Moment mal

Schubladen öffnen

Von Burkhard Budde

Schubladen können geöffnet werden

Moment mal

Schubladen öffnen

Auf den Schubladen eines Schrankes sind Etiketten befestigt, die auf Charaktereigenschaften eines Menschen hinweisen: „Gewissenhaft und reflektiert“, „Offen und kreativ“, „Spontan und kontaktfreudig“, „Kompromissbereit und verträglich“, „Ausgeglichen und besonnen“, aber auch „Chaotisch“, „Stur“, „Verschlossen“, „Herzlos“, „Unberechenbar“.

Andere Etiketten sollen Benachteiligungen verhindern oder beseitigen und Gleichberechtigung und Gleichstellung verwirklichen: „Rasse“, „ethnische Herkunft“, „Geschlecht“, „Religion“, „Weltanschauung“, „Behinderung“, „Alter“, „Sexuelle Identität“.

Doch kann oder sollte ein Mensch auf nur ein Merkmal – auf ein „Etikett“ – reduziert werden?

Wer einen neuen Raum betritt, wird häufig in Windeseile von Anwesenden gemustert und analysiert: Wie sieht er aus? Wie verhält er sich? Kenne ich ihn? An wen erinnert er mich?  Wie sagt er was? Welche Eigenschaft von ihm passt in welche Schublade?

Diese Schnellanalyse des Bauchgefühls wird dem Menschen jedoch nicht gerecht. Die Lebenswirklichkeit eines Menschen ist komplexer und vielseitiger, komplizierter und unterschiedlicher, stets im Wandel. Warum sollte dann ein Mensch passend für die Schublade gemacht werden? Aus der er kaum eine Chance hat herauszukommen, wenn ein Sortierer selbstgerecht sein Deutungsmonopol  und selbstverliebt seine festen Vorurteile verteidigt, sich selbst aber nicht ändern, selbstkritisch werden will?

Dennoch: Jeder vertraute oder nicht so vertraute Mensch – auch ein verbohrter Sortierer mit dem unsichtbaren Etikett „Realitätsfern“ vor der Stirn  – ist mehr als nur die Summe seiner Merkmale und Eigenschaften, seiner Taten und Untaten, seiner Gruppenzugehörigkeiten usw..

Schubladen stören, wenn die einzigartige Würde eines Menschen sowie dessen Entwicklungspotential entdeckt werden soll. Und wer die Ebenbildlichkeit Gottes in einem von Gott geschaffenen Menschen sieht,  braucht zwar immer noch bestimmte Etiketten, um eine gewisse Orientierung zu haben, aber keinen Etikettenschwindel. Und vor allem keine Schubladen, die verschlossen bleiben.

Burkhard Budde

Veröffentlicht auch im Westfalen-Blatt in Ostwestfalen und Lippe

in der Kolumne „Moment mal“ am 13.11.2021

Kunstwerk von Marie-Luise Schulz aus Braunschweig