Auf ein Wort
Humor als Rettungsring?
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Humor als Rettungsring?
Manche empören sich über den Humor: „Angesichts der Welt- und Wirtschaftslage ist mir mehr zum Heulen als zum Lachen zumute“, bekennt ein genervter Zeitgefährte. Und besonders im Blick auf schlimme Krankheiten, Unglücks- und Todesfälle sowie Beziehungskrisen sei Humor für ihn würdelos.
Wieder andere entrüsten sich über die Empörung: Humor könne die Seele von belastenden Sorgen und Ängsten entlasten und von aufgestautem Ärger befreien. „Humor hilft mir“, berichtet ein kranker Menschen, „den Ernst des Lebens sowie meine Schwermut mit heiterer Gelassenheit zu ertragen“.
Weder Humorbremser noch Frohnaturen können ein Leitbild für alle Situationen sein. Es gibt verletzenden und humorlosen Humor, der sich durch billige Schläge unter die Gürtellinie oder durch überhebliche Stelzen der Besserwisserei auszeichnet. Aber auch heilender und entkrampfender Humor ist erlebbar, der sich selbst nicht so wichtig nimmt, über sich selbst lachen kann und es nicht nötig hat, sich über Minderheiten, Schwächere oder Andersgläubige lustig zu machen.
Brauchen wir heute mehr Vorbilder mit souveränem und gelassenem Humor ohne Belehrungen und Ausgrenzungen? Oder mehr Humorverbote, weil sich sonst Diktatoren oder Autokraten, aber auch Berufskritiker oder notorische Nörgler nicht ernstgenommen fühlen?
Ein humorvoller Schalk war wohl Till Eulenspiegel aus dem 14. Jahrhundert, wenn er überhaupt gelebt hat. Jedenfalls hat Till sichtbare Spuren – z. B. Denkmale, Museen, Infotafeln, Brunnen und Kunstwerke – in Kneitlingen, Ampleben, Mölln, Schöppenstedt, Bernburg, Braunschweig und Wolfenbüttel hinterlassen. Auch Menschen, die sich dumm stellen, aber in Wirklichkeit klug sind, indem sie die Kleinkariertheit und Boshaftigkeit ihrer Mitmenschen durch gezielte Taten entlarven, erinnern an die legendäre Figur der Volksliteratur.
Doch wer wagt es jenseits von Karneval und Fasching vornehmen Spießern und abgehobenen Moralpredigern, den selbstverliebten Mächtigen und ihrem gehorsamen Gefolge, die mit verdrießlicher Mimik, heruntergezogenem Mundwinkel oder künstlichem Mundautomatenlächeln herumlaufen, den Spiegel („Speigel“) der Wahrheit vorzuhalten? Ihnen mit spitzer Zunge ihre gespaltenen Zungen zu offenbaren und mit der Feder einer Eule („Ule“) den Staub ihrer Doppelmoral und ihrer Unbeweglichkeit abzuwischen? Ihnen allen eine lange Nase zu drehen, damit sie mit ihrem überheblichen Kopfschütteln nicht auf die Nase fallen?
Unvergessen ist auch der Humor von Stan Laurel und Oliver Hardy („Dick und Doof“). Der naive Stan, stets zerstreut und überfordert, und der eitle Ollie, stets besserwisserisch und sich überschätzend, können zwar chaotisches Unglück verursachen, aber sie halten dennoch zusammen. Zwei ausgegrenzte und ganz unterschiedliche „schwache“ Personen, die schnell auf die Nase fallen, unterstützten sich jedoch gegenseitig und richten sich wieder auf. Und das Publikum? Es lacht sie – auch ohne Ton und Erklärung – nicht aus, sondern freut sich mit ihnen. Denn beide sind wie ein humorvoller Spiegel der Menschlichkeit, in dem sich jeder wiedererkennen kann.
Menschlicher Humor ohne bösartige Verletzungen und ohne moralischen Zeigefinger ist eine Chance, eigene Menschlichkeit zu entdecken. Ein solcher Humor ist wie ein Rettungsring, an dem kranke und gesunde Menschen Halt finden, wenn sie seelisch zu ertrinken drohen oder im Alltag wegen Ärger ins Schwimmen oder wegen Trauer in einen Sog geraten. Der Humor hilft ihnen, den Kopf über Wasser zu halten und ans sichere Ufer zu gelangen, wo zugleich spontane und heitere Mitfreude über einen Geretteten herrscht.
Burkhard Budde