Kommentar

Zum Tag der Pflege am 12. Mai

Von Burkhard Budde

Weckruf, Rückblick und Ausblick

Kommentar

zum Tag der Pflege am 12. Mai 

Jeder Mensch kann krank und pflegebedürftig werden, aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung oder schleichend, ohne eigenes Verschulden – unabhängig vom Alter, vom Geldbeutel, seiner gesellschaftlichen und beruflichen Stellung oder seines Lebensstils. Allerdings steigt die Wahrscheinlichkeit für Krankheiten und Pflegebedürftigkeit je älter ein Mensch wird.

Deshalb ist der Internationale Tag der Pflege am 12. Mai, der offiziell 1965 eingeführt wurde, ein brisanter Weckruf: Das Thema geht uns alle an! Auch wer seinen Kopf in den Sand steckt, weil er nichts von den Schattenseiten und Überraschungen des Lebens hören, lesen oder sehen will, behält seine heimlichen Sorgen und diffusen Ängste im Blick auf Krankheit und Pflegebedürftigkeit: Erhalte ich im Ernst- und Notfall eine qualifizierte Versorgung und kompetente Pflege, die ich brauche – rechtzeitig, möglichst in der Nähe, finanzierbar, ohne dass die Menschlichkeit unter die Räder gerät?

Ein offener Blick auf den Tag der Pflege ist zunächst jedoch ein Rückblick: Er erinnert an den Geburtstag der Mitbegründerin und Bahnbrecherin der modernen Krankenpflege, Florence Nightingale, die am 12. Mai 1820 in Florenz geboren wurde. Während des Krimkrieges von 1853 bis 1856 war die „Lady mit der Lampe“ als Krankenschwester und als „Engel der Barmherzigkeit“ in (Militär-) Hospitälern tätig, setzte sich für eine „christliche Behandlung“ der verwundeten Soldaten ein und kümmerte sich um die Verbesserung der medizinischen, pflegerischen und hygienischen Bedingungen. 1860 gründete sie in London die erste Krankenpflegeschule, förderte die Qualifizierung und den „ganzheitlichen Blick“ der Pflege und stärkte dadurch auch die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern.

Der Tag der Pflege als ein historischer Gedenktag ist zugleich ein Tag zum Nachdenken, um einen Durchblick zu gewinnen: Welche genauen Ziele und Auswirkungen haben die derzeitigen Reformvorschläge im Blick auf die Krankenhauslandschaft? Welche Krankenhäuser müssen an welchen Standorten tatsächlich geschlossen werden, weil welche Qualität nicht erbracht werden kann und der Transporthubschrauber die bessere Alternative zum Krankenwagen mit kurzen Wegen sein soll? Und können örtliche Politiker, die nicht verantwortlich sind, Standortschließungen verhindern?

Auch die Pflegeversicherung, die 1995 als fünfte Säule der Sozialversicherung eingeführt wurde, um vor allem Sozialhilfeabhängigkeit zu vermeiden und Angehörige zu entlasten, steht auf dem Prüfstand. Gegenwärtig sinken die Eigenanteile der Bewohner, je länger sie in einem Heim leben. Diskutiert wird jedoch in der Bundesregierung, das Sinken der Eigenanteile zu verlangsamen. Aber wird daran gedacht, dass dadurch mehr Menschen zu Sozialhilfeempfängern werden könnten, wenn das Geld nicht ausreicht? Würde mit einer solchen politischen Rolle rückwärts die unerfreuliche Situation vor 1995 wieder hergestellt?

Und überhaupt: Altenpflegheime, die wegen des Fachkräftemangels unter einer schlechten Auslastung leiden, könnten durch die Politik zusätzliche Daumenschrauben angelegt bekommen. Wenn – was von der Politik angedacht ist – die Tarife bei den Verhandlungen der Pflegeleistungen mit den Pflegkassen nicht länger automatisch als wirtschaftlich anerkannt werden, könnte eine wirtschaftliche Abwärtsspirale mit viel Druck auf die Bezahlung des Personals in Gang gesetzt werden und zur Schließung von Altenpflegheimen führen.

Die Hauptleistung der Pflege geschieht durch Angehörige in den eigenen vier Wänden – das ist anzuerkennen. Doch hat man sie bei den Reformvorschlägen vergessen? Auch in der häuslichen Pflege lauern viele Fallstricke, wenn pflegende Angehörige keine Unterstützung erhalten (können)! Werden die Stimmen, Sorgen und Ängste, der Leidensdruck der Angehörigen hinreichend gehört, geachtet und vor allem bei politischen Weichenstellungen beachtet?

Was passiert, wenn man keinen Heimplatz, den man braucht, mehr findet, oder ein Heim plötzlich geschlossen wird und der Pflegbedürfte von Angehörigen abgeholt werden muss?

Hier braut sich viel sozialer Sprengstoff zusammen, der für den Zusammenhalt der Gesellschaft und für die Demokratie gefährlich werden kann, wenn sich der Eindruck verfestigt, dass nur an (Kosten-) Schrauben gedreht wird, aber eine überzeugende Strategie fehlt.

Der Tag der Pflege könnte jedoch Motor sein, weiter zu denken, um einen visionären Ausblick zu erhalten: Die Pflegversicherung als „Teilleistung“ und die Krankenversicherung als „Vollleistung“ greifen ineinander Die häusliche Pflege und Krankenpflege sind aber künstlich getrennt und verursachen viel Bürokratie. Warum nicht an dieser Schnittstelle mutig und zukunftsorientiert sowie ohne ideologische Scheuklappen über eine Gesundheitsversicherung aus einer Hand nachdenken?

Der Tag der Pflege, der in der breiten Öffentlichkeit die Bedeutung der Pflege betonen, die Herausforderungen des Gesundheitswesens benennen und vor allem die Arbeit von Pflegenden würdigen soll, könnte zudem den Denkanstoß einer Vision ins Rollen bringen, um das Gesundheitswesen wieder auf die Füße zu stellen und zukunftsfester zu machen. Dann schaut keiner in einen tiefen Abgrund mit einem Durcheinander, sondern auf ein umfassendes Qualitätsversprechen ohne leere Worte.

Burkhard Budde