Auf ein Wort
Kostbare Lebenszeit
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Kostbare Lebenszeit
Ist die Lebenszeit ein kostbares Geschenk?
Jeder erlebt seine Lebensspanne anders – ihre Einmaligkeit und Endlichkeit, ihre Verletzlichkeit und Unvorhersehbarkeit. Doch keiner sollte sich täuschen (lassen) – beispielsweise auch nicht ein roter Zar, ein selbstverliebter Fürst, ein brutaler Diktator oder ein theokratischer Machthaber. Die Lebenszeit aller wird unaufhaltsam weniger und kann von keinem Menschen vermehrt werden. Und kein Mensch ist ein unverwundbarer Titan.
Alles hat auch seine Zeit. Die Macht der (Über-) Mächtigen kann wie Schnee in der Sonne schmelzen. Oder auch abrupt enden. Die Macht der Ohnmächtigen und Hilflosen kann wie eine Distel zwischen Steinen wachsen. Und Kampfesgeist signalisieren. Doch für alle und alles gilt: Das Leben ist wie ein Weg über eine dünne und brüchige Eisdecke. Sie kann zu jeder Zeit und an jedem Ort – z.B. durch eine schlimme Erkrankung – einbrechen. Und wer älter wird, erlebt, wie Risse und das Knacken der Eisoberfläche sichtbarer und hörbarer werden. Und sich tragende Eisschichten plötzlich in Eislöcher verwandeln können.
Dennoch muss kein Mensch ständig in panischer Angst leben. Furcht ist zwar ein Signal, das vor Gefahren auf dem Lebensweg warnt und schützt, kann aber auch zu einem schleichenden Gift werden, das in jede Nische der Seele kriecht, sich einnistet und einen Menschen lähmt.
Ein Mensch kann im Auf und Ab seines Lebens, angesichts der Mischung von Freud und Leid, im Wechselspiel von Gewohntem und Überraschendem seine Lebenszeit bewusst zu gestalten versuchen:
Indem er sich zum Beispiel von Zeitdieben und Zeitverschwendern, von Giftmischern und Heckenschützen fernhält und dadurch mehr geteilte und erfüllte Zeit mit „lieben Menschen“ sowie für Wahres, Gutes und Schönes gewinnt.
Indem er sich in chaotischen Zeiten, in denen ein eiskalter Wind gieriger Kraftmeierei, naiver Schwärmerei, gezielter Angstmacherei, gleichgültiger Hartherzigkeit oder verführerischer Heuchelei herrscht, für Aufklärung und Vernunft sowie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einsetzt.
Indem er in der Zeit einer Krise – in der Spannung von Angst und Hoffnung, Anfang und Ende – die Gelegenheit beim Schopfe greift, innere Freiheit und äußere Gelassenheit gewinnt, Wichtiges vom Unwichtigen, echte von falschen Freunden zu unterscheiden sowie Dankbarkeit und Besonnenheit neu zu würdigen lernt.
Indem er im Strom der Zeit keinen Kreislauf oder eine Wiederkehr des Immergleichen erfährt, sondern einen erneuerten Raum gemeinsamen Lebens in Würde, Freiheit und Verantwortung, Vielfalt und Toleranz entdeckt.
Kein Mensch lebt ewig. Und dennoch geht kein Mensch verloren. Das kann das Gleichnis einer Sanduhr verdeutlichen: Im Durchlass, der beide Kolben miteinander verbindet, geht kein Sandkorn verloren. Doch ist ein Mensch nicht mehr als ein Sandkorn? Ist er nicht als ein geliebtes Samenkorn geschaffen worden, das in seinem zeitlich begrenzten Leben wachsen, Verantwortung übernehmen und Frucht bringen soll, aber in der Ewigkeit letzte Geborgenheit und unverlierbare Gemeinschaft mit Gott erfährt? Dessen Lebenszeit nicht im Nichts, sondern im liebenden Neusein endet?
Und wenn die innere Lebensuhr noch so laut oder noch so leise oder noch so unaufhörlich tickt – das Leben bleibt in der verbliebenen Zeit eine wunderbare Gabe und wertvolle Aufgabe.
Burkhard Budde