Auf ein Wort
Freiheit in Verantwortung
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Sich für Freiheit einspannen lassen?
Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen, nichts wahrnehmen? Vor allem nicht an die Folgen denken, um nur keine Verantwortung für sich und andere übernehmen zu müssen!
Denn einfacher erscheint es, den Kopf in den Sand zu stecken, als den eigenen Kopf hinzuhalten und mit dem Mund Rede und Antwort geben zu müssen. Und bequemer, sich ins Gebüsch zu schlagen und sich zu verstecken, wenn Kompliziertes oder Unbequemes naht, als Realitäten wahrzunehmen und sich mit ihnen kritisch und konstruktiv auseinanderzusetzen.
Eine Saite einer Geige, die auf einem großen Tisch liegt, will sich nicht einspannen lassen, sondern frei bleiben. Mit der Zeit fühlt sie sich jedoch immer unglücklicher und einsamer, vor allem abhängiger von ihren wechselnden Launen. Ihre ungebundene Freiheit wird zum Einfallstor ihrer Unfreiheit. Sie versklavt sich immer mehr durch eine gefährliche Mischung spontaner Beliebigkeit, hemmungsloser Willkür, grenzenloser Dummheit und überheblicher Gleichgültigkeit. Und bringt ihren Verstand fast um den Verstand.
Erst als ein Geiger die Saite sieht, sie mit Fingerspitzengefühl und Überzeugungskraft in die Hand nimmt, dämmert es ihr, dass sie zu seinen Fingern Vertrauen haben und es neue Perspektiven für ihr Leben geben kann. Sie entdeckt, dass sie gebraucht wird, und von ihrem selbstbezogenen Egotrip befreit wird, wenn sie sich einspannen lässt.
Und es ertönt gemeinsam ein bewegendes Lied vom Entstehen verantwortungsvoller Freiheit:
Die erste Strophe handelt von der totalen Freiheit eines Raubtieres, die den Tod vieler Hühner bedeuten kann, sowie von gutgläubigen und verblendeten Hühnern, die sich von der guten Miene des Raubtieres täuschen lassen. Und von freiheitsliebenden und kampfbereiten Hühnern, die jedoch auf Dauer mutlos und kraftlos werden, weil ihnen die notwendige Unterstützung fehlt.
Die zweite Strophe erzählt von neunmalklugen Beratern eines besorgten Stallbesitzers, die empfehlen, das Raubtier zu einem Besuch in den Hühnerstall einzuladen, um es vom friedvollen Zusammenleben zu überzeugen. Und dabei vergessen haben, dass ein Raubtier ein Raubtier bleibt und gut Gemeintes und Unentschlossenheit als Schwäche wahrnimmt.
In der dritten Strophe geht es darum, dass das Raubtier die Einladung zu Gesprächen nur zum Schein annimmt. Und Stallbesitzer und Hühner sowie ihre Verbündeten außerhalb des Stalles lernen müssen, den Hunger des gierigen Raubtieres nicht zu unterschätzen, sondern den Raum der Freiheit und Sicherheit, des Rechtes und des Wohlstandes entschlossen und geschlossen zu schützen sowie glaubwürdig und wirksam zu verteidigen.
Die vierte Strophe berichtet von der Gesamtverantwortung aller Besitzer freier Ställe, die ihre verantwortungsvolle Gestaltungs-, Kontroll- und Schutzmacht wahrnehmen, aber auch von der Mitverantwortung und dem Mut aller Saiten, die für ein selbstbestimmtes und souveränes Leben in vielfältiger Gemeinschaft gebraucht werden und sich deshalb haben einspannen lassen.
Die Saite, die ihre Ketten der Unfreiheit abgelegt und erlebt hat, weiß nun, dass es Freiheit nicht zum Nulltarif gibt, sondern dass der Preis der Freiheit Anstrengung und Verantwortung jedes Einzelnen für das Ganze ist. Doch eine Strophe fehlt (noch): Wer kann auf Dauer ein Raubtier abschrecken und mit ihm weiterleben, ohne selbst unglaubwürdig zu werden und sich selbst aufzugeben? Damit ein gerechter Frieden in Freiheit eine nachhaltige Chance erhält – mit allen Sinnen und gemeinsamer Verantwortung.
Burkhard Budde