Auf ein Wort
Sprechender Fels in historischer Brandung
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Sprechender Fels in historischer Brandung
Steine können anfangen zu sprechen: „Erinnert euch!“. Kriegsgräber sind mehr als historische Zeugnisse. Sie erzählen von unsäglichem Leid und oft sinnlosem Sterben – jedes Grab erinnert an einen Menschen mit seinen Hoffnungen und Ängsten, mit seiner ganz persönlichen Geschichte. Und an das Unsagbare und Unerklärbare, wenn Namen fehlen.
Alle Steine fragen inständig: „Warum? Wozu? Der blinde Hass, die brutale Gewalt, der unbarmherziger Terror? Der fanatische Größenwahn und die herrschsüchtige Machtgier? Die heuchlerische Selbstgerechtigkeit und ideologische Verblendung?“
Die vielen Opfer der beiden Weltkriege und der Gewaltherrschaft der Nazis sowie der Menschen, die durch Flucht und Vertreibung ihr Leben und ihre Heimat verloren haben mahnen die Überlebenden: „Setzt euch für Verständigung und Versöhnung über den Gräbern hinweg ein, damit ein wehrhafter und dauerhafter Frieden in Freiheit und Sicherheit möglich wird.“
Beseelt von den verschiedenen Stimmen kann auch die traurige, aber hörende Seele zu den Steinen sprechen und sich in die Verantwortung rufen lassen: „Danke für das notwendige Erinnern, die Anfragen und Mahnungen. Frieden und Demokratie sind nicht selbstverständlich. Nicht alle haben aus diesen Katastrophen gelernt.“
Jeder Einzelne kann sich jedoch für die angeborene und unteilbare Menschenwürde und ein gewaltfreies Leben einsetzen. Indem er als historisch aufgeklärter und mündiger Bürger zum Beispiel den verantwortlichen Politikern, die aus der Geschichte gelernt haben, den Rücken stärkt, wenn sie als Freunde der Freiheit und des Friedens einem imperialistischen Aggressor geschlossen die rote Karte zeigen und den angegriffenen und überfallenen Staat konsequent unterstützen. Nicht naives Wunschdenken oder schöne Zuckerwatte helfen bei der Suche nach einem stabilen Frieden, sondern nur eine glaubwürdige Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeit sowie der militärischer Schutz der Angegriffenen, zu denen auch die Zivilbevölkerung gehört.
Der Volkstrauertag ist wie ein sprechender Fels in der historischen und aktuellen Brandung gewaltsamer Konflikte: Erstmals begangen wurde er 1925. Missbraucht worden ist er als „Heldengedenktag“ im Blick auf die Toten des Ersten Weltkrieges 1934 von den Nazis; neu ausgerichtet als „antifaschistischer Gedenktag“ nach 1945 von der SED. Als „Gedenktag des Staates“ wurde er im Westen immer wieder neu geprägt. Bis heute geht es nicht um „verklärende Traditionen“ oder verdrängte und schweigende Steine auf den Gräbern, sondern um ein Totengedenken in Würde, um die Stimmen der sprechenden Steine nicht zu überhören, ihnen neuen Sinn zu geben. Und sich bewegen zu lassen, sich für Frieden und Freiheit, Selbstbestimmung und Souveränität sowie territoriale Integrität in Deutschland, in Europa und weltweit einzusetzen.
Burkhard Budde