Auf ein Wort
Scheingötter
Von Burkhard Budde

Auf ein Wort
Scheingötter
Götter tauchen auf – Menschen als wilde Raubtiere.
Die graue Maus flüchtet sofort in ihr Loch, das scheue Reh in sein Dickicht, das erschreckte Huhn kopflos in seinen Stall. Der genügsame Esel, eigentlich sehr intelligent und neugierig, erstarrt; der Vogel Strauß, der schnellste Vogel der Welt, macht sich in Windeseile vom Acker; Meister Lampe ändert blitzschnell seine Laufrichtung und schlägt einen Haken. Und das Chamäleon wechselt schleunigst seine Hautfarbe in neue schillernde Farben.
Beim Fußballgott ist das ganz anders. Der verzaubert seine Fans, die begeistert und fasziniert von seiner Eleganz und Leichtigkeit sind, seiner Kompetenz und seinem Geschick, seiner Einsatzfreude und seinem Kampfgeist, seiner Kreativität und seiner Cleverness.
Aber sollen die Fans oder die Anhänger eines Vereins deshalb den „Fußballgott“ anbeten, ihm ihre Seele schenken? Dann doch lieber „nur“ seine Leistung herzlich anerkennen, ohne sich den Kopf verdrehen zu lassen. Und nicht die Augen verschließen vor unfairem Verhalten sowie der Gier nach Erfolg und Geld um jeden Preis. Und lieber die Augen öffnen für wahre Vorbilder wie „Uns Uwe“, dem Star des Volkes, dem seine Heimat wichtiger war als enthemmte Kommerzialisierung.
Doch wie umgehen mit Halbgöttern, die Biedermeier ihrer Selbstgefälligkeiten sind, Gefangene ihrer Eitelkeiten, Tyrannen ihrer Machtgelüste? Die wie Tanzbären nur um sich selbst kreisen, keine weiteren Bären um sich dulden, vor Selbstberauschtheit strotzen, die Realität ignorieren oder nur das sehen, was sie sehen wollen, die immer hungriger und gieriger, unberechenbarer und willkürlicher werden? Sich ducken, verkriechen, tot stellen oder schreien, um Gnade winseln, vor dem Bären auf die Knie fallen, seine Pfoten küssen, ihm zujubeln und huldigen? Oder wie der Siebenschläfer seinen Schwanz abwerfen? Oder als angegriffener Igel seine Stacheln ablegen, um nur nicht zu provozieren, um des Friedens willen kapitulieren und einem Schein- und Diktatfrieden zustimmen?
Alle Götter sind nicht unverwundbar – selbst der tragische Held Achilles nicht. An seiner Ferse blieb die Haut trocken, weil seine Mutter ihn daran festgehalten hatte, als sie ihn in einen Fluss, der Unter- und Oberwelt trennte, tauchte, um ihn unsterblich zu machen.
Die Achilles-Ferse eines jeden Halbgottes – ob in Weiß, Schwarz, Rot, Blau, Hybrid, mit einer Krone, einem Hut, einer Mütze, einem Helm oder im Adams-Eva-Kostüm – ist die Geschaffenheit und Endlichkeit, die Unvollkommenheit und Schuldhaftigkeit. Jedes Leben ist eigentlich ein Kartenhaus, das jederzeit in sich zusammenbrechen kann.
Alle selbst- oder fremdernannten Halbgötter müssen eines Tages ihre Taten und Nichttaten vor ihrem eigentlichen Schöpfer verantworten – selbst wenn sie im Augenblick des Machtrausches glauben, sie hätten sich ihr Leben selbst gegeben, sie wären uneingeschränkte Herren über Leben und Tod anderer Menschen, sie wären alleiniger und allmächtiger Chef ihres Lebens, oberster Richter und zugleich oberster Regelgeber. Kein Mit- und Nachläufer, kein Vasall und kein Claqueure kann ihnen den Himmel auf Erden schenken oder das ewige Leben versprechen, wohl aber eines Tages bei Misserfolgen das diesseitige Leben zur Hölle machen.
Umso wichtiger ist es, brutale Raubtiere wirksam zu bändigen und so vorsichtig und klug wie die Schlangen zu sein sowie zuversichtlich und aufrichtig wie die Tauben, um ein Leben in Freiheit und Sicherheit, in Würde und Glück zu ermöglichen.
Burkhard Budde