Auf ein Wort

Kampf gegen Einsamkeit

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Kampf gegen Einsamkeit 

Ist der Spruch nur eine humorvolle Provokation? Oder bitterer Spott? „Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da ist, der ihm was tut“, zitiert eine ältere Dame den Spruch von Wilhelm Busch, einem „Klassiker des deutschen Humors“ aus dem 19. Jahrhundert. Die Frau lebt allein in ihrem Haus, beteuert aber, dass sie sich nicht einsam fühlt. In ihrem Fall hätte Wilhelm Busch lieber von „Alleinsein“ statt von „Einsamkeit“ sprechen sollen.

Denn Alleinsein bedeutet nicht automatisch Einsamkeit. Die Frau – siehe oben – genießt ihr Alleinsein, indem sie ungestört ein Buch liest, sich in einer anderen Welt bewegt, die mit ihrer Welt verschmilzt. Oder der Wanderer im Wald, der bewusst allein unterwegs ist, um sich mit allen Sinnen konzentrieren zu können, das Rauschen des Windes in den Bäumen, das Vogelgezwitscher und das Knirschens unter den Schuhen zu hören.

Doch viele Mitmenschen, die allein leben, sind zugleich einsam. Weil zum Beispiel der Partner oder ein Freund gestorben und der Alleinlebende sozusagen „übriggeblieben“ ist. Oder eine langjährige Beziehung in die Brüche ging. Häufig ist die Erfahrung von Einsamkeit ein schleichender Prozess, besonders wenn jemand krank und pflegebedürftig geworden ist.

Selbst einem gesunden Kontaktfreudigen jedoch fehlen nach dem Ende eines engagierten Berufslebens nicht selten „Kontakte“, weil es „keine Zeit“ gab, rechtzeitig ein engmaschiges und tragendes Netz von Mitmenschen jenseits des Berufsalltags zu knüpfen. Und die eigene Familie mangels Kinderzahl oder Entfremdung bzw. Funkstille keine Zufluchtsstätte mehr bietet.

Ein Einsamer – ob er die Einsamkeit nun aufgezwungen bekommen, selbst verschuldet oder selbst gewählt hat – kann jedoch auch seine Einsamkeit in der Zweisamkeit erleben, in einer Gemeinschaft, Gruppe oder auch Institution und am Arbeitsplatz. Überall, immer wieder, ungebeten und überraschend kann das Gespenst der Einsamkeit auftauchen: „Keiner will mich verstehen“. „Keiner interessiert sich für mich.“ „Keiner achtet und liebt mich“, klagt ein Einsamer, der sich immer mehr zurückzieht und deshalb immer tiefer in ein leeres Loch der Traurigkeit, Resignation und Bitternis fällt, neidisch auf andere wird und über den Sinn seines Lebens ängstlich grübelt.

Aber die tiefe Sehnsucht nach Nähe, Zuwendung und Wertschätzung bleibt. Zum Glück gibt es hilfreiche Kräfte, die das Gespenst der Einsamkeit entlarven und den Einsamen aus seinem Loch herausziehen können: Zum Beispiel durch den Besuch sozialer und kirchlicher Treffpunkte oder durch die Angebote von Vereinen, Mehrgenerationenhäuser, Selbsthilfegruppen, Nachbarschaftsnetzwerke und vieles mehr. Wer beispielsweise einen Kochkurs oder einen anderen Kurs mitmacht, findet schnell Gesprächspartner – und mögliche neue Freunde. Kleine Einsamkeitsvertreiber sind Briefe oder E-Mails, Telefongespräche, Besuche, Verabredungen und Einladungen.

Allerdings muss der Einsame auch offen sein für Neues, zum Beispiel seine Sturheit, seine Ordnungssucht und Geiz, seine Besserwisserei, und Überheblichkeit, vor allem sein Selbstmitleid überwinden. Und den ersten Schritt wagen. Um neue Welten mit neuen Welten zu erleben.

Burkhard Budde