Auf ein Wort
Vergeben statt vergelten
Von Burkhard Budde
Auf ein Wort
Vergeben statt vergelten?!
Verzeihen oder sogar vergeben können? Ein Mann, der seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn hat, erlebt nicht nur Funkstille, sondern auch Verachtung: „Der Knabe hat mich enttäuscht“, behauptet er verbittert, „der ist für mich gestorben.“
Und wenn man den „Knaben“ fragt, will der von seinem „Erzeuger“ auch nichts mehr wissen, da der seine Seele schwer verletzt habe. Nur ein extremer Einzelfall?
Überall in der Gesellschaft – nicht nur in Familien, sondern auch im Berufsleben, in Politik, in Vereinen, in Kirchen, der Nachbarschaft – wird hinter den Kulissen häufig das schräge Lied von verletzenden Erfahrungen gesungen – wie man belogen und betrogen, enttäuscht und getäuscht, vor allem gekränkt, d.h. kleingemacht worden sei.
Wer genau hinhört, wenn ein Gekränkter seine coole Maske abnimmt, verspürt einen aufgestauten Ärger und eine ungezügelte Wut, ja Rachegefühle. „Eigentlich wollte ich nicht darüber sprechen“, sprudelt es aus einer Person heraus, „aber am liebsten würde ich meinem ehemaligen Kollegen den Hals umdrehen. Das hätte der verdient.“ Auch nur ein extremer Einzelfall?
Menschen fällt es schwer zu verzeihen – obwohl mit der Bitte um Verzeihung ein konkretes Unrecht ja nicht einfach vergessen werden soll. Oder es nicht kritisiert bzw. verurteilt werden darf, da ein unrechtes Handeln ein unrechtes Handeln bleibt und manchmal auch angezeigt werden sollte. Und die Kränkung auf Grund eines unrechten Handelns häufig nachgetragen oder später in anderen Zusammenhängen aufs Butterbrot geschmiert wird, wenn das Unrecht nicht aus Vernunftgründen oder um des (Rechts-) Friedens willen ausgetragen, d.h. besprochen oder geklärt worden ist. Doch Verzeihen kann gelingen: „Alles OK. Es schmerzt zwar immer noch. Es steht jedoch nichts mehr zwischen uns wie ein unüberwindbarer Graben.“
Noch schwerer fällt es vielen Menschen zu vergeben – weil es bei der Vergebung um eine innere Fessel geht, die eine Person von ihrer Unfreiheit befreien will. Doch viele gekränkte Personen bleiben lieber im Gefängnis ihrer Wut, Verachtung, Verteufelung des Täters sowie ihrer eigenen Opferrolle sitzen. Und trachten heimlich nach Vergeltung und Rache. Sie trinken lieber das Gift der Boshaftigkeit und hoffen, dass der andere vergiftet wird. In ihrer Verblendung übersehen sie, dass Wut dem Wütigen schadet, seine Gesundheit und seine sozialen Kontakte gefährdet oder sogar zerstört.
Doch viele sehnen sich auch danach, aus dem Gefängnis des Kreislaufes aus Kränkung, Selbstmitleid und Zwang herauszukommen, um als Freie und Unbelastete wieder glücklich werden zu können.
Indem zum Beispiel das entwaffnende und befreiende Lachen als kleine Schwester der Vergebung das Lied anstimmt: „Du wirst mit deiner Bosheit keine Macht mehr über mich haben.“
Oder die besonnene Gelassenheit als ein Instrument der Vergebung: „Ich lasse den zerstörerischen Ballast los und werfe ihn über Bord, damit ich Raum für Veränderbares schaffen und Unveränderbares aushalten kann. Mein Selbstwertgefühl ist jedenfalls stärker als die Kränkung.“
Oder indem die bedingungslose Gnade Gottes entdeckt wird, die eine kostenlose Kostbarkeit und Quelle neuer Souveränität für nichtperfekte und unvollkommene Menschen darstellt. Jesus hat das so formuliert: „Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ – kein Freibrief für Unrecht, da reale Schuld bleibt, aber ein Befreiungsschlag zu neuen Wegen, die in Verantwortung vor Gott, dem Gewissen und dem Nächsten sowie mit aufgeklärter Vernunft im eigenen Interesse (!) begehbar werden.
Burkhard Budde