Auf ein Wort

Suche guten Arzt

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Suche guten Arzt

Ein kranker Mensch hoffte auf einen guten Arzt, dem er Vertrauen schenken konnte.

In der Nacht sah er im Traum durch die Spalte einer Tür eine vergangene Welt:

Ein Wanderer begegnete ihm mit einem Stab, um den sich eine Schlange wand. „Wer bist Du?“ fragte der kranke Mensch. „Ich bin der Gott der Heilkunst“, antwortete der Wanderer, der wie ein Engel leuchtete, doch gleichzeitig wie ein sterblicher Held wirkte. Konnte er ihm vertrauen?

„Mein Stab“, erläuterte der geheimnisvolle Wanderer, „weist auf die Heilkräfte sowohl der Erde als auch des Himmels hin. Er hilft mir, durch Täler des Leids hindurch zur Heilung zu gelangen, da er mir Halt und Orientierung gibt.“ Und die Bedeutung der Schlange? „Sie erinnert mich daran“, verriet der Wanderer, „dass es Heilung und Verjüngung sowie Wiedergeburt gibt, da Schlangen sich regelmäßig häuten“. Und schmunzelnd fügte der Wanderer hinzu: „Von Schlangen habe ich auch gelernt, dass es stets auf die richtige Dosis einer Heilkraft ankommt, um keinem Menschen mit einer falschen Dosis zu schaden.“

Dann führte der Wanderer, der sich mit dem Namen Asklepios vorstellte, den kranken Menschen zu einer Heilstätte mit einer Wasserquelle, wo er innere Ruhe finden, opfern und beten sollte. Er badete, reinigte sich mit Kräutern und trank Kräutertee. Schließlich legte er sich in einen Schlafsaal nieder. Und träumte von seiner Krankheit und vom Gesundwerden.

Nach dem Schlaf berichtete er von seinem Traum, die der Wanderer nicht nur versuchte zu deuten, sondern auch mit einem Therapievorschlag verband.

Als Asklepios im nächtlichen Film verschwand, begegnete dem kranken Menschen ein Reisender, der Hippokrates genannt wurde „Kann ich dir mehr Vertrauen schenken als dem Asklepios, der mich an einen Halbgott erinnert, halb Gott, halb Mensch? Welche Kräfte halten dich?“ fragte der kranke Mensch den berühmten Mann, der um 460 vor Christus auf der griechischen Insel Kors das Licht der Welt erblickt hatte. „Wichtiger als priesterliche Worte und Göttersprüche sind für mich die Ursachen deiner Krankheit zu erfahren sowie eine menschliche Haltung, um dir helfen zu können.“ Und er nannte geistige Kräfte, die ihn verpflichteten: Nicht zum Schaden, sondern zum Nutzen eines kranken Menschen zu handeln; nicht dem Tod, sondern mit Ehrfurcht dem Leben und der Menschlichkeit zu dienen; nicht indiskret, sondern verschwiegen zu sein und die Intimität und Privatheit zu achten; nicht kranke Menschen medizinisch ungleich zu behandeln, sondern gleichwertig und verantwortungsbewusst. Diese Bindungen fand der kranke Mensch überzeugend.

Und als er aus seinem Traum erwachte, wünschte er sich als einen guten Arzt weder einen Halbgott in Weiß noch einen Dienstleister ohne Herz noch eine Person ohne fachliche Kompetenz, wohl aber einen Arzt als Ratgeber, Begleiter und Kümmerer, der wie ein guter Bergführer hilft, durch Zuhören, Ernstnehmen, Aufklärung, Erklärung, Ermutigung sowie mit seiner Erfahrung, seinem Wissen und Können durch ein Tal der Krankheit hindurchzukommen, auch Steine der Angst aus dem Weg zu räumen. Wohl wissend, dass der kranke Wanderer letztlich selbst die Wege gehen muss, um wieder gesund zu werden, dass der Bergführer nicht für die Wetterverhältnisse – für die Krankheit – verantwortlich ist. Und dass es „den Bergführer“ nicht gibt, sondern nur Ärzte, die ganz individuell verschieden sind. Dass jedoch jeder Arzt – wie jeder kranke Mensch auch – die gleiche unverlierbare Würde hat. Und dass aus gegenseitigem Vertrauen eine Partnerschaft in (Eigen-)Verantwortung wächst.       

Burkhard Budde