkhard Budde und Prof. Dr. Reza Asghari

Königslutter – Brunnen der Geschichte

Königslutter – Brunnen der Geschichte

Land und Leute

Königslutter – Brunnen der Geschichte

Von Burkhard Budde

Königslutter am Nordrand des Elms

Die Kleinstadt Königslutter am Nordrand des Elms ist das Tor zum Naturpark Elm-Lappwald.

Gesteinssammlung im Geopark-Informationszentrum in Königslutter
Gesteinssammlung im Geopark-Informations­zentrum in Königslutter

Ein Blick lohnt sich: Kein flüchtiger, auf keinen Fall ein böser, auch kein gleich­gültiger oder über­heblicher. Aber ein neu­gieriger und kritischer Blick in wunder­bare Brunnen span­nender Geschichte und Geschichten ermöglicht immer wieder neue Ent­deckungen in der Tiefe des Lebens, die man nicht so schnell vergisst.

Die Kleinstadt Königslutter, die am Nordrand des Elms liegt und das Tor zum Naturpark „Elm-Lappwald“ ist, bietet solche Brunnen­erlebnisse.

Da ist zum Beispiel der Brunnen der Erd- und Natur­geschichte:

Ingrid Ehrlichmann, ehrenamtliche Munseumsmitarbeiterin

Ingrid Ehrlichmann, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Museums im Geopark-Infozentrum

Im Geopark-Informationszentrum An der Stadtkirche 1 in Königslutter befindet sich eine Gesteins­sammlung, die „stein­reich“ ist. Der Kauf­mann Otto Klages, gestorben 1982, hat sie – über zwei­tausend „erzäh­lende Steine“ – 1972 seiner Vater­stadt Königs­lutter über­geben. Aus tiefer Ehr­furcht vor dem Leben, das Jahr­millionen im Kern der ver­steinerten Kruste einge­schlossen war, sammelte Klages leiden­schaftlich Fossilien, Steine und Mineralien.

Vor allem in der Landschaft zwischen dem Harz und dem Flechtinger Höhen­zug wurde er fündig. Aus der Tiefe dieses „Brunnens“ konnte so die Vielfalt des Lebens vergan­gener Zeiten – 290 Millionen Jahre Erd­geschichte – das Licht der Gegen­wart erblicken.

Ingrid Ehrlichmann, seit 10 Jahren ehren­amtliche Mitarbei­te­rin dieses Museums, das gleich­zeitig das Eingangs­portal zum UNESCO Geopark Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen ist, weiß, dass es kaum ein vergleich­bares Gebiet in Europa gibt.

„Die Gegend ist einmalig. Die gesamte Erd­geschichte liegt vor den Füßen. Wir leben in dieser Region auf einem Schatz“, sagt die Natur­lieb­haberin mit leuch­tenden Augen. Durch Salz­aufstieg im Unter­grund sowie durch Meeres­vorstöße sei eine einzig­artige Land­schaft ent­standen. Und ihr Lieblings­berg? Frau Ehrlich­mann muss nicht lange nach­denken: „Das Natur­schutz­gebiet Heese­berg bei Jerxheim im Land­kreis Helmstedt mit den Stein­brüchen, den Adonis­röschen und der Hünenburg bei Watenstedt.“

Und bei diesem Lebens­raum kann man sich vorstellen, dass Homo erectus und Homo sapiens – über­haupt die Vor­fahren der Menschen aus der Steinzeit – ihre Spuren hinter­lassen haben, etwa bei Salzgitter-Lebenstedt (50 000 Jahre altes Jäger­lager der Neandertaler) oder bei Schöningen / Paläon 1 (Speere aus der Zeit vor 300 000 Jahren).

Ein weiteres Beispiel ist der Brunnen der Kultur- und Musik­geschichte:

Britta Edelmann, Leiterin im Museum Mechanischer Musikinstrumente

Britta Edelmann – Museumsleiterin im Museum Mechanischer Musikinstrumente

Britta Edelmann (vorn) und Anna Dziatzka

Museumsleiterin Britta Edelmann (vorn) und die studentische Aushilfe Anna Dziatzka

Im Museum Mechanischer Musik­instrumente (MMM) Vor dem Kaiserdom 3-5 arbeitet seit 2004 Britta Edelmann als Museums­leiterin.

Die Sammlung von internatio­nalem Rang informiert über 250 Jahre Geschichte mechanischer Musik­instrumente bzw. über ihre kultur­geschicht­liche und technische Entwicklung.

Stolz berichtet Frau Edelmann, dass alle etwa 235 Instru­mente – darunter eine Spiel­uhr, die die Größe eines 1 Cent-Stückes hat und eine Karussell­orgel mit einer Größe von 3 x 4 Metern – „funktio­nieren und mit dem Klang vergan­gener Jahr­hunderte die Ohren des Besuchers zum Besuch in eine fremde Musik­welt einladen.“

Im ausgehenden 18. Jahrhundert ließen Adel und vermö­gendes Bürger­tum sich vor allem durch Flöten­uhren unter­halten.

In bürgerliche Wohnzimmer kamen kleine Walzen­spiel­dosen, Tisch­dreh­orgeln sowie erste elektri­sche Klaviere zum Einsatz.

In privaten Salons und Vergnügungs­etablisse­ments waren Orchestrien beliebt, die ein ganzes Orchester zu imitieren versuchten. Und auf Jahr­märkten im 19. Jahr­hundert hörte man Leier­kästen bzw. Dreh­orgeln.

Auch die studentische Aushilfe im Museum, Anna Dziatzka (27), ist begeistert von der musealen Präsentation: „Große und kleine Ohren lernen, neu zu hören, die alte Zeit ohne Musik­knopf im Ohr besser zu verstehen und die Gegen­wart bewusster zu erleben“.

Der Regionalhistoriker Manfred Gruner aus Bad Harzburg erinnert an den Braun­schweiger Kaufmann Jens Carlson, dem das Museum die einma­lige Samm­lung zu verdanken hat. Der hatte zunächst Kauf­ange­bote aus Japan und den USA sowie aus Braun­schweig, akzeptierte jedoch schließlich das Ange­bot aus Königs­lutter, um die ehemalige Wasser­mühle neben dem Kaiser­dom zur neuen Heimat der Expo­nate zu machen.

Ein weiteres unver­wechsel­bares Beispiel ist der Brunnen der Stadt- und Kirchen­geschichte:

Der Kaiserdom in Königslutter

Der Kaiserdom – eigentlich die Stiftskirche St. Peter und Paul – in Königslutter

Kaiser Lothar III auf einem Wandbild im Kaiserdom

Kaiser Lothar III auf einem Wandbild im Kaiserdom in Königslutter

Der Kaiserdom – eigentlich die Stifts­kirche St. Peter und Paul – gehört zu den bedeu­tendsten Bauwerken der Romanik in Deutschland.

1135 stiftete Lothar von Süpplingen­burg – Herzog von Sachsen, 1125 König, 1133 Kaiser – ein Bene­diktiner­kloster mit der Kloster­kirche St. Peter und Paul als Grablege für sich und seine Familie sowie als Zeichen seiner Macht im Quell­gebiet der Lutter. Als Lothar III zwei Jahre später starb, wurde er in einer unvoll­endeten Kirche beigesetzt.

Erst um 1170 wurde der Bau unter seinem Enkel Heinrich dem Löwen fertig­gestellt. Vor allem der nördliche Teil der klassischen roma­nischen bzw. kreuz­förmigen Pfeiler­basilika mit seinen zehn Säulen, die ganz unter­schiedlich gestaltet sind, gehört zu den Besonder­heiten in Nord­deutschland.

Und welche Überraschungen kann der Besucher beim Blick in diesen „Brunnen“ noch erleben?

Im Rahmen dieses Artikels können nur einzelne Entdeckungen geschildert werden:

Das Löwenportal - Hauptzugang in den Kaiserdom

Das Löwenportal ist der Hauptzugang in den Kaiserdom.

Beim Blick auf das „Löwenportal“, dem Hauptzugang in die Kirche, fallen die reich verzierten Säulen auf, aber auch zwei Löwen; der linke mit einem menschlichen Opfer, das er fest in seinen Pranken hält; der rechte mit einem Widder, den er scheinbar schützt oder „nur“ festhält. Der König der Tiere – hier ein Symbol für brutale Macht oder für empathische Fürsorge?

Beim Blick auf den „Jagdfries“, eine 1135 von Steinmetzen aus Oberitalien aus der Schule des Baumeisters Nikolaus von Verona gestaltete Bildfolge an der Außenseite des Kaiserdoms, die den Kampf der Jäger mit den Hasen zeigt, fällt besonders die Szene in der Mitte der Apsis auf:

Zwei Hasen, die grimmig blicken, fesseln den Jäger, der eben noch den erlegten Hasen am Stock davon trug.

Verdrehte Rollen? Wird der Jäger zum Gejagten, der Gejagte zum Jäger? Kann die Jagd nach Macht, Geld und Ruhm im Spannungsfeld von Himmel, Erde und Unterwelt überhaupt vom „gefesselten“ Menschen gewonnen werden? Gibt es Scheinsiege der starken Schwachen oder der schwachen Starken? Siegt am Ende der „Teufel“ in den Hasen oder der „Löwe von Juda“, Christus?

Es bleibt eine rätselhafte Symbolik, die jedoch die Phantasie beflügelt.

Der Jagdfries - Bildfolge an der Außenseite des Kaiserdoms

Der Jagdfries – Bildfolge an der Außenseite des Kaiserdoms

Zwei Hasen fesseln den Jäger

Zwei Hasen fesseln den Jäger – Szene in der Mitte der Apsis

Liegefiguren der Kaiserlichen Grablege im Kauserdom Königslutter

Liegefiguren der Kaiserlichen Grablege im Kaiserdom Königslutter

Beim Blick auf die „Kaiserliche Grablege“, die mit ihrer barocken Grab­platte aus dem Jahr 1708 bzw. mit ihren Liege­figuren an Kaiser Lothar III (gest. 1137), an seinen Schwieger­sohn Herzog Heinrich den Stolzen (gest. 1139) und an die Kaiser­gemahlin Richenza (gest. 1141) erinnert, fallen die Herr­schafts­zeichen wie Reichs­apfel, Zepter und Krone auf.

Und erinnern damit auch an die ehrgeizigen und unbedingten Macht­ansprüche einer vergangenen Zeit, in der es keine Demokratie oder Mensch­rechte gab, wohl aber viel Pionier­geist sowie einen von der Frömmig­keit geprägten Willen, Macht zu erhalten und zu vermehren, um sich im Brunnen der Geschichte zu verewigen, obwohl alles vergäng­lich und endlich ist und bleibt.

Kaisergemahlin Richenza auf einem Wandbild im Kaiserdom

Kaisergemahlin Richenza auf einem Wandbild im Kaiserdom in Königslutter

Kaiser-Lothar-Linde auf dem ehemaligen Klosterhof

Die Kaiser-Lothar-Linde auf dem ehemaligen Klosterhof

Klosterhof in Königslutter mit Kaiser-Lothar-Linde

Klosterhof in Königslutter mit Kaiser-Lothar-Linde

Beim Blick auf die „Kaiser-Lothar-Linde“, die auf dem Gelände des ehemaligen Kloster­hofes – heute des AWO Psychiatrie­zentrums – steht und ein geschätztes Alter von 800 bis 1000 Jahren hat – vielleicht auch von Kaiser Lothar bei der Grund­stein­legung der Kirche selbst gepflanzt worden ist – fallen der Stamm­umfang von fast 13 Metern sowie die Krone mit einem Durch­messer von 30 Metern auf.

Die Sommer­linde ist trotz des Alters „vital, kräftig im Wuchs und verzeichnet einen jähr­lichen Kronen­zuwachs“, wie der Land­kreis über das „einzig­artige Natur­denkmal“ schreibt.

Weckt dieser Lebens­baum nicht Ehr­furcht vor dem Alter, vor der Natur, vor dem Leben als Teil der Natur? Anlass zum Staunen und dem Schöpfer auf die Spur zu kommen?

Das Mahnmal „Weg der Besinnung“

Das Mahnmal „Weg der Besinnung“ im Berggarten westlich des Kaiserdoms

Beim Blick auf das Mahnmal „Weg der Besinnung“, das im Berg­garten westlich des Kaiser­doms zu sehen ist und im Jahr 2002 vom Königs­lutteraner Bild­hauer Günter Dittmann ge­schaf­fen wurde, fällt es dem aufmerk­samen Besucher wie Schuppen von den Augen: Das Mahn­mal soll nicht nur an die „Euthanasie“- Maß­nahmen während der NS-Diktatur erin­nern, bei den zwischen 1939 und 1945 mindestens 130.000 Kinder und Erwachsene ermordet wurden.

Es soll die Verantwortung wecken, nie wieder wegzuschauen oder mitzuwirken, wenn wie ab 1934 in den damaligen Neuerkeröder Anstalten und in der damaligen Landes-Heil- und Pfleganstalt Königslutter kranke Menschen umgebracht wurden: „Wir wollen hinschauen, wenn Unrecht geschieht und uns einmischen.“ Ein Appell an die Menschlichkeit und Würde, der eine bleibende Bedeutung behält.

Der Markt als Zentrum der Stadt Königslutter

Der Markt als Zentrum der Stadt Königslutter mit Häusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert

Fernab vom Trubel, von der Hektik und der Lautstärke kann man in Königslutter in viele „Brunnen“ schauen.

Manfred Gruner nennt u.a. noch das dreigeschossige „Leidenfrosthaus“ mit zweigeschossigem mittigen Erkern auf hohen Säulen dem Jahr 1674, den Markt als Zentrum der Stadt mit Häusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert oder die Pfarrkirche St. Sebastian und St. Fabian hinter den beiden Rathäusern.

Brunnen können verschüttet, vergessen, versteckt oder ignoriert werden. Wunderbare Brunnen jedoch, die viel zu erzählen wissen, sind nicht nur ideale Orte der Stille, Treff­punkte von Gemein­schaften, sondern auch sprudelnde Quellen, aus denen neue Erkennt­nisse und Ein­sichten sowie Erfahr­ungen geschöpft werden können. Und wer tief genug in die Tiefe eines solchen Brunnen blickt und geistig bohrt, kann sogar sich selbst, vielleicht auch neuen Lebens­sinn entdecken.

(veröffentlicht auch im Wolfenbütteler Schaufenster am 4.10.2020)

Das Rathaus am Markt in Königslutter

Das Rathaus am Markt im Zentrum der Stadt Königslutter

Gefährliche Quallen

Gefährliche Quallen

Moment mal

Gefährliche Quallen

Quallen am Strand

Im Meer tauchen plötz­lich Quallen auf. Manche sind harm­los, andere giftig. Viele ekeln sich vor diesen hirn­losen We­sen, sind acht­sam, um keine Bekannt­schaft mit ihnen zu machen. Vor­sorge ist ja auch besser als die Gesund­heit zu gefährden.

Im Meer des Lebens gibt es auch „glibbe­rige Schwim­mer“, die zwar gefähr­lich, aber transpa­rent und kontrollier­bar sind. Leider darüber hinaus „Quallen“, die unsicht­bar, jedoch an Leib und Seele schmerz­haft erfahr­bar sind, und sich schnell ver­mehren können.

Was tun? Ein Lachs antwortet: „Du übertreibst. Solche Quallen hat es schon immer gegeben.“ Ein Goldfisch erwi­dert: „Was nützt so ein Vergleich, wenn ich hier und jetzt vernichtet werde.“ Ein Haifisch meint: „Die Quallen sind doch harm­los, wenn man genau hin­sieht. Und die Zahl der Opfer ist in unserer Umge­bung erträglich.“ Eine Forelle wider­spricht: „Weil fast alle von uns diszipli­niert sind und Abstand von den Quallen halten, hat es noch keine Kata­strophe gegeben.“ Und ein Hecht sagt: „Zahlen sind mir zu abstrakt, das indivi­duelle Schick­sal ist mir wichtiger.“

Viele machen sich Gedanken über die Quallen. Viele wün­schen sich, nicht von Quallen getötet zu werden, beson­ders wenn sie vor­sichtig gewesen sind. Viele ahnen jedoch, dass auch sie selbst bei aller Umsicht töd­liches Opfer werden können. Und alle sehnen sich nach einem sicheren und fried­lichen, freien und glück­lichen Leben, ohne zu meinen, den anderen durch Selbst­gerechtig­keit fressen zu müssen oder sich von ihm durch Selbst­losig­keit fressen zu lassen.

Quallen haben kein Gehirn und können nicht zur Ver­ant­wor­tung gezogen werden, wohl aber „quallen­artige Menschen“, die das Gift der Unver­nunft ver­spritzen und sich selbst sowie unschul­dige Menschen gefährden.

Deshalb gilt für Menschen mit Gehirn und Herz: In den Stürmen des Lebens sind Bojen klugen Verhaltens, die im Recht verankert sind, lebens­wichtig. Ebenfalls ein innerer Kompass der indivi­duellen Würde, der die Eigen­verant­wortung und Rück­sicht­nahme stärkt. Auch unsich­tbare Quellen des Glaubens, die dem Leben aller dienen. Weil sie immer wieder für frisches Wasser zuver­sicht­lichen Grund­vertrauens – auch neuen Gott­vertrauens – sorgen. Und für verant­wortungs­volle Vernunft im Einsatz gegen Quallen. Sowie für Fische, die noch nicht geboren sind.

Burkhard Budde

(veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe am 26.92020)

Wait a minute

Dangerous jellyfish

Wasserspiel

Jellyfish suddenly appear in the sea. Some are harmless, others are poisonous. Many are disgusted by these brainless creatures, are careful not to make any acquaintance with them. Precaution is better than endangering one’s health.

In the sea of life there are also „slippery swimmers“, which are dangerous, but transparent and controllable. Unfortunately, there are also „jellyfish“ which are invisible, but painful to the body and soul, and can reproduce quickly.

What to do? A salmon answers: „You are exaggerating. Such jellyfish have always existed.“ A goldfish replies: „What good is such a comparison if I am destroyed here and now. A shark replies, „The jellyfish are harmless if you look closely. And the number of victims is bearable in our environment“. A trout contradicts: „Because almost all of us are disciplined and keep distance from the jellyfish, there has not yet been a catastrophe.“ And a pike says: „Numbers are too abstract for me, the individual fate is more important to me.“

Many people are concerned about the jellyfish. Many wish not to be killed by jellyfish, especially if they have been careful. Many suspect, however, that even they themselves can become a deadly victim, despite all caution. And all of them long for a safe and peaceful, free and happy life, without thinking that they have to eat the other person through self-righteousness or to let themselves be eaten by him through selflessness.

Jellyfish have no brains and cannot be held accountable, but they are „jellyfish-like people“ who spray the poison of irrationality and endanger themselves and innocent people.

Therefore the following applies to people with brains and hearts: In the storms of life, buoys of wise behavior anchored in law are vital. Also an inner compass of individual dignity that strengthens personal responsibility and consideration. Also invisible sources of faith, which serve the life of all. Because they always provide fresh water of confident basic trust – also new trust in God. And for responsible reason in the fight against jellyfish. And for fish that have not yet been born.

Burkhard Budde

(also published in the Westfalen-Blatt in East Westphalia and Lippe on 26.92020)

Kluge Appelle

Kluge Appelle

Moment mal

Kluge Appelle

Rote Kerze mit Flamme

Sind Appelle immer nur heiße Luft, zu allge­mein, zu unver­bindlich? Oder wie Süßholz­raspeln, um andere Menschen zu streicheln, vor allem zu gewin­nen? Aber ohne allzu großen Erfolg?!

Bei manchen Mit­menschen gehen selbst dringende Appelle ins eine Ohr hinein und wenig später durch das andere Ohr wieder heraus. Wie bei einer Stich­flamme gibt es beim Hören nur ein kurzes (Auf-)Flackern; dann ist alles wieder beim Alten.

Bei anderen Menschen entfachen flam­mende Appelle nur ein Stroh­feuer: Gefühle werden zwar bewegt, aber trotz der anfäng­lichen Begeiste­rung dringen sie nicht tief, weit und lang genug ins Bewusst­sein vor. Und können das eigene Denken nicht durch­dringen.

Auch ist es möglich, dass unver­bind­liche Appelle einen geistigen Schwel­brand verur­sachen, der glimmt, aber nicht zum Brennen kommt. Weil der Hörer kein Vert­rauen in den Appellie­renden hat. Es fehlt einfach genü­gend Sauer­stoff, Offen­heit und Glaub­würdig­keit. Und vielleicht existieren auch schlechte Erfah­rungen mit ähn­lichen Appellen oder ähn­lichen Appellie­renden.

Klar, wer seine Ohren mit Vor­urteilen zustopft, hört nichts. Und wer nur das hört, was er hören will, weil es ihn bestä­tigt, hört nichts Neues. Aber einmal ehrlich: Kann man nicht auch Appelle hören, die dem eigenen und fremden Leben dienen (könnten), die ein­leuchten, nach­voll­ziehbar und damit not­wendig sind?

Kluge Appelle an die Vernunft – den gesunden Menschen­verstand – und zugleich an das Gewissen – an das mensch­liche Herz – können Not wenden. Sie ent­zünden gleich­sam ein inneres Lager­feuer, das die Kälte einer Seele erwärmt, die Dunkel­heit des Geistes erleuch­tet und träge Füße des sozialen Mitein­anders bewegt.

Und die Liebes­erklärung Gottes „Jeder Mensch ist unend­lich geliebt“, die nicht täuschen oder über­rumpeln will, kann durch notwen­dige Appelle an die Mensch­lichkeit und unan­tast­bare Würde einen Flächen­brand auslösen – politische Verant­wortung sowie den Kampf um mehr Frei­heit und Gerechtig­keit.

Burkhard Budde

(auch veröffentlicht im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe am 19.9.2020)

Wait a minute

Clever appeals

Gelbe Kerze mit Flamme

Are appeals always just hot air, too general, too non-binding? Or like sweet talk to caress other people, especially to win? But without too much success?!

In some people, even urgent appeals go in one ear and out the other a little later. As with a tongue-in-cheek flame, there is only a brief (up-)flickering when listening; then everything is as it was before.

In other people, flaming appeals only ignite a straw fire: feelings are moved, but despite the initial enthusiasm, they do not penetrate deep, far and long enough into consciousness. And cannot penetrate their own thinking.

It is also possible that noncommittal appeals cause a mental smouldering fire that smoulders but does not burn. Because the listener has no confidence in the person making the appeal. They simply lack sufficient oxygen, openness and credibility. And perhaps there are also bad experiences with similar appeals or similar appellers.

Of course, if you plug your ears with prejudices, you won’t hear anything. And those who only hear what they want to hear because it confirms them, hear nothing new. But let’s be honest: Can’t we also hear appeals that (could) serve our own and other people’s lives, that are plausible, comprehensible and therefore necessary?

Clever appeals to reason – to common sense – and at the same time to conscience – to the human heart – can turn trouble around. They ignite, as it were, an inner campfire that warms the coldness of a soul, illuminates the darkness of the spirit and moves sluggish feet of social togetherness.

And God’s declaration of love „Every human being is infinitely loved“, which does not want to deceive or take people by surprise, can trigger a conflagration through necessary appeals to humanity and inviolable dignity – political responsibility as well as the fight for more freedom and justice.

Burkhard Budde

(also published in the Westfalen-Blatt in East Westphalia and Lippe on 19.9.2020)

Bewegendes Spiel

Bewegendes Spiel

Kunstwerk von Marion Dollenberg, Wolfenbüttel

Kunstwerk von Marion Dollenberg, Wolfenbüttel

Moment mal

Bewegendes Spiel

Nur ein Spiel unter­schied­licher Haltungen? Ein Garten­zwerg – der nur gute oder schlechte Mit­spieler kennt, lebt in einer schein­bar heilen Welt. Rumpel­stilzchen – will unerkannt bleiben, aber nichts einge­stehen, verstehen und wissen. Herkules – der als helden­hafter Spiel­macher auf der Bühne erscheint, fordert zwar mehr Brot für alle, denkt aber nur an sein eigenes gefülltes Wein­glas. Eine Prima­donna – die unbedingt die Haupt­rolle haben will, spricht hinter den Kulissen verächt­lich über andere.

Verwundert fragt sich ein Zuschauer: Ist das nicht alles ein mieses Spiel?

Im wirklichen Leben, das mehr als Spielerei ist, gibt es zum Glück auch Mit­spieler, die über den Garten­zaun hinaus blicken können, die ihren Namen nicht ver­heim­lichen und Gesicht zeigen, die ver­suchen glaub­würdig zu sein.

Es gibt im Spiel des Lebens die Chance auf eine gemein­same Kultur:

  • Höflichkeit als Visitenkarte gehört dazu, damit eine Begeg­nung gelingt.
  • Freundlichkeit als Kitt, damit Wer­tschätzung erlebbar ist.
  • Gesprächsbereitschaft als Brücke, damit eine Beziehung erfahrbar ist.
  • Bereitschaft zur Empathie als Türöffner, damit Verstehen möglich wird.
  • Bereitschaft zur Fairness als Wegweiser, damit Wege zur Wahrheit gesucht werden.
  • Bereitschaft zur Verant­wortung als Schlüssel, damit der Raum zur Verstän­digung aufge­schlossen wird.
In diesem spannenden Spiel, in dem jeder Spieler mal Gewinner mal Verlierer sein kann, werden alle gebraucht, sind alle auf­einander ange­wiesen und alle mit­einander unter­wegs.

Und bequeme Schwarzweiß­malerei, lieb­gewor­denes Schub­fach­denken und denk­faule Gewohn­heiten können leichter über­wunden werden, wenn sich alle ihrer Geschöpf­lich­keit, Fehler­haftig­keit, Ver­letzlich­keit und End­lich­keit bewusst bleiben.

Die Energie des christlichen Glaubens kann Haltungen ver­ändern: Wer frei­willig vor dem leben­digen Gott auf die Knie geht, wird von seinem Geist der Liebe aufger­ichtet. Und kann vor Menschen aufrecht gehen – auf Augen­höhe, mit Rück­grat und mit dem Rücken­wind der liebenden Vernunft.

Burkhard Budde

(veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe am 12.9.2020)

Wait a minute

Moving game

Just a game of different attitudes? A garden gnome – who only knows good or bad players – lives in a seemingly intact world. Rumpelstiltskin – wants to remain unrecognized, but wants to admit, understand and know nothing. Hercules – who appears on stage as a heroic playmaker, demands more bread for everyone, but thinks only of his own filled wine glass. A prima donna – who absolutely wants to have the leading role, talks contemptuously about others behind the scenes.

In astonishment a spectator asks himself: Isn’t all this a lousy game?

In real life, which is more than just a game, there are fortunately also players who can look beyond the garden fence, who do not hide their name and show their face, who try to be credible.

In the game of life there is the chance of a common culture:

  • Politeness as a business card is part of it, so that an encounter is successful.
  • Friendliness as putty, so that appreciation can be experienced.
  • Willingness to talk as a bridge, so that a relationship can be experienced.
  • Willingness to empathy as a door opener, so that understanding becomes possible.
  • Readiness for fairness as a signpost, so that ways to the truth are sought.
  • Readiness for responsibility as a key, so that the space for understanding is opened up.

In this exciting game, in which every player can be a winner or a loser, everyone is needed, everyone depends on each other and everyone travels together.

And comfortable black-and-white painting, cherished drawer thinking and lazy habits can be overcome more easily if everyone remains aware of their creatureliness, flawedness, vulnerability and finiteness.

The energy of Christian faith can change attitudes: Whoever voluntarily kneels before the living God is lifted up by his Spirit of Love. And can walk upright before people – at eye level, with backbone and with the tailwind of loving reason. 

Burkhard Budde

(also published in the Westfalen-Blatt in East Westphalia and Lippe on 12.9.2020)