Auf ein Wort
Aufstehen statt sitzen bleiben
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Aufstehen statt sitzen bleiben
Wie findet die traurige Seele Halt. Sie sitzt auf dem Stuhl des Lebens, der vier Beine hat.
An einem Stuhlbein nagt der Zweifel: Bin ich wirklich zu jung, um eine Aufgabe zu übernehmen; zu alt, um weiterhin aktiv zu sein? Habe ich die „falsche Religion“, die „falsche Herkunft“, den „falschen Beruf“, das „falsche Parteibuch“, die „falschen Freunde“, wenn ich keine Chance bekomme, um voranzukommen? Warum erhalte ich keinen Vorschuss an Vertrauen? Weil ich das „falsche Geschlecht“, das „falsche Aussehen“, die „falsche Qualifikation“ habe? Immer wieder flüstert der Zweifel „Es ist alles eitel und verlogen. Du lebst zur falschen Zeit am falschen Ort. Kompetente Menschen beunruhigen andere. Dir fehlt der richtige Fürsprecher, der Türen öffnet. Und es fehlen die richtigen Bataillone, die dich unterstützen.“
An einem anderen Stuhlbein nagt die Angst: Trägt der Boden, auf dem der Stuhl steht? Werde ich ins Bodenlose versinken, wenn ich mein Leben nicht selbst gestalten kann? Habe ich keine Zukunft, wenn der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn ich versage oder krank werde? Wenn der Tod das Leben brutal durcheinander- und auseinanderbringt? Sich nicht als siegreicher Befreier von unsäglichem Leid zeigt, als weiser Lehrer der Vergänglichkeit und Gleichheit aller, als geschickter Zauberer, der eine schöne Vertröstung aus dem Hut zaubert, aber gefühllos bleibt? Sondern sich als Abgrund der absoluten Sinnlosigkeit und endgültigen Anonymität offenbart?
Am dritten Stuhlbein nagt die Ohnmacht. Sie ist wie gelähmt und hilflos, sprachlos und schweigt. Sie erlebt Vertrauensbrüche, mit denen sie nicht gerechnet hat; Schmerzen, die nicht vergehen; maskierte Lügen, die im Verborgenen ihr Unwesen treiben; Wahrheiten, die verdreht werden und immer neue Lügen gebären sowie tiefe Wunden hinterlassen. Leise fragt sich die Ohnmacht: „Wie kann ich meine Fesseln loswerden?“
Am vierten Stuhlbein nagt die Wut: Jetzt fängt der Stuhl an zu wackeln. „So nicht!“, ruft die Wut. „Das ist ungerecht und nicht fair!“ Verbittert lenkt sie den Blick auf Schwächen und Fehler anderer, wenn etwas nicht gelingt, sie aber selbst dafür mitverantwortlich ist. Überall sieht sie Feinde, Verschwörer und Sündenböcke, die bekämpft und beseitigt werden müssen. Sie köchelt vergiftet vor sich hin und dreht an der Wutspirale – immer schneller, immer enger um sich selbst. Und findet deshalb keine Lösung, nur verbrannte Erde durch geblendeten Fanatismus, indem sie sich selbst als gerecht und wahrhaftig sieht.
Der Stuhl wackelt, bis er bricht. Das Holz wird mürbe und bekommt Risse, wenn Zweifel, Angst, Ohnmacht und Wut ein unscharfes und gefährliches Wechselspiel beginnen – zwischen Selbstkritik und Verzweiflung, dem Wunsch nach Gerechtigkeit und dem Drang nach Zerstörung, dem Realitätsschock und dem Lügengebäude. Und der Schmerz zum ständigen Begleiter wird, gibt der Stuhl keinen Halt mehr und der Zusammenhalt zerbricht.
Doch der Mensch kann den Stuhl verlassen, ohne weiter das Nagen und Sägen zuzulassen. Er muss nicht auf dem Stuhl des Lebens um jeden Preis und auf Kosten anderer verharren. Er muss nicht die Hände in den Schoß legen und die Augen verschließen, sondern kann aufstehen und aktiv, besonnen und gelassen, mutig und geschickt mit seinen Händen etwas gestalten und bewegen – das Sägen an Stuhlbeinen verhindern, indem er das Sägen und Nagen rechtzeitig hört und erkennt, so dass alle wieder festen Boden unter die Füße bekommen können. Und keiner sich zwischen alle Stühle setzen muss.
Burkhard Budde