Auf ein Wort
Erneuerung statt Verwaltung
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Erneuerung statt Verwaltung
Geht der alten Dame langsam die Puste aus, weil ihr die Kraft zur Rundumerneuerung fehlt? Kann sie nicht mehr Schritt halten und fragende sowie suchende Menschen mit ihrer Botschaft und ihren Angeboten begeistern? Verliert sie immer mehr Freunde und Unterstützer? Wird sie in einer Gesellschaft der vielen Gleichgültigen und Angepassten, der Halb-, Nichtmehr- und Andersgläubigen, der spaltenden und polarisierenden Aktivisten vor allem als Moraltante wahrgenommen, die mit erhobenem Zeigefinger politische Zensuren verteilt, aber nicht mehr wirklich ernstgenommen wird? Plustert sie sich als Macherin eines sozialen und effizienten Marktriesen auf, der Nächstenliebe nur ins Schaufenster stellt und „Nächstenliebe“ übt, wenn sie sich rechnet? Würde die alte Dame, die sich in allen Konfessionen zeigt, vermisst, wenn sie sich vom öffentlichen Acker machte und sich in geschützte Räume und Nischen der Gesellschaft zurückzöge?
Im Jahre 1517 jedenfalls wurde die damals bereits alte Dame vom streitbaren Kämpfer Martin Luther mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen am 31. Oktober scharf angegriffen. Im Feuer der Kritik standen ihr vermeintlich heuchlerisches Getue, ihre Verdummungsversuche und ihr Geschäftsgebaren – äußerlich der Verkauf von Ablassbriefen („Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt“) und die Käuflichkeit kirchlicher Ämter. Für Luther war jedoch Vergebung nicht käuflich, sondern ein Ereignis der göttlichen Gnade. Und auch ein kirchliches Amt dürfe nicht käuflich sein, weil es ein Dienst sein sollte, der auf Gottes Wort, dem Glauben und der Berufung basiere. Überhaupt brauche der getaufte Christ, so Luther, keinen geistlichen Vermittler, da es eine grundsätzliche Gleichheit aller Christen vor Gott, einen unmittelbaren Zugang zu Gott und eine persönliche Verantwortung vor Gott gebe. Für dieses „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ seien wichtig:
Die Bibel, die grundsätzlich für alle lesbar und von allen auslegbar sein sollte – nicht als Rezeptbuch für das Denken und Tun, sondern als geistliche Quelle, ethischer Kompass und religiöser Instanz.
Die Gnade, die kein Verdienst des Menschen darstelle, sondern ein froh- und neumachendes Geschenk der vorauseilenden Liebe Gottes.
Der Glaube, der weder schwärmerisch und blind noch bevormundend und instrumentalisiert einen Zugang zu Gott verschaffe, wohl aber den Raum zum Evangelium öffne, indem ein Christ Gott als seinen Schöpfer, Erlöser und Erneuerer betend entdecke und verantwortungsvoll vertraue.
Jesus Christus, der kein Religionsstifter gewesen ist, sondern Mittler zwischen Gott und den Menschen – ein universeller Spiegel der allumfassenden Liebe Gottes, zugleich ein Befreier von Schuld und Sünde und Motor eines neuen Lebens in Verantwortung vor Gott und dem Nächsten sowie in der Gewissheit, in Gott geborgen zu sein..
Doch was ist aus diesem reformatorischen Erbe geworden? Lebt es in den alten Damen – in allen Konfessionen – fort? Oder sind die alten Damen (nur) mit der Verwaltung ihres Erbes beschäftigt? Oder „nur“ mit notwendigen Reformen angesichts von Missständen, mit Gremienstrukturen, mit Machthierarchien, einer äußeren Gesichtsstraffung, mit sich selbst?
Geht es der alten Dame der Reformation heute um einen mehr hierarchischen und zentralistischen neuen Aufbau von oben nach unten? Oder gelingt es der alten Dame des Wortes im Geiste der Reformation die Gemeinden vor Ort mit den vielen Ehrenamtlichen durch einen Aufbau von unten nach oben zu stärken – durch die unvertretbaren, aber stets zu aktualisierenden Leitgedanken wie Verkündigung, Seelsorge, Unterweisung, Diakonie und Verantwortung für die Welt aus dem christlichen Glauben heraus?
Zum Glück besitzt keiner die „alte Dame“; denn jeder ist Kirche. Die Erneuerung dieser Kirche fängt deshalb beim einzelnen Christen an, der mit Gott und seiner Kirche in Verbindung bleibt.
Die Welt braucht eine sich ständig erneuernde und dienende Kirche – keine nur modisch neu eingekleidete Kirche, wohl aber eine Kirche, die durch ihren alten Auftrag „Prüfet aber alles, und das Gute behaltet“ (1.Thess 5,21) und durch ihre geistlichen Wurzeln wie gelebte Verkündigung und gelebte Nächstenliebe für die plurale Gesellschaft und den säkularen Staat von einzigartigem Wert ist, „Salz der Erde“ zu sein (Mt 5,13). Sie ist nicht wegzudenken, weil und wenn die alte Dame fähig und bereit bleibt, den Schatz der Vergangenheit immer wieder neu dankbar und demütig zu heben, zugänglich und erlebbar zu machen sowie in aktueller Weise tatkräftig und kraftvoll, vertrauensvoll, zuversichtlich und mutig zu mehren.
Burkhard Budde