Moment mal

Bedingungslose Liebe

Von Burkhard Budde

Nikolaus begrüßt Erwachsene und Kinder

Besuch vom Nikolaus am Heiligabend

Am Telefon

Das Telefon klingelt. „Ja, bitte?!“ Paul hat sich zuerst über die vielen Anrufe gefreut, aber langsam wird es nervig. Immer wieder gibt es neue Anfragen. Und dann noch zur falschen Zeit, wenn er seine verdiente Ruhe haben will.

„Sind Sie der Mann, der den Nikolaus spielt und in die Häuser kommt?“

„Ja, der bin ich. Aber nur am Nikolaustag!“ antwortet er kurz angebunden. Da hört er ein Schluchzen am anderen Ende der Leitung. „Ist etwas passiert?“ Pauls Stimmung ändert sich. Wenn einer weint, hat er von seiner Mutter gelernt, braucht sein Gegenüber sehr wahrscheinlich Hilfe. Paul fragt deshalb noch einmal, jetzt aber langsamer und mit mehr Gefühl. „Kann ich ihnen irgendwie helfen?“

„Mein Sohn Peter hört nicht auf mich. Er versagt in der Schule. Es gibt ständig Streit zwischen uns.“

„Aber was hat das mit dem Nikolaus zu tun?“

„Können Sie nicht Heiligabend kommen, um ihn ins Gewissen zu reden? Am Nikolaustag, als mein Sohn sich über die wenigen Süßigkeiten von mir beschwerte, ist mir diese Idee gekommen.“

Warum eigentlich nicht, denkt Paul. Jede gute Tat findet ihren Lohn in sich selbst. Auch das hat er schon sehr früh von seiner Mutter gelernt. Und wenn es am Heiligabend  nicht lange dauert, ein kleines Honorar sein Zeitopfer versüßt und man selbst vielleicht noch sein Gaudi hat?!

„Dann geben Sie mir Ihre Adresse. Wenn es Ihnen Recht ist, komme ich Heiligabend um 17 Uhr. So für 20 Minuten.“

„Wunderbar! Danke!“

„Ach, und das Honorar beträgt 20 Euro.“

Die Frau stimmt zu, nennt den Wohnort, der gleich um die Ecke liegt, erzählt noch, dass ihr Mann sie bereits vor Jahren verlassen hat, ihr gemeinsamer Sohn acht Jahre alt ist, sich chaotisch verhält und frech sein könnte. Er müsse mit allem rechnen.

Dem werde ich die Leviten lesen, denkt Paul nach dem Telefongespräch. Wie kann man nur so ungehobelt mit seiner Mutter umgehen und so undankbar sein. Der wird mich kennen lernen.

Vor der Tür

Nach drei Tagen ist Heiligabend. Paul steht wie vereinbart vor der Tür der Frau, die offensichtlich wegen ihres Frechdachses leidet. Mit seinem roten Mantel, seinem weißen Bart und seinem Sack sieht Paul aus wie der Nikolaus, ganz wie gewünscht. Seine Rute hat er nicht vergessen.

Er klingelt. Er klingelt noch einmal. Da öffnet ein kleiner Gernegroß mit großen braunen Augen  neugierig die Tür.

„Was willst du denn hier?“ fragt er überrascht und zugleich selbstbewusst. „Du weißt wohl nicht, dass der Nikolaustag bereits am 6. Dezember war!?“

Paul muss erst einmal schlucken. Aber dann findet er schnell seine Sprache zurück. Er hat schließlich einen Auftrag.

„Moment mal. Bist du nicht der kleine Bub, der seine Mutter ständig ärgert?“

„Da müssen Sie mich verwechseln. Ich bin nicht klein, sondern groß. Gehen Sie zum Nachbarn, da wohnt mein Freund Georg, der soll seine Familie tyrannisieren.“

„Dies ist doch die Hausnummer 10 und du bist der Peter?“

„Richtig. Was willst du denn?“ fragt Peter, macht sich groß und schaut keck und tief in die Augen des Nikolaus.

„Ich will dich und deine Mutter besuchen. Ist deine Mutter nicht zu Hause?“

Peter weicht aus und teilt aus: „Du willst uns doch wohl nicht am Heiligabend besuchen. Heute sind wir immer allein zu Hause. Und wollen nicht gestört werden!“

„Ich hab euch auch etwas mitgebracht“, reagiert der Nikolaus fast verzweifelt.

„Ach so!“ Und Peter scheint etwas netter zu werden. „Was denn?“

„Überraschungen!“

„Stell alles in den Flur. Ich habe keine Zeit, die Bescherung von Mama beginnt gleich.“

„Du bekommst meine Geschenke erst, wenn ich mit dir und deiner Mutter gesprochen habe.“

„Ach?!“

„Und übrigens auch nur dann“, und Paul fängt langsam an zu kochen, „wenn du versprichst, in Zukunft auf deine Mutter zu hören und brav zu sein.“ Und der Nikolaus fuchtelt ein wenig, fast ein wenig bedrohlich, mit seiner Rute.

„Ach?!“

„Und deiner Mutter versprichst, ihr zu helfen und keine Widerworte zu geben!“

„Ach?!“

„Und die Hausaufgaben regelmäßig machst!“

„Ach?!“

„Und regelmäßig zum Kindergottesdienst gehst!“

„Ach?!“

„Und vor dem Schlafen betest.“

„Ach, weißt du Nikolaus. Wenn das so ist, dann verzichte ich lieber auf deine Geschenke.“

Als Peter blitzschnell die Tür vor seiner Nase schließt, hat Paul die Nase voll. Er will sich den Abend nicht weiter verderben lassen und macht sich frustriert auf den Heimweg.

„Frohe Weihnacht?!“ flüstert er noch beleidigt in seinen künstlichen Bart.

Im Flur

Bei Peter kommt die Mutter in den Flur.

„Sag mal Peter, wer hat denn geklingelt. War da jemand?“

„Ja, einer, der nicht wusste, dass man am Geburtstag Jesu Geschenke bringt, ohne nervig zu sein.“

Seine Mutter sagt nichts, erklärt nichts, verlangt nichts. Und sie hat plötzlich Tränen in ihren Augen.

Im Wohnzimmer

Aber Peters Augen strahlen, als seine Mutter mit ihm in das Wohnzimmer mit dem festlich geschmückten Baum geht, unter dem bunt verpackte Pakete liegen. Und wie im letzten Jahr auch eine Krippe mit dem kleinen Jesuskind, das fast so große Augen wie Peter hat. Mutter nimmt Peter in den Arm, der das eigentlich blöd findet. Und sie gibt ihm einen dicken Schmatz. Was Peter peinlich findet, aber heute über sich ergehen lässt.

Gemeinsam blicken ihre Augen „ganz zufällig“ in die Augen des Jesuskindes, die anfangen zu sprechen. Wenn man mit dem Herzen hört, um das Geheimnis der Heiligen Nacht zu entdecken: „Ich hab dich lieb, so wie du bist.“

Und so kann auch Peter leichter erwachsen werden – lieben und vertrauen, verantworten und helfen.

Burkhard Budde