Auf ein Wort
Leben ohne Tarnmasken
Von Burkhard Budde

Auf ein Wort
Leben ohne Tarnmasken
Zwei brave Bürger liebten die Maskenzeit. Sie suchten regelmäßig Orte und Zeiten des ritualisierten Frohsinns auf. Sie freuten sich, endlich nicht kuschen zu müssen, sondern kuscheln zu können; in neue Rollen oder in eine Lieblingsrolle zu schlüpfen, damit die Phantasie beflügelt und das Selbstbewusstsein gestärkt wird; mit Gleichgesinnten organisiert oder spontan zu feiern und zu tanzen – das gehörte neben ihrem eintönigen Alltag dazu wie der Genuss zu einem Menü.
Mit der kleinsten Maske der Welt, einer rot leuchtenden und kugelroten Pappnase, machten sie sich auf den Weg, um in die atemberaubende und farbenfrohe Sonderwelt einzutauchen.
Doch zunächst mussten sie ihre alte Welt hinter sich lassen: Die Spaßverderber, die mit bösen Blicken auf sie herabschauten oder sie mit arroganter Gleichgültigkeit ignorierten. Die Teufelchen, die gerne die Macht der Gewohnheit mit Hochmut und Übermut mächtig durcheinanderwirbelten. Die Engelchen, die unbekümmert, unkritisch und unerfahren den Ernst der Lage angesichts von heimlichen Schlägen weit unter der Gürtellinie viel zu spät erkannten. Auch die Teufel, die Unschuldsengel spielten und sagten, dass sie von nichts gewusst hätten. Oder die Engel, die als Teufel verkleidet waren, um mächtig zu wirken, aber nur ohnmächtig waren.
Endlich kamen die braven Bürger mit ihrer Maske in der bunten Gegenwelt an. Und konnten über das Spiel mit aufdringlicher Nähe und befreiender Distanz, mit bitterem Ernst und lockerer Lebensfreude herzhaft lachen – sich vor Lachen auf ihre Schenkel schlagen, manchmal hämisch, manchmal auf Knopfdruck, manchmal auch an der falschen Stelle und zum falschen Zeitpunkt: Über den quirligen Witzbold, der ihnen das Wort im Munde verdrehte; den dummen August, der wie ein ahnungslosen Kind auftauchte; den Weißclown, der wie eine normierte Marionette erschien; den Hofnarren, der mit unangenehmen Wahrheiten provozierte. Aber auch über den brüllenden Löwen, der als Bettvorleger endete; das scheue Reh, das Hals über Kopf vor gehauchten Küssen flüchtete; die lahme Ente, die sich nicht mehr so recht freuen konnte und eine tragische Figur abgab.
Nach diesem Ausflug in die lustige und bizarre Nebenwelt setzten die braven Bürger wieder ihre Alltagsmaske auf, um nicht aufzufallen, vor allem damit ihre Gefühle und Gedanken versteckt blieben und ihnen niemand den Marsch blasen konnte. Nur heimlich hielten sie ihre Nasen in den Wind, um nach ihrer eigenen Besonderheit und Erhabenheit zu schnüffeln. Vor allem trieb sie die Angst um, dass jemand ihnen die Maske vom Gesicht herunterreißen und sie ihre Maske hinter den Masken loswerden könnten.
Erst als sie ungeschminkt in den Spiegel schauten, entdeckten sie ihr wahres Gesicht – ihre angeborene und unverlierbare Würde. Und sie beschlossen, ihre Bravheit nicht mit Unwürdigkeit zu verwechseln, nicht mit blindem Gehorsam oder ängstlicher Sturheit. Sondern sich mit begründetem Vertrauen für ein erneuertes neues Leben mit begründetem Vertrauen, in souveräner Freiheit und wehrhafter Sicherheit einzusetzen. Ohne zeitliche oder örtliche Beschränkung. Ohne billige Tarnmasken, die aus Träumen Albträume machen.
Aber vielleicht muss man manchmal auch eine menschliche Maske tragen, um das eigene oder fremde Gesicht ertragen zu können – mit einem liebenden Blick.
Burkhard Budde