Auf ein Wort

„Das tut man (nicht)?!

Von Burkhard Budde

Auf ein Wort

„Das tut man (nicht)?!“

Ist Anstand zu einem Auslaufmodell geworden?

„Hoffentlich!“ antwortet einer ganz spontan, der an eine „fromme Helene“ denkt, die ihn ständig moralisch zu bevormunden versucht. Und die schon von Wilhelm Busch in seiner Bildergeschichte aus dem Jahr 1872 wegen ihrer Doppelmoral verspottet wurde. Er brauche keinen scheinheiligen Aufpasser, meint der junge Freigeist. Ein moralisches oder ideologisches Korsett enge ihn nur ein.

„Hoffentlich nicht!“ protestiert ein anderer. Anstand werde immer wichtiger. Und er weist auf unanständiges Verhalten gegenüber Rettungskräften wie Feuerwehr und Sanitäter hin, die von unzivilisierten Rüpeln in ihrer Arbeit behindert werden. Auch fehle politischen Rabauken, die mit Geschrei und Beleidigungen Andersdenkende vertreiben oder zum Schweigen bringen wollen, jede Form von Anstand.

Viele Menschen sehnen sich weder nach einer frommen Helene noch nach einem aggressiven Rüpel. Sie wollen aber anständig, das heißt wertschätzend und angemessen behandelt werden. Anstand ist ihnen wichtig – als eine Haltung des Respektes und der Fairness, der Freundlichkeit und der Höflichkeit, des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft. Aber auch als Widerspruch gegenüber Ungerechtigkeiten, wenn Grenzen überschritten werden oder die Würde des einzelnen mit Füßen getreten wird. Anstand ist für sie kein Luxus, keine dekorative Zutat, sondern eine menschliche und soziale Tat. Diese Tugend der angemessenen und passenden Reaktion zeigt sich im Handeln – was bereits die Lateiner wussten „Virtus in actione.“ Und ist in Volksweisheiten und Merksprüchen festgehalten; zum Beispiel:

„Auf einen Liegenden tritt man nicht.“ Und „einem Gestürzten reicht man die Hand.“

Leider ist immer häufiger zu ergänzen, dass man auch nicht wegschauen, gleichgültig vorübergehen oder schweigen sollte, wenn einer im Graben liegt und Hilfe braucht. Oder hinter den Fassaden des Anstandes missbraucht und misshandelt wird.

Auch gibt es die Notwendigkeit der Erziehung zum Anstand. Eine Großmutter bringt es auf den Punkt; sie sagt zu ihrem Enkelkind, das mit einem Käfer respektlos spielt: „Das tut man nicht. Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz“.

Das erinnert an die Weisheit Jesu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Aber Kerker- und Foltermeister der Diktatoren dieser Welt, die durchaus Tierfreunde sein können, sind von dieser Weisheit nicht zu überzeugen. Gleichwohl ist zu vermuten, dass Mörder selbst anders behandelt werden wollen, wenn sie Rechenschaft für ihr brutales Handeln ablegen müssen – „anständig“, mit rechtsstaatlichen Mitteln ohne Folter und Schrecken?!

Aber auch in liberalen Rechtsstaaten „ist nicht alles Gold, was glänzt“. Da werden „liebe Mitmenschen“ von „Freigeistern“ getäuscht und über den Tisch gezogen. Da wird eine Person in ihrer Gegenwart über den Klee gelobt; in ihrer Abwesenheit bleibt an ihr kein gutes Haar.

Da spricht ein Tugendwächter von Liebe und Barmherzigkeit, in Wahrheit handelt er herzlos und seine Verantwortung schmilzt in der Praxis wie Schnee in der Sonne. Da reicht einer in einem Konflikt seine Hand zur Versöhnung und erntet die Faust. Da wird der Demütige gedemütigt; das Opfer zum Täter. Da siegt die Frechheit. Ist das alles anständig?!

„Größe zeigt sich in kleinen Dingen“, lautet eine andere Weisheit. Dann erfährt ein Mensch menschlichen Anstand in einer konkreten Situation – wie selbstverständlich – nicht als kalte Dusche der persönlichen Ignoranz oder moralischen Arroganz. Sondern als erfrischendes Lebenselexier, das belebt und eine sinnstiftende Kultur begründeten Vertrauens und gemeinsamer Verantwortung ermöglicht. Und den Zusammenhalt stärkt – als gelebten Anstand mit Zukunftspotenzial.     

                                                                  Burkhard Budde