Vergebung auf Augenhöhe III

Vergebung auf Augenhöhe III

Moment mal

Vergebung auf Augenhöhe III

Verkehrsschild und Regenbogen

Der Praxistest steht immer bevor. „Ich bin ver­gebungs­bereit“, sagt eine Person. Aber was heißt das konkret? Löst sich diese positive Grund­haltung im Konflikt­fall auf – wie eine schöne Brause­tablette im Wasser?

Wie bei einer Person mit zornig blickenden Augen, die sich als „Opfer“ fühlt und den „Täter“ beleidigt und schlecht­macht. Oder die mit zuge­kniffenen Augen wahllos und un­differenziert alles – auch Un­appetit­liches – in einen Topf wirft. Und plötzlich alte Kamellen aufs Butter­brot schmiert, die in keinem Zu­sammen­hang mit der aktuellen Situation stehen. Oder die allen – auch sich selbst – Sand in die Augen streut, weil (Selbst-)Täuschungen wohl „Ent­täuschungen“ erträglicher machen. Oder die den Stachel im Auge des Anderen „glasklar“ sieht, aber den Dorn im eigenen Auge „geflis­sentlich“ übersieht. Oder die mit offenen Augen lächelt, aber eiskalt nach­trägt und dadurch die eigene Seele ver­giftet – obwohl man „natürlich“ ver­gebungs­bereit ist.

Leider gibt es kein Rezept­buch der Vergebung für alle Fälle. Auch Alles­wisser und Alles­versteher können keine einfache Lösung in einem konkreten Konflikt aus dem Hut zaubern.

Wohl aber scheint Jesus mit seiner Botschaft von der Verge­bung in einem wichtigen Punkt Recht zu haben: Wer in der Gewiss­heit lebt, dass der liebende Schöpfer bedingungs­lose Neu­anfänge schenkt, kann auch sich selbst und seinen Mit­geschöpfen leichter Neu­anfänge ermöglichen – trotz oder gerade wegen aller Unzu­länglich­keit, Fehler­haftig­keit und Vor­läufig­keit.

Vielleicht auf dem Weg mit mehr Empathie, um Gefühle, Absichten und die konkrete Situation besser verstehen zu können, ohne gleich ins Wort zu fallen, zu beur­teilen oder zu verur­teilen. Damit begrün­detes Vertrauen wieder wachsen kann.

Um sich dann auf Augen­höhe – mit gegen­seitiger Wert­schätzung, Fairness und Wahr­haftig­keit – wieder in die Augen zu sehen. Damit mit empathischer und zugleich argumen­tativer Klarheit im Kontext gespro­chen werden kann – mit dem Versuch einer gemein­samen Lösung bzw. eines nach­haltigen Kompro­misses.

Auf jeden Fall – so Jesus – lädt der Schöpfer, der seine Geschöpfe mit liebenden Augen sieht und ihnen Freiheit sowie Verant­wortung zutraut, zum Fest gemein­samen Lebens ein.

Burkhard Budde

(Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt am 17.10.2020 in Ostwestfalen und Lippe)

Wait a minute

Forgiveness at eye level III

Wassersprenger im Garten

The practical test is always imminent. „I am ready to forgive,“ says one person. But what does that mean in concrete terms? Does this positive basic attitude dissolve in case of conflict – like a nice effervescent tablet in water?

Like a person with angry eyes who feels like a „victim“ and insults and bad-mouths the „perpetrator“. Or who, with her eyes closed, randomly and undifferentiatedly lumps together everything – even the unappetizing – in one pot. And suddenly old slats are smeared on the bread and butter that have no connection to the current situation. Or which throws sand into the eyes of everyone – including oneself – because (self-)deception probably makes „disappointments“ more bearable. Or who sees the sting in the other person’s eye „crystal clear“, but „deliberately“ overlooks the thorn in her own eye. Or who smiles with open eyes, but bears it coldly and thereby poisons one’s own soul – although one is „naturally“ ready to forgive.

Unfortunately there is no recipe book of forgiveness for all cases. Even omniscientists and omniscientists cannot conjure a simple solution out of a hat in a concrete conflict.

However, Jesus seems to be right in one important point with his message of forgiveness: The one who lives in the certainty that the loving Creator gives unconditional new beginnings can also make new beginnings easier for himself and his fellow creatures – despite or even because of all inadequacy, faultiness and temporaryity.

Perhaps on the way with more empathy, in order to better understand feelings, intentions and the concrete situation, without immediately speaking out, judging or condemning. So that justified trust can grow again.

In order to then look each other in the eye again at eye level – with mutual appreciation, fairness and truthfulness. To be able to speak with empathic and at the same time argumentative clarity in context – with the attempt to find a common solution or a sustainable compromise.

In any case – according to Jesus – the Creator, who sees his creatures with loving eyes and entrusts them with freedom and responsibility, invites us to a celebration of life together.

Burkhard Budde

(Published also on 17.10.2020 in the Westfalen-Blatt in East Westphalia and Lippe)

Liebenburg – Ort mit Fingerzeig

Liebenburg – Ort mit Fingerzeig

Land und Leute

Liebenburg – Ort mit Fingerzeig

Von Burkhard Budde

Liebenburg - Blick vom Burgberg

Liebenburg – Blick vom Burgberg

Im Harzvorland zwischen Goslar und Salz­gitter sowie in der Nähe von Wolfen­büttel gibt es einen kleinen beschau­lichen Ort, der jedoch Nieder­sachsen­geschichte ge­schrie­ben hat. Die Rede ist von der Gemeinde Lieben­burg mit einem Schloss, das der Fürst­bischof Clemens August von Hildes­heim (1700 bis 1761) ab 1754 als barockes Jagd- und Som­mer­schloss errichten ließ und zu dem eine Barock­kirche gehört.

Zuvor stand auf dem Burg­berg die „Lewen­burg“, die der Bischof Siegfried der II von Hildes­heim 1292 bauen ließ, um sein Bistum gegen die Herzöge von Braun­schweig und Wolfen­büttel zu schützen.

Die damals stärkste Burg im Harz­vorland erlebte verschie­dene Herr­schaften – neben den Hildes­heimer Bischöfen den Herzog Heinrich den Jüngeren von Braun­schweig-Wolfen­büttel, der auf der Burg seine Geliebte Eva von Trott in den Jahren 1541 bis 1542 ver­steckte, aber auch im Dreißig­jährigen Krieg die Feld­herren Wallen­stein und Tilly, die die Burg längere Zeit als Haupt­quartier nutzten.

Gegen Ende des 17. Jahr­hunderts zerfiel die Burg­anlage immer mehr; heute sind noch drei ehemalige Wehr­türme zu sehen sowie einige Burg­mauern und ein alter Burggang.

Hausmannsturm - Aussichtsturm im Harzvorland

Hausmannsturm – Aussichtsturm im Harzvorland

In der Schlosskirche Liebenburg

In der Schlosskirche Liebenburg

Als einer der schönsten Aussichts­türme des nördlichen Harz­vor­landes gilt der Haus­manns­turm mit Blick auf den Brocken.

Auch wegen der Schloss­kirche lohnt sich ein Besuch Lieben­burgs. Der Barock­maler Joseph Gregor Wink, 1710 in Deggen­dorf in Nieder­bayern geboren und 1781 in Hildesheim gestorben, hat die Schlosskapelle 1758 mit Fresken – u.a. Episoden aus dem Leben des Heili­gen Clemens, der von 88 bis 97 nach Christi Papst von Rom war – so plastisch und präzise sowie farben­prächtig und leiden­schaft­lich glühend gestaltet, dass sie zum Staunen Anlass gibt. Es existiert wohl kein weiterer Fresken­maler dieser Qualität in der nord­deutschen Kunst­szene des 18. Jahr­hunderts.

Die Schlosskirche „Mariä Ver­kündi­gung“ ist heute zu­gleich katho­lische Pfarr­kirche, wird litur­gisch genutzt und atmet wie im 18. Jahr­hun­dert die beson­dere Nähe des Himmels auf Erden.

Fresko-Detail in der Schlosskirche Liebenburg

Fresko-Detail in der Schlosskirche Liebenburg

Eine weitere Rarität im erlebbar spirituellen Kontext sind die Werke des Malers und Grafikers Gerd Winner, der 1974 das Schloss Liebenburg als Wohn- und Künstler­haus erworben hat, nachdem es 17 Jahre lang leer gestanden hatte. Als Gerichts­gebäude mit Gefängnis­zellen diente das Schloss bis zur Mitte des 20. Jahr­hunderts. Nun wirkt der Ehren­bürger von Liebenburg in Liebenburg und darüber hinaus.

Seine Biografie – er ist Zeitzeuge des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges in Europa – erzählt spannende Geschichten.

Er gehört mit seinen viel­fältigen Werken bereits zur Kunst­geschichte u.a. mit seinen Grafikzyklen „London Transport“. „London Docks“, „Roadmarks“, „New York Times Square“.

Aber auch – gemein­sam mit seiner 1998 verstor­benen Frau Ingema Reuter – mit dem „Haus der Stille“ als begeh­baren Raum zur Medi­tation und Reflexion auf dem Gelände des ehema­ligen Konzen­trations­lagers Bergen-Belsen 1997; das „Haus der Stille“ wurde im Jahr 2000 zur Welt­ausstellung übergeben.

Gerd Winner - Maler und Grafiker

Gerd Winner – Maler, Grafiker und Schlossherr

In Braunschweig – hier 1936 geboren und zur Schule gegangen, besonders geprägt durch die Zerstörung der Heimat­stadt 1944 – fand er in seinem Kunst­lehrer Gottlieb Mordmüller ein Vorbild sowie einen Förderer.

Von 1956 bis 1962 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin bei Prof. Werner Volkert, wo er „hautnah“ den Kalten Krieg erlebte; anschließend war er freier Maler und Graphiker.

In London lernte er die Sieb­druck­technik kennen; während eines Arbeits­aufenthaltes entstanden hier die Sieb­druck­serien bzw. die Grafik­zyklen.

In der Stadt Heinrichs des Löwen, wo ein Atelier für Sieb­druck aufgebaut wurde, begann die Zusam­men­arbeit mit dem Sieb­drucker Hajo Schulpius.

1972 erhielt Winner einen Lehr­auftrag an der Münchner Kunst­akademie; 1975 einen Ruf als Professor für Malerei und Graphik. 1974 hatte er das Schloss Liebenburg vom Land Nieder­sachsen erworben, um eine Sieb­druckwerk­statt sowie sein Atelier aufzu­bauen.

Das Pendeln zwischen seinen Arbeits­plätzen in Berlin und London sowie die Fahrten durch den „Korridor“ von Berlin in den Westen war auch wegen der Schikanen der DDR-Grenz­behörden immer schwieriger geworden.

Gerd Winner vor seinem Schloss

Künstler Gerd Winner vor seinem Schloss

Die Liebenburg wurde für ihn ein „Ruhe­pol“ bzw. eine „Flucht­burg“ und die Lieben­burger Natur „Inspirations­quelle“, wenn er mehrere Wochen in New York gear­beitet hatte, und eine beson­dere „Wirkstätte“ gemeinsam mit dem Sieb­drucker, wenn in München die vorlesungs­freie Zeit begonnen hatte, obwohl der Künstler auf die Metropolen als „geistige Quellen für Kreativität“ nicht verzichten möchte.

Vor allem jedoch, so Gerd Winner im Gespräch, sei Religion eine „perma­nente Urkraft“ – wich­tig für sein Wirken. Auch stehen Martina Winner, mit der er seit 1999 verheiratet ist sowie der Sohn Marian Maximilian, in der geschichts­orientierten, künstler­ischen und spirituellen Tradition des anerkannten Künstlers.

Die Stahl­skulpturen Winners, die seit 2009 im Schloss­park zu sehen sind, haben ihre Basis – ohne Sockel – direkt in der Natur. Und frisches, wachsen­des Gras wird als Zeichen neuen Lebens sichtbar; das Material schafft die Ver­bin­dung zur Arbeits­welt. Vor allem jedoch sind es die nach oben gerichtete „Pfeile“, die als Symbol der Aufer­stehung verstanden werden können.

Gerd Winner - Pfeilskulpturen

Gerd Winner – Pfeilskulpturen als Symbol der Auferstehung

Oder eine kreis­förmige Boden­skulptur, die ein vier­teiliges Laby­rinth zeigt, kann auf die vier Lebens­phasen sowie auf die vier Evangelien, auf den „existen­tiellen Weg zu Gott“ (Winner) hinweisen. Darüber hinaus stehen die Skulpturen im Zusammen­hang mit der inter­nationalen Straße des Friedens von Paris nach Moskau und haben damit auch eine über­regionale Bedeutung.

Oder in der stählernen „Himmels­scheibe“ am Hang des Parks – der auf­gehen­den Sonne entgegen­gerichtet – durch­dringen sich in abstrakter Form Alpha und Omega, Zeichen von Anfang und Ende, so Winner, aber wohl auch von ewigem Leben, eine Hoffnung auf Neu­anfänge ohne Ende – durch Gott und zu ihm hin.

Labyrinth von Gerd Winner
Labyrinth – kreisförmige Boden­skulptur von Gerd Winner

Und seine Zeichnungen? In mehr­schichtigen Reflektionen und Durch­dringungen, erläutert Gerd Winner, verschmelzen die persönlichen Eindrücke und Erlebnisse mit den Folgen des Leidens. Und „in der Summe richten sich meine Anfragen zur Passion der Menschen direkt und indirekt an die Passion Christi“, gibt der Künstler zu bedenken.

Winner-Kunst mit religiösen Perspektiven gibt an vielen Orten – in Braunschweig (z.B. in den Dominikaner Kirchen St. Albertus Magnus), Salzgitter-Bad („Jakobsleiter“, „Schwerter zu Pflugscharen“), Wolfenbüttel („Turm der Technik“) und darüber hinaus.

Gerd Winner und Burkhard Budde

Gerd Winner und Burkhard Budde vor dem Bild „Christuskopf“

Im Jahr 2002 gestaltete Gerd Winner den „Christuskopf“ an der Stirn­seite des Alten­pflege­heimes Bethanien in Braun­schweig. „Wir haben vorher darüber gesprochen“, erinnert sich der Künstler im Gespräch mit dem Verfasser dieses Artikels, der ihn damals mit dem Vorstand in Lieben­burg besucht hatte.

Es sollte kein abstraktes Kunstwerk entstehen, sondern eines, das die Menschen mitnimmt, dass sie neu und persönlich anrührt, menschlich zu bleiben und in Bewegung versetzt. Damit in dem Haus der Diakonie christliche Nächsten­liebe erfahrbar bleibt, mutige Schritt­macher der Liebe gestärkt werden sowie Spuren des Göttlichen und letzte Geborgen­heit entdeckt werden können.

Winners verstorbene Frau Ingema Reuter hatte einen Entwurf des Christuskopfes angefertigt. Und Gerd Winner hat das Kunstwerk „posthum“ technisch, aber auch als „geistliches Programm“ vollendet.

Doch die Fragen an den Schmerzensmann, der mit seinem Geist der schöpferischen Liebe neues Vertrauen und Hoff­nung schenken möchte, bleiben. Und der Betrachter muss die Botschaft angesichts von Konflikten und anderen He­raus­forderungen immer wieder neu ent­schlüsseln. Und der Künstler kann mit seiner Kunst dabei helfen – ohne pä­dago­gischen Zeige­finger, wohl aber mit spirituellem Finger­zeig.

(Veröffentlicht auch im Wolfen­bütteler Schau­fenster am 18.10.2020)
Provozierender Neuanfang II

Provozierender Neuanfang II

Moment mal

Provozierender Neuanfang II

Pinkfarbige Rosenblüte hinter Knospen

Fesselt der Neid? Verhindert der Tunnelblick Neuanfänge?

Der ältere Sohn ist stink­sauer auf seinen Vater. Für seinen jüngeren Bruder, der aus der Ferne zurück­gekehrt ist, wo er sein Erbe „mit Dirnen“ ver­prasst hat, wird zum Dank noch ein Fest aus­gerichtet. (Etwa) mitfeiern? Nein, danke!

Der Vater ergreift – wie beim jüngeren Sohn – wieder die Initiative und versucht auch seinen älteren Sohn zum Mitfeiern zu über­zeugen. Er erntet aber nur schwere Vor­würfe: Die Feier sei ungerecht. Für ihn, der seinem Vater viele Jahre lang gedient und auf ihn gehört habe, habe es nie eine Feier gegeben.

Wieder – wie beim jüngeren Sohn – reagiert der Vater über­raschend: Er verurteilt auch ihn nicht, hält ihm keine Moral­predigt, redet ihm nicht ins Gewissen. Er lädt ihn viel­mehr zum Nach­denken und Weiter­denken ein, ja zum spontanen Weit-Genug-Denken: „Du bist allezeit bei mir. Alles, was mein ist, ist dein.“

Und in der Tat: Wer in einer guten Gemein­schaft lebt, hat Halt, findet Sinn und kann gerade deshalb beweglich sein, sogar sich mitfreuen, mitfeiern. Wenn der verlorene Bruder wieder­gefunden worden ist, vor allem noch lebt, wieder auflebt.

Was für ein Vater. Er befreit beide Söhne von ihren Fesseln – der Bindungs­unfähigkeit („ Jüngerer Sohn“) und der Unbeweg­lichkeit („Älterer Sohn“).

Und dieser Vater erinnert an Jesus selbst, der diese Geschichte erzählt, der Tischgemeinschaft mit Zöllnern und „Sündern“ hatte und deshalb von den frommen Gut­menschen der damaligen Zeit heftig kritisiert wurde.

Und diese Botschaft ermutigt, die vielen Fesseln wie Neid und Angst, aber auch Verletzungen und „Ungerech­tigkeiten“ zu sprengen, indem an die bedingungs­lose Liebe geglaubt wird, die die Freiheit wirklich frei macht und nur Neu­anfänge kennt.

Burkhard Budde

(auch veröffentlicht im Westfalen-Blatt am 10.10.2020 in Ostwestfalen und Lippe)

Wait a minute

Provocative New Beginning II

Glaskreuz in Kirchenkuppel, Balkenunterseite orange

Does envy captivate? Does tunnel vision prevent new beginnings?

The older son is furious with his father. In gratitude for his younger brother, who has returned from afar, where he has squandered his inheritance „with prostitutes,“ another celebration is held. Celebrate with them? No, thanks!

The father takes the initiative again – as with the younger son – and tries to convince his older son to join in the celebration. However, he only receives serious reproaches: the celebration is unjust. For him, who had served his father for many years and listened to him, there had never been a celebration.

Again – as with the younger son – the father reacts surprisingly: He does not condemn him either, does not preach morality to him, does not talk into his conscience. Rather, he invites him to reflect and think further, yes, to spontaneously think far enough: „You are with me always. Everything that is mine is yours.“

And indeed: Whoever lives in a good community has stability, finds meaning, and precisely for this reason can be mobile, even join in the joy, celebrate. When the lost brother has been found again, above all still lives, revives.

What a father. He frees both sons from their fetters – the inability to bind („Younger Son“) and immobility („Elder Son“).

And this father reminds us of Jesus himself, who tells this story, who had table fellowship with publicans and „sinners“ and was therefore severely criticized by the pious do-gooders of the time.

And this message encourages to break the many fetters like envy and fear, but also injuries and „injustices“ by believing in unconditional love, which really makes freedom free and only knows new beginnings.

Burkhard Budde

(also published in the Westfalen-Blatt on 10.10.2020 in Ostwestfalen and Lippe)

Ja, Dankbarkeit!

Ja, Dankbarkeit!

Artikel in DIE WELT

Ja, Dankbarkeit!

Von Burkhard Budde

Glaskreuz in Kirchenkuppel, Balkenunterseite lila

Dankbarkeit ist eine kostbare Mangelware, die leider häufig in Nischen der Kommunikation versteckt wird.

Sie ist kein kostenloser Luxus, der einfach ins Schaufenster einer Begegnung gestellt wird. Sie sollte nicht als kostspielige Gegenleistung in einer Beziehung angesehen werden, berechnend oder kalkulierend sein.

Als Echo des Herzens erinnert sie vielmehr an persönlich Wichtiges und sozial Bedeutsames und vergisst nicht das wahrhaft Gute und Richtige, das Nötige und Mögliche, das alle immer wieder im Leben als Gabe und Aufgabe empfangen.

Im Schlaraffenland gibt es Zauberwörter, aber keine Ernte. Im Land der fleißigen und tüchtigen Menschen wird gearbeitet, gesät sowie geerntet. Doch Wachstum und Gedeihen, das Überraschende und Nochkommende in der einmaligen Lebenszeit – viele Früchte des Lebens – sind nicht einfach machbar und vermehrbar, sondern nur als Geschenk dankbar annehmbar.

In Dankbarkeit der Autorin gegenüber, aber auch dem Geber aller guten Gaben – dem Schöpfer allen Lebens, der das Herz beschenkt und den Kopf sowie Hände bewegt.

Burkhard Budde

(Leserbrief, gekürzt erschienen in DIE WELT am 9.10. 2010 bezogen auf den Kommentar „Dankbarkeit ist ein großes Gefühl“ von Andrea Seibel am 5. 10. 2010)

Überraschender Neuanfang I

Überraschender Neuanfang I

Moment mal

Überraschender Neuanfang I

Rote Kerze mit Flamme

Soll man (etwa) Dummheiten oder Ungerechtig­keiten vergeben? Größen­wahn oder Minder­wertigkeits­gefühle (einfach) verzeihen?

Eine neue Spur zeigt das Ver­halten eines Vaters auf, der seinen beiden Söhnen, die glück­lich sein wollen, ver­traut und ihnen ohne Wenn und Aber die Freiheit über ihr eigenes Leben schenkt. Der jüngere Sohn sucht sein Glück durch einen maß­losen Ego­trip in der Ferne, der ältere durch einen ängst­lichen Anpassungs­trip in der Nähe des Vaters.

Die Rede ist von der Geschichte vom „Guten Vater und seinen beiden Söhnen“, die Jesus erzählt hat und die im Lukas­evangelium überliefert ist.

Der jüngere Sohn, der in der Ferne offenbar „Mist“ gebaut hat, erinnert sich an seinen „guten Vater“ und kehrt „reu­mütig“ zu ihm zurück. Als ihn sein Vater aus der Ferne sieht, läuft er ihm – in der damaligen Zeit eigent­lich „unter der Würde“ eines Vaters – entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. Dann – nachdem sein Sohn sein Anliegen vorge­tragen hat, nämlich nur ein normaler Mit­arbeiter seines Vaters sein zu wollen – lässt der Vater ein Fest feiern. Und der Sohn erhält noch ein Fest­gewand („Ehrengast“!), einen Ring („Vollmacht“!) und Schuhe („Freier Mann“!). Denn, so begründet der Vater sein Verhalten, sein „verlorener Sohn“ sei tot gewesen, wieder­gefunden und wieder lebendig geworden.

Was für eine Überraschung! Der Vater verstößt seinen Sohn nicht, rechnet nicht mit ihm ab, hält ihm keine Stand­pauke. Und stellt ihm auch keine Bedingungen. Er würdigt vielmehr seine frei­willige Rückkehr – weil er sich an ihn erinnert hat, ihm vertraut und zu ihm zurück­gekehrt ist.

Die bedingungs­lose Annahme des Vaters ist das Ende der Flucht des Sohnes vor der Gemein­schaft mit dem Vater. Und der Anfang der Frucht, sich von den Fesseln der Bindungs­unfähigkeit zu befreien, seine neu gewonnene Freiheit in Verant­wortung vor dem Vater wahrzu­nehmen, der ihm einen Neu­anfang schenkt.

Ob dieses Beispiel ver­feindeten, ver­letzten oder von­einander ent­fremdeten Menschen hilft, einander zu vergeben oder zu verzeihen?

Vielleicht warten wir zunächst die Reaktion des älteren Sohnes ab, über die das nächste „Moment mal“ berichtet.

Burkhard Budde

(Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt am 03.10.2020 in Ostwestfalen und Lippe.)

Wait a minute

Surprising new beginning I

Gelbe Kerze mit Flamme

Should one (perhaps) forgive stupidities or injustices? Forgive megalomania or feelings of inferiority (simply)?

A new trace shows the behavior of a father who trusts his two sons, who want to be happy, and gives them freedom over their own lives without any ifs and buts. The younger son seeks his happiness through an excessive ego trip in the distance, the older one through an anxious adaptation trip near the father.

We are talking about the story of the „Good Father and his two sons“, which Jesus told and which is handed down in the Gospel of Luke.

The younger son, who has obviously „messed up“ in the distance, remembers his „good father“ and returns to him „repentant“. When his father sees him from a distance, he runs toward him – in those days actually „beneath the dignity“ of a father – falls around his neck and kisses him. Then – after his son has expressed his wish to be just a normal employee of his father – the father has a party celebrated. And the son receives a festive garment („guest of honor“!), a ring („power of attorney“!), and shoes („free man“!). For, so the father justifies his behavior, his „prodigal son“ had been dead, found again and come back to life.

What a surprise! The father does not repudiate his son, does not settle accounts with him, does not give him a lecture. Nor does he impose any conditions on him. He rather appreciates his voluntary return – because he remembered him, trusted him and returned to him.

The unconditional acceptance of the father is the end of the son’s flight from communion with the father. And the beginning of the fruit of freeing himself from the fetters of bondage, of exercising his newly won freedom in responsibility before the Father, who gives him a new beginning.

Will this example help people who are enemies, injured or alienated from one another to forgive or forgive each other?

Perhaps we will first wait for the reaction of the older son, which the next „Moment mal“ will report about.

Burkhard Budde

(Published also in the Westfalen-Blatt on 03.10.2020 in East Westphalia and Lippe.)