Auf ein Wort

Zu alt? Zu jung?

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

Zu alt? Zu jung? 

Eine Person ist unsicher: „Bin ich nicht zu jung für eine bestimmte Aufgabe?“ Eine andere Person grübelt: „Bin ich nicht zu alt für eine Tätigkeit?“ Die Antwort liegt häufig im Auge des Betrachters: Was einer sich zutraut. Ob die Aufgabe (weiterhin) zu ihm passt, ihn weder unterfordert noch überfordert. Ob er die Erwartungen, die mit der Aufgabe verbunden sind, erfüllen kann. Und in welcher gesundheitlichen Situation er sich konkret befindet.

Das Alter als nackte Zahl ist noch keine Fahrkarte, die Fortschritt verspricht. Denn keiner kann genau wissen, wieviel Jahre einer auf dem Buckel haben muss, damit das Etikett „alt genug“ (oder „zu alt“) in seine Hand gehört, um eine Aufgabe produktiv (nicht) voranzubringen.

Manche Menschen erfahren leider ihr Alter oder ihr Altern als eine Art Abstellgleis. Angeblich reichen ihre Leistungen nicht aus oder sie werden im Zug des Lebens nicht gebraucht, obwohl sie bereit sind, Weichen neu zu stellen oder Gleise zu erneuern.

Andere leiden darunter, dass der Zug für sie verschlossen bleibt, weil sie wegen ihres Alters keine Chance erhalten einzusteigen. Und es für sie sinnlos erscheint, hinter einem abgefahrenen Zug hinterherzulaufen.

Im Zug des Lebens werden jedoch sowohl jugendliche Frische und Dynamik als auch gereifte Erfahrung und Souveränität gebraucht. Jugendwahn lässt den Zug in die falsche Richtung fahren; Alterskult auf Dauer entgleisen.

Wenn Menschen – unabhängig von ihrem Alter – ständig in ihrer Blase oder in ihrer Nische bleiben, können sie sich nicht mehr austauschen, erfahren sie keine neuen Argumente, keine anderen Sichtweisen und keine neuen Perspektiven. Es gibt nur wenige Möglichkeiten der konstruktiven Auseinandersetzungen, der kritischen Selbstreflexion, der Selbstkritik und der Selbstkorrektur. Es gibt kein fruchtbares Neulernen, des miteinander und voneinander Lernens, auch nicht den Anderen außerhalb der eigenen Überzeugungsräume kennen und achten zu lernen sowie als Bereicherung zu tolerieren. Dafür viel Bereitschaft zur Arroganz und Gleichgültigkeit und wenig Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung für die Zukunft zum gegenseitigen Nutzen auf Augenhöhe und in Partnerschaft zu übernehmen.

Wer alles schon weiß, verbaut sich zudem den Zugang zu einer besonderen Lebensweisheit, die für alle Menschen wichtig ist. Daran erinnert das Eingangsportal des Universitätsgebäudes der Lutherstadt Wittenberg, an dem ein junger Mann mit einer Sanduhr und einem Totenschädel zu sehen ist. Die Inschrift an diesem Portal verdeutlicht eine universelle Botschaft: „Hodie mihi, cras tibi“ (deutsch „Heute mir, morgen dir“). Sterben müssen eines Tages alle. Und das Leben kann kurz oder lang sein. Der Tod interessiert sich nicht für das konkrete Alter eines Menschen, nicht für seine Geburtsurkunde, seinen Geldbeutel, seine Titel, seine Reputation, auch nicht für sein Fachwissen und seine Kompetenz und seinen sozialen Status. Der Zug fährt weiter, mit und ohne Gäste, die alle sterblich sind. Aber wenn es im Zug der Zeit identitätsstiftende Räume gemeinsamen Lebens gibt, in denen ein bewusstes Leben in Liebe und Würde, in Freiheit und Gerechtigkeit, in Dankbarkeit und Besonnenheit gibt, kann frohmachender Sinn aufleuchten – „Heute mir, morgen dir“. Vielleicht wird auch das Wunder des Glaubens an eine ständige Verjüngung durch innere Reife und souveräne Freiheit erfahrbar – unabhängig vom Termin im Lebenskalender.

Burkhard Budde