Auf ein Wort
Macht in Demut
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Macht in Demut
Eine Binsenweisheit, die mehr ist als ein alter Hut. Sie bleibt stets aktuell. Auch wenn sie gerne von Diktatoren, Autokraten und Populisten sowie Scheinriesen, Möchtegernmächtigen und Heuchlern vergessen oder verdrängt wird: Kein Mensch lebt ewig. Und keiner kann Macht, Ruhm, Erfolg, Geld oder auch einen Heiligenschein mit ins Grab oder Jenseits nehmen. Gerne würde man diese Mahnung allen Menschen – auch sich selbst – immer wieder ins Stammbuch – oder Poesiealbum – schreiben:
Den brutalen Machtmenschen, die ihre Macht nicht wirklich teilen können, machtgierig immer gieriger werden, sich nicht kontrollieren und durch Recht und Gesetz bändigen lassen.
Den überheblichen Zahlenmenschen, die zu Machtmenschen werden, wenn sie Zahlen instrumentalisieren und ganz allein die Deutungshoheit über Zahlen beanspruchen.
Den aggressiven Dealmakern, die einschüchtern und drohen und nur noch die Machtkarte kennen, wenn es um ihren eigenen Vorteil und nicht mehr um eine Win-Win-Situation geht.
Den ichbezogenen Schätzesammlern, die ständig neidisch auf andere sind und in der übertriebenen Angst leben, nicht das größte Stück vom Kuchen abzubekommen.
Doch Mahnungen an die eigene Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit reichen leider häufig nicht aus. Wem zum Beispiel seine Macht zu Kopf gestiegen ist, ist blind für realistische Ziele, tragfähige Kompromisse oder nachhaltige Lösungen. Und lähmende und nervige Machtkämpfe können alle erleben, wenn es um die Frage geht, wer in Konflikten das Sagen hat und den Ausschlag gibt, wer seine Interessen im Verteilungskampf durchsetzt, wer anerkannt und gemocht wird. Viele Menschen, so heißt eine andere Wahrheit, verstehen eben nur die Sprache der Macht.
Macht „an sich“ ist weder gut noch böse, nicht automatisch gottlos, vom Teufel, aber auch nicht automatisch ein Allheilmittel, ein Patentrezept. Und Macht muss sich nicht im ethik- und rechtsfreien Raum abspielen. Macht braucht begründetes Vertrauen und gebundene Verantwortung. Und Gestaltungsfreiheit.
Macht – vom althochdeutschen „mugan“ („Vermögen“) – kann dem gemeinsamen Leben dienen. Sie vermag als positive Gestaltungs- und Durchsetzungskraft etwas zu schaffen: Menschengerechtes, Produktives und Innovatives. Wenn Macht geteilt wird, an Recht und Gesetz, an gemeinsam vereinbarte Spielregeln gebunden bleibt und – vor allem in der Politik – durch eine unabhängige Justiz und selbstständige Medien kontrolliert wird. In der Macht steckt das Vermögen, dass Machtlose und Ohnmächtige nicht unter die Räder geraten und dass Chancengleichheit im fairen Wettbewerb um Macht herrscht.
Zivilisierte und demokratische Machtpolitiker sollten Diktatoren, Autokraten oder Populisten nicht zu kopieren versuchen, wohl aber ihre Sprache verstehen und sprechen lernen, damit Menschenrechte sowie das Gemeinwohl eine Chance behalten. Und sie sollten sich gleichzeitig stets daran erinnern lassen, was ein Mächtiger über seiner Todesanzeige veröffentlichen ließ: „Media vita in morte sumus“ („Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“). Eine Binsenweisheit, die die Macht nicht übermutig werden lässt, weil der Tod mächtiger ist, sondern stets zur Demut und zum mutigen Dienst an der Freiheit in Würde einlädt.
Burkhard Budde