Moment mal

Vergebung auf Augenhöhe III

Verkehrsschild und Regenbogen

Der Praxistest steht immer bevor. „Ich bin ver­gebungs­bereit“, sagt eine Person. Aber was heißt das konkret? Löst sich diese positive Grund­haltung im Konflikt­fall auf – wie eine schöne Brause­tablette im Wasser?

Wie bei einer Person mit zornig blickenden Augen, die sich als „Opfer“ fühlt und den „Täter“ beleidigt und schlecht­macht. Oder die mit zuge­kniffenen Augen wahllos und un­differenziert alles – auch Un­appetit­liches – in einen Topf wirft. Und plötzlich alte Kamellen aufs Butter­brot schmiert, die in keinem Zu­sammen­hang mit der aktuellen Situation stehen. Oder die allen – auch sich selbst – Sand in die Augen streut, weil (Selbst-)Täuschungen wohl „Ent­täuschungen“ erträglicher machen. Oder die den Stachel im Auge des Anderen „glasklar“ sieht, aber den Dorn im eigenen Auge „geflis­sentlich“ übersieht. Oder die mit offenen Augen lächelt, aber eiskalt nach­trägt und dadurch die eigene Seele ver­giftet – obwohl man „natürlich“ ver­gebungs­bereit ist.

Leider gibt es kein Rezept­buch der Vergebung für alle Fälle. Auch Alles­wisser und Alles­versteher können keine einfache Lösung in einem konkreten Konflikt aus dem Hut zaubern.

Wohl aber scheint Jesus mit seiner Botschaft von der Verge­bung in einem wichtigen Punkt Recht zu haben: Wer in der Gewiss­heit lebt, dass der liebende Schöpfer bedingungs­lose Neu­anfänge schenkt, kann auch sich selbst und seinen Mit­geschöpfen leichter Neu­anfänge ermöglichen – trotz oder gerade wegen aller Unzu­länglich­keit, Fehler­haftig­keit und Vor­läufig­keit.

Vielleicht auf dem Weg mit mehr Empathie, um Gefühle, Absichten und die konkrete Situation besser verstehen zu können, ohne gleich ins Wort zu fallen, zu beur­teilen oder zu verur­teilen. Damit begrün­detes Vertrauen wieder wachsen kann.

Um sich dann auf Augen­höhe – mit gegen­seitiger Wert­schätzung, Fairness und Wahr­haftig­keit – wieder in die Augen zu sehen. Damit mit empathischer und zugleich argumen­tativer Klarheit im Kontext gespro­chen werden kann – mit dem Versuch einer gemein­samen Lösung bzw. eines nach­haltigen Kompro­misses.

Auf jeden Fall – so Jesus – lädt der Schöpfer, der seine Geschöpfe mit liebenden Augen sieht und ihnen Freiheit sowie Verant­wortung zutraut, zum Fest gemein­samen Lebens ein.

Burkhard Budde

(Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt am 17.10.2020 in Ostwestfalen und Lippe)

Wait a minute

Forgiveness at eye level III

Wassersprenger im Garten

The practical test is always imminent. „I am ready to forgive,“ says one person. But what does that mean in concrete terms? Does this positive basic attitude dissolve in case of conflict – like a nice effervescent tablet in water?

Like a person with angry eyes who feels like a „victim“ and insults and bad-mouths the „perpetrator“. Or who, with her eyes closed, randomly and undifferentiatedly lumps together everything – even the unappetizing – in one pot. And suddenly old slats are smeared on the bread and butter that have no connection to the current situation. Or which throws sand into the eyes of everyone – including oneself – because (self-)deception probably makes „disappointments“ more bearable. Or who sees the sting in the other person’s eye „crystal clear“, but „deliberately“ overlooks the thorn in her own eye. Or who smiles with open eyes, but bears it coldly and thereby poisons one’s own soul – although one is „naturally“ ready to forgive.

Unfortunately there is no recipe book of forgiveness for all cases. Even omniscientists and omniscientists cannot conjure a simple solution out of a hat in a concrete conflict.

However, Jesus seems to be right in one important point with his message of forgiveness: The one who lives in the certainty that the loving Creator gives unconditional new beginnings can also make new beginnings easier for himself and his fellow creatures – despite or even because of all inadequacy, faultiness and temporaryity.

Perhaps on the way with more empathy, in order to better understand feelings, intentions and the concrete situation, without immediately speaking out, judging or condemning. So that justified trust can grow again.

In order to then look each other in the eye again at eye level – with mutual appreciation, fairness and truthfulness. To be able to speak with empathic and at the same time argumentative clarity in context – with the attempt to find a common solution or a sustainable compromise.

In any case – according to Jesus – the Creator, who sees his creatures with loving eyes and entrusts them with freedom and responsibility, invites us to a celebration of life together.

Burkhard Budde

(Published also on 17.10.2020 in the Westfalen-Blatt in East Westphalia and Lippe)